Es beginnt häufig mit einem losen Fragment. Irgendwo notiert, mit noch nassen Händen nach dem Duschen auf einem Post-it oder mit kalten Fingern als kryptische Handynotiz an einer roten Ampel auf dem Fahrrad. Meist habe ich Ideen für neue Texte, während ich gerade mit der Überarbeitung eines anderen Textes beschäftigt bin. Wenn das grobe Gerüst steht und es vor allem Disziplin und Feinarbeit braucht, sehne ich mich nach dem Neuanfang, nach dem aufregenden Nicht-Wissen, wohin eine lose Idee führt.

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So war es auch bei ‚Muttertier‘. Mitten in der Findungsphase eines anderen Projekts ist ein kurzer Abschnitt entstanden, der gewissermaßen der Ausgangspunkt für dieses Stück war. Wenn ich mich dafür entscheide, einer Idee mehr Raum zu geben, beginnt der Schreibprozess zunächst mit der Recherche und dem Sammeln von weiteren Fragmenten. Ich lese wissenschaftliche oder literarische Texte, die sich mit dem Thema befassen oder in irgendeiner Weise eine Atmosphäre kreieren, die ich für den Text spannend finde. Inmitten dieser Notizensammlung nähere ich mich nach und nach den Figuren und deren Sprache und Gedankenwelt an, verliere mich in langen Passagen, sortiere Szenen, setze sie neu zusammen.

Bibiane Beglau

Bibiana Beglau: Der Tag der toten Ente

Bibiana Beglau ist ein Ereignis. Auf der Bühne. Im Film. Im TV. Im Jänner spielt sie Nosferatu am Burgtheater. Bei uns erzählt sie, wie man Kraken füttert, als Deutsche Wien erlebt und erleidet und wie das so ist mit den Zwischenwelten. Weiterlesen...

Die Form bei meinen Texten ist immer eine, die sich intrinsisch aus dem Schreiben heraus ergibt, die ich nicht im Vorhinein festlegen kann. Ich schreibe und streiche unfassbar viel. Häufig fühlt es sich wie eine Freilegung an: Entwurf für Entwurf, Schicht für Schicht abkratzen, bis das Fundament sichtbar wird.

Sobald ein Gefühl für die Grundsituation da ist, versuche ich mich an einer groben Dramaturgie, an einem möglichen Endpunkt, auf den ich hinschreibe, und einem Spannungsbogen, der sich durch die Szenen zieht. Das ist auch meistens der Punkt, an dem ich es anderen Personen zum Lesen gebe, Freund*innen und Kommiliton*innen, meiner Dozentin Gerhild Steinbuch am Institut für Sprachkunst sowie meiner Lektorin Friederike Emmerling vom Fischer Verlag oder in diesem Falle den Teilnehmer*innen und Leitenden des Retzhofer Dramapreises.

Nach den Besprechungen setze ich mich mit den dort entstandenen Fragen wieder neu an den Text, tauche tiefer ein in die Welt. Ich folge den drei Geschwistern in den Hof, wenn die Mutter wieder zu müde ist, um mit ihnen ins Hallenbad zu gehen, stelle mich hinter sie, als sie, eins, zwei, drei, die Arme ausgestreckt, die Szenen der ‚Titanic‘ nachspielen, warte mit ihnen vor der Tür auf ein Lebenszeichen der Mutter. Ganz am Ende dann beginnt die relativ lange und intensive Überarbeitungsphase.

Ich gehe Satz für Satz durch, prüfe auf Rhythmus und Anbindung des Gesprochenen an die Figuren. Diese letzte Phase ist eigentlich hauptsächlich Fleißarbeit: sich erneut an den Schreibtisch setzen, wieder das schon tausendmal geöffnete Dokument öffnen, noch einmal Szene für Szene alles durchgehen. So lange, bis ein neues loses Fragment, eine erste Idee auf einem durchnässten Post-it oder eine mit kryptischer Autokorrektur formulierte Handynotiz entsteht.

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Zu den Spielterminen von „Muttertier“ im Vestibül!