Schlimmer geht’s nimmer. Mit übel zugerichtetem Gesicht und traktiertem Bein erfährt Dorfrichter Adam eines frühen Morgens, dass sich die Gerichtsrätin Walter noch für denselben Tag zur Visitation mit angeschlossener Finanzprüfung angekündigt hat.

Anzeige
Anzeige

Damit nicht genug, verlangt die resolute Frau Marthe Rull Gerechtigkeit für einen besonders schönen Krug, der ihr in der vorangegangenen Nacht zerschlagen worden ist. Und zwar von einem Invasor, der ihre Tochter Eve unsittlich bedrängte. Deren Verlobter Ruprecht konnte zwar das Allerschlimmste verhindern, zweifelt nun aber an Eves Treue.

Heinrich von Kleist ist mit dieser schwarzen Komödie, an deren Ende die Machtpyramide kippt, eine bemerkenswerte Leistung gelungen.

Robert Joseph Bartl, Schauspieler

Eindringling, Missbrauchstäter und Krugzerstörer in einer Person ist der Dorfrichter Adam höchstselbst, der nun nach allen Regeln der Korruption und der meisterlichen Lüge danach trachtet, seinen Einfluss auf allen Machtebenen zu erhalten. Heinrich von Kleist schrieb das als Komödie klassifizierte Stück vor 215 Jahren – es könnte aktueller nicht sein. Der Bezug zur Gegenwart sei von Weinstein bis Rammstein gegeben, meint auch Robert Joseph Bartl, Darsteller des Adam.

„Man muss da nicht lange graben. Seit MeToo und den kirchlichen Missbrauchsfällen ist der Stein im Rollen. Es ist gut, dass diese alten Machtstrukturen erschüttert werden und ins Wanken geraten. Aufgelöst haben sie sich allerdings noch nicht, und vielleicht werden sie das auch nie. Im Stück kommt durch Zufall an einem Tag so viel zusammen, dass man es nicht mehr unter den Teppich kehren kann, obwohl auch die Gerichtsrätin Walter eigentlich nichts anderes will als die Erhaltung des Rechtssystems. Adam soll gar nicht demontiert werden. Heinrich von Kleist ist mit dieser schwarzen Komödie, an deren Ende die Machtpyramide kippt, eine bemerkenswerte Leistung gelungen.“

Ambivalente Traumrolle

„Der Adam ist absolut mein Fach, weil er eine komisch-tragische Figur ist, und bei solchen fühle ich mich zu Hause. Er ist kein sympathischer Mensch, und ich mache ihn in meinem Kopf auch nicht klein, indem ich sage, na ja, der hat ja nur ein bisserl dies und das. Nein, er hat eine hohe kriminelle Energie, fälscht Bücher und setzt nachts junge Frauen sexuell unter Druck. Ich muss als Schauspieler meine Figur aber auch verteidigen, denn Adam ist auf der anderen Seite ein sinnlicher, wahnsinnig begabter Hund, der Lügengeschichten draufhat, dass sich die Balken biegen. Zwischen gut und böse, großartig und verdammenswert ist alles in dieser Figur drinnen. Und am Schluss fällt er ordentlich auf die Schnauze.“

Anzeige
Anzeige

Wofür Eve sorgt, die mit der Enttarnung deshalb so lange zuwartet, weil Adam ihr versprochen hat, ihren Verlobten Ruprecht vor der Einberufung zum Militär zu bewahren. „Das lange Schweigen macht diese Figur auch so spannend“, erklärt Juliette Larat. „Sie schweigt sicher auch aus Scham, ist für mich aber nicht nur das Opfer, als das sie oft gelesen wird. Ich finde, es hat auch etwas Heldenhaftes, den Geliebten so zu schützen. Der Bogen vom Schweigen zum großen Monolog ist das Reizvolle – der Ausbruch selber ist eigentlich gar kein Schlüsselmoment, weil das Publikum den Täter ja von Anfang an kennt.“

