Kunst des Augenblicks: Martin Kušej über das Burgtheater

Wenn Tradition, dann als glühende Kohle und nicht als tote Asche, findet Burgtheater-Direktor Martin Kušej. Am wohlsten fühlt er sich ohnehin im Jetzt.

Ist, wenn alles gut geht, der Herbst eine Art von Neubeginn für Sie?

Martin Kušej: In diesem Fall kommen wir tatsächlich nicht umhin, von einem „Neubeginn“ in mehrfacher Hinsicht zu sprechen. Der Zuschauerraum des Burgtheaters wird in neuem Glanz erstrahlen, die Bequemlichkeit und das Raumklima an heißen Tagen werden sich für das Publikum enorm verbessern. Dazu kommt, dass die Pandemie die längste Schließung unseres Hauses seit seiner Gründung erzwungen hat – diese Wiedereröffnung wollen wir mit einem Festakt gebührend feiern. Und schließlich starten wir den dritten Versuch, in meiner Direktionszeit eine komplette Spielzeit auf unsere Bretter zu bekommen – auch das ein außergewöhnlicher Vorgang, für den es keine Referenzereignisse gibt. Ich hoffe sehr, dass wir nahtlos an den Herbst 2019 anschließen können. Also nicht „neu“, sondern „weiter so!“. 

Als Theatermacher ist das Leben häufig eine einzige Abfolge von Neuanfängen. Was ist anders? 

Martin Kušej: Um in Anlehnung an Hermann Hesse zu antworten: Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne, sondern wir verlassen damit einen außergewöhnlichen Zeitabschnitt, der für alle mit fast ausschließlich negativen und verunsichernden Erfahrungen behaftet bleibt. Und für die paar posi­tiven „Lerneffekte“, wie zum Beispiel das Aus für Billigflieger, sehe ich auch eher schwarz. Unsere Gesellschaft hat in einer Art Probedurchlauf einen Eindruck davon bekommen, was alles geschehen kann und was auch geschehen wird. Gerade weil wir aus der Pandemie viel zu wenig gelernt haben, weil sie keine neuen, radikalen Ideen oder Lösungen hervorgebracht hat für das Klima oder für ein nachhaltiges Leben, wird die Aufgabe der Kunst umso wichtiger und gefragter. Natürlich spreche ich dabei nicht von „bürgerbewegtem“ Agitieren, sondern von Szenarien und Fragestellungen, die wir im Theater seit jeher ohne Rücksicht auf irgendwelche anderen Interessen behandelt haben und behandeln müssen. 

„Das Leben ein Traum" in einer Inszenierung von Martin Kušej eröffnete die vergangene Spielzeit. Foto: Andreas Pohlmann

Sieht man sich das Programm an, merkt man, dass Sie Ihren Wunsch, das Burgtheater als ­vielsprachiges, europäisches Haus zu positionieren, weiter voran­treiben möchten.

Martin Kušej: Ja, wir schließen an unser bisheriges Programm an, mit dem wir pandemiebedingt noch keine deutliche Entwicklung vollziehen konnten. Es gab nur die para­doxe Erkenntnis, dass ein Virus tatsächlich transkulturell und transnational agieren kann, während wir uns reflexartig eingeigelt und abgeschottet haben. Verständlich – aber an irgendeinen Austausch in Form von Reisen, Sprachen, Gastspielen, Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem Ausland, auch an auswärtiges Publikum war 15 Monate lang nicht zu denken. Klar, dass wir uns nicht unterkriegen lassen wollen, schließlich sind wir ein internationales, europäisches Theater, das jede Form von Grenzen und Begrenzungen hinterfragt und Wert auf Offenheit, Neugierde und Austausch legt. Ich kann mich erinnern, dass das vor zwei Jahren sehr gut funktioniert hat.

Noch lange nicht zufrieden

Während sich Diversität in einem Ensemble relativ einfach herstellen lässt, ist das beim Publikum deutlich schwieriger …

Martin Kušej: Dieser Idee liegt natürlich immer auch ­etwas Idealistisches zugrunde. Wir wollen herausfinden, wie wir diese Entwicklung voranbringen können und wie weit es gehen kann. Oft stehen dem ganz praktische Dinge entgegen: Wie rasch können wir „diverse“ Ensemblemitglieder in einem organischen Prozess mit aufnehmen? Welche Stücke bzw. Texte eignen sich für eine vielsprachige Auflösung? Welche technischen und finanziellen Mittel stehen für all das zur Verfügung? Und schließlich, wie erreichen wir Zuschauerinnen und Zuschauer, die bisher nicht zu uns gekommen sind? Solche, die keine Verbundenheit zu dieser Kunstform haben, die es sich nicht leisten können oder die andere Barrieren zu überwinden haben?

