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Probenfoto von „Les Martyrs“ in der Inszenierung von Cezary Tomaszewski für das MusikTheater an der Wien.

Probenfoto von „Les Martyrs“ in der Inszenierung von Cezary Tomaszewski für das MusikTheater an der Wien.
Foto: Werner Kmetitsch

Les Martyrs von Gaetano Donizetti

MusikTheater an der Wien
Ein Stück in einer Minute

Im dritten Jahrhundert nach Christus erlebte die Verfolgung der zum Christentum Konvertierten durch die römischen Invasoren in Armenien eine unrühmliche Hochblüte. Gaetano Donizetti machte aus der brutalen Unterdrückung eine Oper.

Bereits 1838 unter dem Titel „Poliuto“ entstanden, verhinderte die italienische Zensur die Uraufführung der Oper, da sie fand, man dürfe aus einem derart ernsthaften Stoff kein Singspiel machen. Komponist Gaetano Donizetti ließ schließlich den Dramatiker Eugène Scribe ein französischsprachiges Libretto verfassen und brachte das Werk als „Grand Opéra“ unter dem Titel „Les Martyrs“ 1840 in Paris zur Weltpremiere.

Inhalt

Armenien im 3. Jahrhundert nach Christus: Das Land steht unter römischer Herrschaft – der christliche Glaube ist bei strenger Bestrafung verboten. Überzeugte Christ*innen treffen sich heimlich in den Katakomben, um Polyeucte, Schwiegersohn des tyrannischen Gouverneurs und Christenfeinds Félix, zu taufen.

Polyeuctes Frau Pauline beobachtet zufällig die Taufzeremonie und stellt ihren Mann zur Rede. Sie befindet sich in einem Konflikt, da sie sich eigentlich zum römischen General Sévère, der im Krieg verschollen ist, hingezogen fühlt und Polyeucte nur ihrem Vater zuliebe geheiratet hat. Als ihr Vater die Gesetze verschärft und alle getauften Christen zum Tode verurteilt, ist sie dennoch entsetzt.

Die Verfolgung beaufsichtigen soll ein neuer Prokonsul, der sich bei seiner Ankunft als Sévère entpuppt. Er und Polyeucte erkennen, dass sie Rivalen um Paulines Gunst sind. In die Ankunftsfeierlichkeiten platzt schließlich der römische Priester Callisthènes mit der Nachricht, dass man einer Taufe in den Katakomben auf der Spur sei. Als sein ebenfalls christlicher Freund Néarque zur Sache verhört und mit dem Tode bedroht wird, stellt sich Polyeucte.

Félix verspricht ihm eine Amnestie, falls er dem Christentum abschwört. Polyeucte weigert sich und landet im Gefängnis. Als ihn Pauline dort besucht, erfährt sie eine göttliche Vision und bekennt sich nun ebenfalls zum Christentum. Gemeinsam beschließen sie, den Märtyrertod zu sterben und werden in der Arena – gemeinsam mit anderen Gefangenen – den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Geschichte des Werks

Nachdem „Poliuto“ in Italien keine Aufführungserlaubnis bekam, bearbeitete Eugène Scribe Gaetano Donizettis Werk auf Basis des italienischen Librettos von Salvadore Cammarano neu und schuf eine französische Version: „Les Martyrs“. Beiden Libretti diente Pierre Corneilles im 17. Jahrhundert entstandenes Theaterstück „Polyeucte“, das den Werdegang des frühen christlichen Märtyrers und Heiligen Polyeuctus zum Inhalt hatte, als Vorbild.

Der Kontrast zwischen italienischem Belcanto und französischer Romantik war ein Wagnis und wurde von Anfang an kontroversiell betrachtet. Nach der Uraufführung am 10. April 1840 in Paris stand „Les Martyrs“ in derselben Saison zwar noch mehr als 20 Mal auf dem Spielplan, über den Erfolg war sich die Kritik aber nicht einig. Hector Berlioz, bekannt dafür, italienische Opern nicht zu mögen, bezeichnete das Werk als „Credo in vier Akten“, wohingegen der Dichter, Dramatiker und Journalist Théophile Gautier Donizettis Arbeit verteidigte.

Vergleicht man „Les Martyrs“ mit anderen Opern von Gaetano Donizetti – wie etwa „Lucia di Lammermoor“, „Maria Stuarda“, „Roberto Devereux“ oder „L’elisir d’amore“ – so zählt sie zu den weniger oft gespielten, wird aber in den vergangenen Jahrzehnten langsam wiederentdeckt.

Die Originalversion „Poliuto“ wurde übrigens erst knapp nach Donizettis Tod 1848 am Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt.

Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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