Das Geheimnis des schwarzen Rucksacks

Mit Juliette Binoche, Isabelle Huppert und Jude Law hat er schon gearbeitet. Mit David Bowie schuf er kurz vor dessen Tod das Musical „Lazarus“. Nun inszeniert der gebürtige Belgier Ivo van Hove zum ersten Mal im Burgtheater.

„Wenn man sucht, findet man immer was“, erklärt der Feldwebel dem siebzehnjährigen Fabian in Marieluise Fleißers 1928/29 verfasstem Stück „Pioniere in Ingolstadt“. Der in Belgien geborene und international gefeierte Theater- und Opernregisseur Ivo van Hove musste sich gar nicht erst auf die Suche begeben, um ein Stück zu finden, das er gerne im Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen inszenieren würde. Als ihn Martin Kušej vor etwas mehr als zwei Jahren wegen einer Inszenierung fragte, meldete sich sofort Marieluise Fleißer aus seinem Gedächtnis. Laut und deutlich – und in der für „die Fleißer“ typischen Sprache zwischen bairischem Dialekt und Künstlichkeit. Weil es zu den großen Anliegen des Hauses gehört, aus dem Dramenkanon gedrängte Autorinnen wie Maria Lazar, Anna Gmeyner und nun auch Marieluise Fleißer wieder auf die Bühne zu bringen, zeigte man sich im Burgtheater über diesen Vorschlag mehr als erfreut.

Ein Funken Hoffnung

Ivo van Hove, der zum Zeitpunkt unseres Gesprächs mit seinem Ensemble mitten in den Endproben steckt, war daraufhin schnell klar, dass er die beiden Ingolstädter Stücke – „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ – gerne zu einem Abend zusammenzurren würde. Ingolstadt verwandle sich dadurch, erklärt der Regisseur, zu einer „fast schon mythischen Provinzstadt“, in der sich in erster Linie junge Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben tummeln. Oder zumindest nach einem Notausgang, der sie aus der beklemmenden Kleinstadthölle hinausführt. Wie sehr der Hut in dieser Beziehung schon brennt, zeigt sich am allerdeutlichsten in der Figur des Außenseiters Roelle. An seiner Situation lässt sich auch gut ablesen, was Fleißer meint, wenn sie sagt, „Fegefeuer in Ingolstadt“ sei ein Stück „über das Rudelgesetz und die Ausgestoßenen“.

Regisseur Ivo van Hove bei den Proben zu „Ingolstadt“. Foto: Matthias Horn

„Das bedeutet, dass man sich entweder anpasst oder als Außenseiter physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt ist“, bringt es Ivo van Hove ohne große Umschweife auf den Punkt. Doch nicht nur das „Rudelgesetz“ hält die Ingolstädter Machtmaschinerie am Laufen, sondern auch der alle Lebensbereiche durchdringende Katholizismus wie auch ein wild um sich greifender Machismus.

Die Ausweglosigkeit, die Figuren wie Roelle, aber auch Olga, die schwanger, aber nicht verheiratet ist, immer wieder auch am eigenen Leib erfahren, schildert Fleißer auf für viele vielleicht ungewohnt unsentimentale Weise, erklärt van Hove, der zum ersten Mal als Regisseur in Österreich arbeitet. „Trotzdem stattet sie ihre Figuren – so erkläre ich es in den Proben immer – mit Spuren von Hoffnung aus. Mit kaum merkbaren Momenten, in denen Sonnenschein die Dunkelheit durchbricht.“

Fragt man Ivo van Hove nach seinen Verbindungen zu den Texten der viel zu selten gespielten Autorin, antwortet er: „Weil ich in Amsterdam lebe, denken viele Menschen, dass ich Holländer bin; geboren und aufgewachsen bin ich jedoch in Belgien. Das bedeutet, dass ich in einem katholischen Land sozialisiert wurde. Tatsächlich ist es aber so, dass ich mich noch nie künstlerisch mit dem Katholizismus auseinandergesetzt habe, daher war das eine schöne Gelegenheit.“