Hier haben wir verschiedene Kooperationen geschlossen, sind ansprechbar in den sozialen Netzwerken, kümmern uns um Nachwuchs in diversen Schul- und Jugendprojekten … Ich bin aber tatsächlich noch lange nicht zufrieden – auch weil die Zeitspanne bisher zu eingeschränkt war, um belastbare Ergebnisse vorzuweisen. Mit den verschiedenen Communitys in der Stadt wollen wir stärker in Kontakt treten, und das Burgtheater hat dabei für viele eine historische Hürde und Distanz, die wir weiter abbauen müssen. 

Das Akademietheater wird am 4. September mit Elfriede Jelineks aktuellem Stück „Lärm. ­Blindes Sehen. Blinde sehen!“ ­eröffnet. ­Inwiefern gibt es die Tonart der kommenden ­Spielzeit an?

Martin Kušej: Elfriede Jelinek schreibt in ihrem neuen Stück zum Lärm unserer Tage: „Alle stehen allen gegenüber und schreien sich an.“ Darum geht es in Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“, um das Gerede auf allen möglichen Kanälen und die Inszenierung von Politik als Heilsgeschehen; das führte während der Pandemie zu einem grauenhaft komischen Bild vom Öffentlichen in unseren Tagen. Jelinek schreibt ja immer aus aktuellen gesellschaftspolitischen Anlässen heraus. Man kann das Stichwort „Lärm“ auch insofern programmatisch verstehen, als das Theater nach den Erfahrungen der Covid-19-Krise sehr deutlich und laut auf sich aufmerksam machen muss. Wir haben das jedenfalls mit Vehemenz vor! 

„Lärm. ­Blindes Sehen. Blinde sehen!“ von Elfriede Jelinek eröffnet die aktuelle Spielzeit. Foto: Matthias Horn

Lebendige Kunstform

Was entgegnen Sie, wenn sich ­jemand über mangelnde Klassikerpflege an Ihrem Haus beschwert?

Martin Kušej: „Klassikerpflege“ – brrr, allein der Begriff bereitet mir schon Schwierigkeiten –, was wäre das genau? Er erinnert mich an altes, rostiges Silber, das man aufpoliert. Jedenfalls: Das kann nicht unser Ziel sein! Selbstverständlich gibt es zahlreiche Stücke des klassischen Reper­toires, die wir in modernen Inszenierungen präsentieren. Dabei ist Theater eine sehr lebendige, heutige Kunstform, Blicke ­zurück – zumal in Ehrfurcht – sind nicht unsere Sache. Das heißt aber nicht, dass ich zum Beispiel keinen Wert auf Versmaß und Rhythmus in Schillers „Maria Stuart“ legen würde. Ganz im Gegenteil! Solange wir die Tradition als glühende Kohle weitertragen und nicht als tote Asche, passt alles!

„Das Bekenntnis zu Stücken, zu Geschichten, zu Charakteren und Schicksalen – in welcher kühnen Form auch immer – ist eine klare Ansage für unser Theater.“

Martin Kušej

Bei der Präsentation des Spiel­zeitbuchs haben Sie betont, dass sich das Burgtheater als „Haus der Dramatik“ versteht. Ist die Zeit der Postdramatik nun endgültig vorbei?

Martin Kušej: Ja, das Bekenntnis zu Stücken, zu Geschichten, zu Charakteren und Schicksalen – in welcher kühnen Form auch immer – ist eine klare Ansage für unser Theater. Und zum postdramatischen Theater kann ich nur sagen: „Alles ist gut, wenn es gut ist.“ Hier gibt es allerdings Entwicklungen, die ich nur mehr als dilettantisch und völlig beliebig bezeichnen kann – vor allem wegen der unglaublichen Ich-Bezogenheit der beteiligten Personen. 

Neu- und Wiederentdeckungen

Von welchen jungen Drama­tiker:innen sind Sie besonders ­begeistert? 