Kann man eine solche Thematik heute noch als Lustspiel klassifizieren? „Man lacht ja nicht über das Geschehene, sondern über Adams Versuche, dieses zu überdecken, darüber, dass jede Figur im Stück ihre eigene Wahrheit hat und auf dieser beharrt.“ Sie freue sich vor allem darauf, Kleist zu sprechen. „Einen solchen Text internalisiert zu haben ist wirklich beglückend.“

Was bitte, ist an Blankversen, die sich nicht einmal reimen, vergnüglich? „Wenn man die Sprache liebt – und als Schauspieler muss man das –, ist es ein Geschenk, sich damit zu beschäftigen. Dass ich mindestens einmal am Tag wahnsinnig werde, ist etwas anderes“, amüsiert sich Robert Joseph Bartl. „Wenn man es dann aber kann, hat man das Gefühl, dass man es gar nicht anders sagen könnte. ‚Da muß submiß ich um Verzeihung bitten‘ ist doch ein toller Vers.“ Fürwahr.

Schicksalhafte Opernliebe

Robert Joseph Bartl, seit vier Jahren am Theater in der Josefstadt und längst ein Publikumsliebling, ohne den kaum noch eine Produktion auskommen will, muss nicht mehr extra vorgestellt werden.

Juliette Larat indes ist ganz neu im Ensemble. In Deutschland geboren, aber in Frankreich aufgewachsen, kam sie der Oper wegen nach Salzburg. „Ich habe nach der Matura als Billeteurin bei den Festspielen gearbeitet, um mir alles anschauen zu können, denn ich hatte natürlich nicht die finanziellen Mittel, um bei jeder Opernpremiere dabei sein zu können. Ich war euphorisiert von dieser Aura und dachte irgendwann, hier will ich wohnen.“

So kam es zum Studium am Mozarteum – dessen Schauspielinstitut übrigens von Amélie Niermeyer geleitet wird, die „Der zerbrochne Krug“ in den Kammerspielen inszeniert. „Ich mag Österreich sehr, weil es für mich eine gelungene Mischung aus Deutschland und Frankreich ist. Der Wiener Schmäh ist charmant, die Croissants sind besser als in Berlin, und die Leute sind höflicher.“ Was erhofft sie sich von ihrem Engagement im Theater in der Josefstadt? „Lernen, lernen, lernen!“

Metaphorisches Glücksschürzerl

Lernen sei immer gut, findet auch der erfahrene Kollege Bartl. „Offen sein auch. Und sich freuen können. Meine erste Regisseurin hat gesagt: ‚Wenn es Glück regnet, muss man das Schürzerl aufhalten.‘ Als ich 1996 am Max Reinhardt Seminar zu studieren begonnen habe, meinte unser Professor Klaus Maria Brandauer, wir seien alle wahnsinnig. Jetzt bin ich doch schon recht lange wahnsinnig und noch immer glücklich damit.“

An Juliette Larat und Nils Arztmann, der den jungen Ruprecht spielt, schätzt er übrigens auch deren hohe Sprechkultur. „Ich gehe ins Theater und verstehe gern. Und ich stehe auf der Bühne und möchte verstanden werden. Das gilt auch für Film und Fernsehen – da bin ich altmodisch.“

Aber hat nicht noch jede Generation der nächsten unverständliches Genuschel vorgeworfen? „Doch, und ich verrate Ihnen auch, warum: weil die Älteren nicht mehr so gut hören.“

Der zerbrochne Krug
Robert Joseph Bartl und Juliette Larat auf den Stufen vor den Kammerspielen. Wiewohl die beiden eine Generation trennt, eint sie ihre unbedingte Liebe zur Sprache.

Foto: Andreas Jakwerth

Zur Person: Das Stück

Alban Bergs Oper „Lulu“, vor deren Fertigstellung er starb, entstand nach zwei Tragödien von Frank Wedekind. Sie behandelt das fatale Leben Lulus, ihre Beziehungen – im Zentrum Dr. Schön –, Aufstieg und Fall all ihrer Männer sowie ihren eigenen Absturz. Im MusikTheater an der Wien werden in Koproduktion mit den Wiener Festwochen die zwei von Berg vollendeten Akte, ergänzt um Teile der „Lulu“-Suite, gezeigt.