Als Künstlerischer Leiter des Internationaal Theater Amsterdam hält sich der Theatermacher zwar häufig in der holländischen Hauptstadt auf, ist jedoch auch regelmäßig in Berlin, Paris, London und New York als Regisseur zu Gast. „Ich nehme nur Angebote an, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich damit Geschichten erzählen kann, die mich wirklich interessieren. Von denen ich aber auch denke, dass sie für das Land, in dem sie aufgeführt werden sollen, gesellschaftlich relevant sind“, erläutert der zweimalige Gewinner der renommierten US-amerikanischen Tony Awards.

„Ingolstadt“ im Burgtheater
Probenfoto von „Ingolstadt“. Im Vordergrund: Marie Luise Stockinger, dahinter Dagna Litzenberger Vinet und Ensemble. Foto: Matthias Horn

Ein Rucksack voller Ideen

Als im deutschsprachigen Raum theatersozialisierte*r Europäer*in drängt sich rasch die Frage auf, wie es zu diesem Bedürfnis kam, sich international so breit aufzustellen. „Ich werde das in Interviews häufig gefragt und habe deshalb immer wieder darüber nachgedacht“, antwortet der Regisseur, während er sich auf beide Unterarme gestützt nach vorn lehnt.

„Ich denke, dass ich zu einer Generation belgischer Künstler*innen gehöre, wie unter anderem auch die Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker oder die Fashion Designer*innen Ann Demeulemeester und Dries van Noten, die damals diesen unbedingten Drang danach verspürten, diesen Aufbruch zu wagen.“

Ivo van Hove, Regisseur

Daraus wurde rasch jene Art von Ausbruch und Zäsur, die Fleißers verlorenen Ingolstädtern verwehrt bleibt. Er fügt hinzu: „Belgien ist außerdem ein Land, das den Großteil seiner Geschichte von anderen Nationen besetzt war. Diesen Minderwertigkeitskomplex haben wir in Kreativität umgewandelt. Ich würde also sagen, dass der Wunsch danach, auch in anderen Ländern künstlerisch tätig zu sein, Teil unserer DNA ist.“

Ivo van Hove
„Für mich gehört es zur Verantwortung des Regisseurs, der Notwendigkeit eines Projekts Ausdruck verleihen zu können.“ Ivo van Hove, Regisseur Foto: David Payr

Neben vielen anderen Dingen, die den im Gespräch mit sehr viel Ruhe, aber auch einer großen Portion Leidenschaft artikulierenden Regisseur auszeichnen, ist Ivo van Hove unter anderem für seine Art, sich auf neue Projekte vorzubereiten, bekannt. „Ich möchte ein bis zwei Jahre bevor die Probenarbeit losgeht, wissen, was ich mache und warum ich es machen möchte. Für mich gehört es zur Verantwortung des Regisseurs, dieser Notwendigkeit Ausdruck verleihen zu können. Ich bereite sozusagen die Welt vor, in der wir uns während der Proben bewegen. Und auch ein paar ihrer Gesetze“, erläutert Ivo van Hove, der unter anderem schon als „maximaler Minimalist“ bezeichnet wurde. Dass es diese Gesetze gibt, bedeutet aber keineswegs, dass kein Spielraum vorhanden ist. Ganz im Gegenteil.

Zur Veranschaulichung deutet der Regisseur auf seinen schwarzen Rucksack. „In diesem Rucksack befinden sich all jene Dinge, die ich vorbereitet habe, aber ich öffne ihn nicht. Ich könnte ihn jedoch aufmachen, wenn wir zum Beispiel während der Proben in eine Sackgasse geraten und eine Lösung brauchen.“ Er lacht und schiebt den Rucksack wieder beiseite. Vielleicht stimmt es also doch: „Wenn man sucht, findet man immer was.“ Mit dem großen Unterschied allerdings, dass sich das Theaterrudel immer gemeinsam auf die Suche macht.

Zu den Spielterminen von „Ingolstadt“ im Burgtheater!

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