Martin Kušej: Lucy Kirkwood, von der wir zwei Stücke im Spielplan haben („Das Himmelszelt“ und „Moskitos“), und Alice Birch, die mittlerweile schon sehr hoch gehandelte Autorin von „Anatomy of a Suicide“ oder diversen Hollywoodproduktionen. Spannend finde ich auch die beiden Regisseure Robert Icke und Simon Stone, die jeweils extrem gute eigene „Überschreibungen“ von Stücken bei uns im Burgtheater vorstellen: „Die Ärztin“ nach Schnitzlers „Professor Bernhardi“ und „Komplizen“ nach Gorkis „Kinder der Sonne“ und „Feinde“. Dann möchte ich Lisa Wentz erwähnen, die diesjährige Retzhofer-Preisträgerin, und ihren letztjährigen Vorgänger Thomas Perle – deren beider Gewinnerstücke haben sehr viel Potenzial und stehen deshalb bei uns im Programm. 

Das Burgtheater tritt unter Ihrer Direktion außerdem als Haus der Wiederentdeckungen hervor. Zuerst Maria Lazar, dann Anna Gmeyner und nun Marianne Fritz. Ist das Teil einer Strategie? 

Martin Kušej: Nein, das ist ein ganz besonderes Interesse unserer Dramaturgie! Ich hatte eine ähnliche Schiene schon in München am Residenztheater. Aber in Wien bin ich ehrlich überrascht, wie immens viel wir da noch an versunkenen, vergessenen Texten und Stücken ausgraben. Die Produktivität von Autorinnen und Autoren vor allem vor der Nazi-Zeit muss riesig gewesen sein – die Frage, warum man die nicht mehr kennt, stellt sich traurigerweise nicht mehr … 

Warum sind neben Neu- auch ­diese Wieder­entdeckungen so wichtig? Und warum wird das tendenziell so wenig gemacht?

Martin Kušej: Weil dafür sehr viel akribische Arbeit und unermüdliches Herumstöbern aufgewendet werden muss. Die Belohnung dafür sind dann tatsächlich Wiederentdeckungen spannender und schillernder österreichischer Dramatik und Literatur, die sonst weiter unbekannt vermodern würde. Auffällig ist die hohe Dichte an Frauen – für diese war offensichtlich die Zeit noch nicht reif. Aber es ist wichtig, zu erkennen, dass es schon um die vorletzte Jahrhundertwende eine selbstbewusste, starke feminine Literatur gegeben hat. 

Birgit Minichmayr und BIbiana Beglau bei der Aufführung von „Maria Stuart" bei den Salzburger Festspielen. Foto: SF / Matthias Horn

Eröffnung mit Maria Stuart

Das große Haus wird am 5. September mit Ihrer Inszenierung von „Maria Stuart“ eröffnet. Ein Stück, das Sie ja schon lange mit sich herumtragen. Sind Sie nun erleichtert, dass es endlich so weit ist? 

Martin Kušej: Erleichtert werde ich erst nach der Premiere am Burgtheater sein. Vorher ist noch Feinschliff für die Salzburger Aufführung nötig – und insgesamt, da haben Sie recht, hat diese Inszenierung eine lange und anstrengende Genese hinter sich. Mühsam war vor allem, dass es doch mehrfach angesagt war, die Konzeption ändern zu müssen; da bin ich eher wie ein Esel, den man schwer vom Weg abbringen kann. Kompromisse waren aber schließlich unumgänglich, und irgendwann ist es doch wieder ein eigenständiges, überraschendes Werk, das von allen Faktoren mitbeeinflusst ist, die während seiner Entstehung eine Rolle gespielt haben. Ein bisschen wie Baumringe, die immer neue Geschichten aus dem Leben eines Baumes erzählen. 

Mit Sartres „­Geschlossener Gesell­schaft“ inszenieren Sie in der kommenden Spielzeit ein weiteres Stück. Eine Mög­lichkeit, über die vergangenen Monate zu reflektieren, ohne dabei zu konkret werden zu müssen? 

Martin Kušej: Ja, das würde ich genauso sehen. Erst einmal wird ein Text auf seine lang- oder immerwährende Aktualität überprüft. Beim Existenzialismus, der leicht Staub angelegt hat, gibt es so Wellen … die Pandemie hat sicher diverse Asso­ziationen und Reflexionen ausgelöst. Aber das wäre nicht der Grund für eine Inszenierung. Das Stück ist einfach eine wunderbare Studie über die menschliche Existenz – und mit unserer trefflichen Besetzung macht die Arbeit daran einfach puren Spaß! 

