Die Ingolstädter Stücke von Marieluise Fleißer

Marieluise Fleißers Ingolstädter Stücke geraten immer wieder in Vergessenheit und schaffen es nur selten auf die Spielpläne großer Häuser. Dabei sprühen sie nur so vor Aktualität.

Ingolstadt, ihre Heimatstadt, spielt im Werk der 1901 geborenen Autorin Marieluise Fleißer eine zentrale Rolle. Auch ihre beiden bekanntesten Stücke, „Fegefeuer in Ingolstadt“ (1924) und „Pioniere in Ingolstadt“ (erste Fassung: 1928) spielen in der Stadt in Oberbayern.

Das Stück „Fegefeuer in Ingolstadt“, dessen ursprünglicher Titel „Die Fußwaschung“ lautete, wird mehrheitlich von jungen Menschen bevölkert, die gerade Ferien haben. Fleißer sagte über das Stück, dass es vom „Rudelgesetz“ und den „Ausgestoßenen“ handle. Die junge Ingolstädterin Olga erwartet ein Kind von Peps, der sich aber in Hermine verliebt hat. Daraufhin schenkt ihr der Außenseiter Roelle vermehrt Aufmerksamkeit. Als dieser erfährt, dass Olga eine Engelmacherin aufgesucht hat, versucht er sie mit diesem Wissen zu erpressen. Weil ihr Vater keinerlei Verständnis für ihre Schwangerschaft hat, möchte sich Olga umbringen, wird aber von Roelle gerettet. Als Außenseiter sind sie und Roelle, der sich nun als Vater ihres Kindes ausgibt, dem Fegefeuer ihrer Umgebung gnadenlos ausgeliefert. Um ihr Außenseiterdasein zu überwinden, diffamieren sie sich gegenseitig.

„Pioniere in Ingolstadt“, ein Stück, zu dem sich Bertolt Brecht immer wieder „beratend“ äußerte, spielt ebenfalls in Fleißers Heimatstadt. Fabian Unertl wünscht sich ein Verhältnis mit Berta, dem Dienstmädchen im Hause seines Vaters, diese lässt sich jedoch mit Korl Lettner, einem der nach Ingolstadt kommandierten Pioniere, ein. Fabian lernt im Bierzelt den Feldwebel kennen, der sich über das Verhältnis von Korl und Berta alles andere als erfreut zeigt. Er schikaniert seinen Untergebenen, doch Berta hält zu ihm. Nach ihrer Entjungferung erfährt Berta, dass sie nicht die einzige ist, mit der sich Korl eingelassen hat. In der Zwischenzeit wird Fabian mehrfach gedemütigt und der Feldwebel stirbt aufgrund unterlassener Hilfeleistung. Die von den Soldaten enttäuschte Alma lässt sich schließlich mit Fabian ein. Berta und Korl machen ihr Verhältnis öffentlich, doch Liebe kann ihr Korl keine entgegenbringen. Er sagt: Eine Liebe muss keine dabei sein.

Stück in einer Minute: Ingolstadt
Probenfoto aus Salzbugr: Dagna Litzenberger Vinet (Alma), Marie-Luise Stockinger (Olga) und Ensemble. Foto: SF / Matthias Horn

Entstehungsgeschichte

In „Fegefeuer in Ingolstadt“ verarbeitet Marieluise Fleißer, dass sie als Zwölfjährige von einem älteren Jungen bedrängt wurde. „Das Stück ist aus dem Zusammenprall meiner katholischen Klostererziehung und meiner Begegnung mit Feuchtwanger und Brecht entstanden. Das hat sich nicht vertragen“, so Fleißer.

Während der Niederschrift der ersten beiden Fassungen von „Pioniere in Ingolstadt“ wurde die Autorin von Brecht „betreut“. Nach seinem Willen sollte „das Stück keine richtige Handlung haben, es muss zusammengebastelt sein. Es muss ein Vater und ein Sohn sein, es muss ein Dienstmädchen sein. Die Soldaten müssen mit den Mädchen spazierengehen, ein Feldwebel muss sie schikanieren.“

Aufführungsgeschichte

Auf Empfehlung Bertolt Brechts, den Fleißer über Lion Feuchtwanger 1924 kennengelernt hatte, wurde das Stück unter dem neuen Titel „Fegefeuer in Ingolstadt“ am 25. April 1926 in einer einmaligen Matinee-Vorstellung an der Jungen Bühne des Deutschen Theaters aufgeführt. Regisseur war der von Brecht assistierte Paul Bildt. Nach der erfolgreichen Uraufführung geriet das Stück jedoch 45 Jahre in Vergessenheit. Erst zu Beginn der 70er Jahre wurde es im Theater am Schiffbauerdamm wiederaufgeführt. 2010 inszenierte Barbara Frey das Stück in Zürich. 2013 gab es eine Aufführung an den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Susanne Kennedy.

Die Aufführung der zweiten Fassung von „Pioniere in Ingolstadt“ endete in einem Theaterskandal. Brecht hatte das Stück szenisch verschärft, unter anderem fand die Entjungferung des Dienstmädchens in einem rhythmisch wackelnden Pulverhäuschen auf offener Bühne statt. Der Polizeipräsident forderte daraufhin mehr Diskretion auf der Bühne. Die dritte, neu bearbeitete Fassung inszenierte Rainer Werner Fassbinder 1968 in München.

Ivo van Hove inszeniert beide Stücke unter dem Titel „Ingolstadt“ in einer Koproduktion des Burgtheaters mit den Salzburger Festspielen.

Zu den Spielterminen von „Ingolstadt“ bei den Salzburger Festspielen!

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