„Tendenziell neigen wir etwas sehr zum Dunklen, Schwermütigen – das ist mir auch schon aufgefallen –, deshalb: Paradigmenwechsel.“

Martin Kušej

Wir haben noch gar nicht über ­Komödien gesprochen. Wie lustig wird die Spielzeit 2021/22? 

Martin Kušej: Tendenziell neigen wir etwas sehr zum Dunklen, Schwermütigen – das ist mir auch schon aufgefallen –, deshalb: Paradigmenwechsel. Zumindest deutlicheres Gewicht auf Unterhaltung und Humor. Dieses beginnt mit Nicolai Erdmans Jahrhundertkomödie „Der Selbstmörder“, inszeniert vom Slapstick-Experten-­Regieduo Jordan/Koppelmann. Die wunderbare und sehr unterhaltsame Adaptation von „Stolz und Vorurteil“ bleibt weiter in unserem Programm – inszeniert von Lily Sykes, die sich in der kommenden Spielzeit der Neufassung von „Cyrano de Bergerac“ des britischen Dramatikers Martin Crimp widmen wird. Seine Nachdichtung von Edmond Rostands berühmtem Versdrama aus dem späten 19. Jahrhundert ist sprachlich spektakulär. Crimp hat das Original um zahlreiche Einflüsse aus Spoken Word, Hip-Hop und zeitgenössischem Diskurs erweitert und scharfzüngig und voller Humor durchgängig gereimt. Natürlich bleiben auch alle anderen unterhalt­samen Stücke aus den letzten Saisonen in unserem Repertoire, wie „Der nackte Wahnsinn“, „Die Traumdeutung“ oder „Mein Kampf“. 

Was macht für Sie eine gute ­Komödie aus? 

Martin Kušej: Eben genau diese Nähe zur Katastrophe. Jeder gute Witz beginnt mit etwas Negativem, zum Beispiel: „Kommt ein Mann zum Arzt“. Alle Filme von Buster Keaton oder Laurel und Hardy balan­cieren immer am Abgrund entlang, körper­liche Totaldeformation, Häusereinsturz, Überschwemmungen oder gigantische Tortenschlachten – und aus dem ganzen Chaos heraus klettert immer der Clown, verbeult, aber unversehrt. Der König der Komödienschreiber allerdings ist für mich unzweifelhaft Georges Fey­deau. Bei genauerem Blick ist der Schenkelklopfer rasch vergessen, denn hinter der bürgerlichen Fassade seiner Stücke wird gelogen und betrogen, beleidigt und ­geprügelt, gelitten und verraten, was das Zeug hält. Sie sind geradezu „Komödienmaschinen“, die wie geölt funktionieren und doch nur eine in und um sich selber kreisende „bessere“ Gesellschaft zeigen, die pervertiert dem Untergang entgegentaumelt. 

Hoffnungslos subjektiv

In einem Interview haben Sie ­einmal gesagt, Sie seien ein schlechter Erinnerer. Es zähle eher der Blick nach vorn. Ein Vorteil? 

Martin Kušej: Ich erinnere mich schon gerne, aber nur um gute Geschichten auf Lager zu haben. Und mit diesen Geschichten dann Menschen zu fesseln und zu unterhalten. Jeder nimmt sich das, was ihm behagt, was er braucht oder was ihn interessiert. So sehe ich mich auch als Regisseur. Ich möchte hoffnungslos subjektiv sein – und doch andere mitnehmen; ich möchte niemals moralisch sein, sondern den Blick ins Dunkle und Bedrohliche aufmachen. Dieser Blick geht fast nie zurück, er will immer weiter und immer neu herausgefordert werden. Das „schon Bekannte“ gibt es im Theater nicht, denn jeder Augenblick wird immer neu erfunden und erzeugt, jede Aufführung ist anders und enthält andere Energie. Ich finde das faszinierend. 

Das Theater ist, wie wir alle wissen, eine Augenblickskunst. Wie sehr gelingt es Ihnen, das auf Ihr Leben zu übertragen?

Martin Kušej: Ich denke, das ist in etwa meine Lebens­anschauung, den Augenblick, die Gegenwart in all ihrer Vielschichtigkeit und Kraft zu erleben und wahrzunehmen. Deshalb ist auch das Theater die einzige Form von Kunst und von Existenz, in der ich mich wohl und aufgehoben fühle – man könnte das auch oberflächlich und faul nennen … Aber immerhin habe ich es in diesem Metier auf eine Art geistige, fast spirituelle Ebene geschafft, in der ich in andere Wirklichkeiten oder Sphären gelange, die mich mit einem großen Glücksgefühl erfüllen. Das ­passiert wiederum nur mir subjektiv.

Ob Zuschauer in ähnliche Bereiche gelangen, wenn sie meine oder andere Theater­aufführungen erleben, kann ich nicht sagen. Erstrebenswert wäre es! Mein großes Thema ist jedenfalls, nicht zu lange in die Vergangenheit zu blicken und diese schon gar nicht als großen Beleg für „­funktionierende Zukunft“ heranzu­ziehen. Ich arbeite übrigens aktu­ell ge­rade an einem Buch zu diesem Komplex. ­Titel: „Hinter mir weiß. Vom Leben im Moment“. 

„Als Kärntner Slowene lege ich großen Wert darauf, in dieser Rolle ganz deutlich die Anliegen von Minderheiten zu vertreten.“

Martin Kušej

Was haben Sie in den vergangenen Monaten über sich selbst und Ihre Rolle am Burgtheater gelernt?

Martin Kušej: Ich habe tatsächlich lernen müssen, dass diese Funktion einzigartig ist und nicht vergleichbar mit allen anderen Intendantenposten, die ich kenne. Gerne hätte ich die ganze Zeit gehabt, um praktisch täglich mit dieser Herausforderung zu wachsen – das war aus erwähnten Gründen nicht möglich, und ich musste vieles quasi im Ausnahmezustand irgendwie noch mitnehmen. Wichtig ist es mir, dass ich im Haus eine verbindende Rolle ausfülle, keine trennende, was bei so vielen Menschen schon recht fordernd und manchmal gar nicht einfach ist. Und: Als Kärntner Slowene lege ich großen Wert darauf, in dieser Rolle ganz deutlich die Anliegen von Minderheiten zu vertreten. 

Immer unter Beobachtung

Als Burgtheater-Chef ist man in Wien immer unter Beobachtung. Wie hat Sie diese Rolle verändert, und wie sehr nervt sie?

Martin Kušej: Wenn ich ehrlich sein darf: Ja, das ist schon häufig anstrengend. Ich habe manchmal schon Schwierigkeiten, durchwegs höflich zu bleiben, wenn einen Leute am Bankomat mit Tipps zur Pandemie anquatschen, in der Sauna ihre Tochter als Schauspielerin anpreisen, sich einem auf dem E-Scooter in den Weg werfen oder einen im Supermarkt beschimpfen, weil es keine Pause im Stück XY gibt …
Ich versuche, dem gelassen zu begegnen. 

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Wien seit Beginn Ihrer Amtszeit verändert? 

Martin Kušej: Wien liebe ich seit vielen Jahren, der Großteil der Menschen hier ist zuvorkommend und offen, und man kann wunderbare Begegnungen haben – ob im Foyer oder in der Straßenbahn. Ich habe hier eine Mission und möchte damit auf die Stadt und ihre Bevölkerung zugehen. Geradezu beispielhaft empfand ich dafür die letzten Stunden vor dem Lockdown im November 2020. Es war dieser schreckliche Anlass des Terror­anschlags, und ich war mit einigen hundert Zuschauerinnen und Zuschauern viele Stunden im Burgtheater eingeschlossen. Dazu das Ensemble und alle anderen Leute, die an diesem Abend Dienst hatten. Wir haben diese äußerst angespannte Zeit alle zusammen gemeinsam verbracht – unter dem Dach des Theaters, inhaltlich und solidarisch. Das war ein wirklich ­bewegender Moment. Das ­vergesse ich nie! 

Foto: Robert Fischer

Zur Person: Martin Kušej

Von 2011 bis 2019 war der 1961 in Kärnten geborene Martin Kušej Intendant des Residenztheaters in München. Seit der Spielzeit 2019/20 ist er Künstlerischer Direktor des Wiener Burgtheaters. Seine Inszenierung des Schiller-Klassikers „Maria Stuart“ eröffnet im Herbst das große Haus. 

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