The kids are alright
Schlag auf Schlag geht es in Arad Dabiris Stück „PULS!“ durch die Zeit. Rückschläge treffen auf Boxschläge, einen erhöhten Herzschlag und auf Vorschläge für eine neue Definition von Männlichkeit. Über allem schwebt die Frage: Wer ist man, wenn man es anders machen möchte?
Milo, Malik und Aria wollen den Kreis nicht schließen, sie möchten ihn aufbrechen. Und mit den losen Enden, die dabei entstehen, nicht wie Loser umgehen, sondern verantwortungsvoll. Wie schwer es jedoch sein kann, sich von Idealen zu lösen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, zeigt Arad Dabiris Stück „PULS!“.
Sie lassen sich treiben und ringen um ehrliche Worte – um ihre eigenen und die ihrer Väter. Sie boxen sich durchs nächtliche Wien und fragen sich: Wurden sie geboren, „um zu verschmoren oder um erkoren zu werden“? Und viel wichtiger: „Wie tief geht die Vergangenheit rein in die Haut?“ Was für Männer wollen sie eigentlich sein? Und ist wirklich alles offen? Funktioniert das Durchdringen des eingangs erwähnten Kreises nur mit Gewalt oder gibt es möglicherweise so etwas wie ein Codewort oder einen geheimen Zugangscode? Vielleicht die Frage: Wie geht es dir wirklich?
EINATMEN, AUSATMEN
Ihm gehe es gut, sagt Arad Dabiri. Wir sitzen im Erzherzogzimmer des Burgtheaters. Die Sonne brennt vom Himmel, der Sommer klingt nicht sanft aus, er verabschiedet sich mit Pauken und Trompeten. „PULS!“ sei sein erstes Auftragswerk, erzählt Dabiri. Dass damit ein konkretes Premierendatum einhergeht, wäre für die Arbeit daran sogar gut gewesen, fügt er hinzu. „Ich kann gut unter Druck arbeiten, außerdem bin ich ein schneller Schreiber.“
Das spürt man auch, wenn man „PULS!“ liest. Zwischen den schnellen verbalen Schlagabtauschen befinden sich jedoch auch leisere, zartere Passagen – fast so etwas wie kleine Verschnaufpausen. Arad Dabiris neues Theaterstück ist ein ebenso atemloser wie atmungsaktiver Theaterstoff. Rauschhaft und durchlässig gleichermaßen. Die Metapher kommt nicht von ungefähr, denn Dabiri beginnt sein Stück mit dem Wort „Einatmen“ und beendet es mit „Ausatmen“. Er hoffe natürlich, dass das Publikum dazwischen nicht die ganze Zeit die Luft anhält, sagt er augenzwinkernd. Denn zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen liegt nicht weniger als die ganze Geschichte, wie es im Stück heißt.
RECHERCHE IST DAS LEBEN
Inszeniert wird die Uraufführung, die im Kasino über die Bühne geht, von Saliha Shagasi. Nach einer durchaus intensiven Phase des Austauschs sei nun der Moment gekommen, wo er sich bewusst aus der Arbeit raushalten möchte, so der Autor. „Ich bin außerdem niemand, der den Text beim Schreiben laut mitspricht. Auch deshalb nicht, weil es mir wichtig ist, dass die Stücke auch als Literatur funktionieren. Mit Dynamik, Fun, Traurigkeit und allem, was sonst noch dazugehört. Darüber hinaus sollte es den Schauspieler*innen natürlich auch Spaß machen, die Texte zu sprechen.“ Am liebsten schöpft er beim Schreiben aus Erinnerungen, so der 1997 in Wien geborene und aufgewachsene Künstler. Mit dem Satz „Recherche gab es nicht, Recherche war das Leben“ hat er diese Herangehensweise vor einigen Jahren schon einmal ziemlich gut auf den Punkt gebracht. „Das war 2023, als ich für meinen Roman ‚DRAMA‘ den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises gewonnen habe“, erinnert er sich lachend.
„Ich war so überwältigt, wollte eigentlich nur feiern und musste plötzlich Interviewfragen beantworten. Da ist plötzlich dieser Satz aus mir herausgekommen.“ Das gilt auf jeden Fall immer noch, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. „Ich habe beim Schreiben von ‚PULS!‘ viel an meine Schulzeit gedacht und an die Jungs, die mit mir in einer Klasse waren. Diese Erinnerungen vermischen sich teilweise aber auch und produzieren dadurch neue Gedanken.“
Dass ein Trio im Mittelpunkt stehen soll, war ihm ziemlich schnell klar, merkt er an. „Dann habe ich begonnen zu schreiben. Manchmal fetze ich einfach mal hundert Seiten hin und es kann passieren, dass am Ende nur zwei davon übrig bleiben. So kristallisiert sich langsam heraus, was ich im Stück verfolgen möchte. Das passiert Schicht für Schicht, meistens redigiere ich die Texte mehrmals. Bei Malik war es zum Beispiel so, dass ich bis zur letzten Fassung versucht habe, ihn noch klarer herauszuarbeiten.“
Wenn Arad Dabiris neues Stück eine Sache nicht ist, dann eine Lehrstunde zum Thema Männlichkeit im Jahr 2026. Dafür lässt er seine Figuren viel zu gern scheitern. Und dafür hat sein Schreiben auch viel zu viel (Sprach-)Witz. So gibt es in „PULS!“ auch eine Szene, in der auf überspitzte Weise eine Spielart neuer Männlichkeitsideale beschrieben wird. Durch das mehrmalige Versprechen der Figur, die diese Sätze sagt, entlarvt sich das potenzielle Versprechen eines neuen, zeitgemäßeren Ideals jedoch rasch als pure Performance. „Außerdem folgt man ohnehin lieber jenen, die scheitern, weitersuchen und es dann wieder neu versuchen“, so Dabiri.
Ich bin durch das Schreiben zum Schreiben gekommen. Vielleicht ist mein Sound deshalb auf so natürliche Weise entstanden.
Arad Dabiri
Arad Dabiri
EIN VIELSCHREIBER
Ausgehend von der Sprache, die im Falle von „PULS!“ zwar eine große Dringlichkeit besitzt, gleichzeitig aber auch Raum für Poesie lässt, geht es in unserem Gespräch noch um die Frage, wie er seine Ausdrucksform gefunden hätte. „Ich habe nicht aktiv nach dieser Sprache gesucht, sie war einfach da. Zwar sehr schnell, aber es war auch nicht so, dass ich mir nach der ersten geschriebenen Seite dachte, dass das nun für immer mein Sound sein wird. Wenn ich an mein Debüt denke, gibt es beispielsweise eine ganze Reihe an Stellen, die ich heute anders schreiben würde.“
Zum beruflichen Schreiben sei er im Übrigen durch das Schreiben gekommen, hält er fest. „Ich habe einfach verdammt viel geschrieben. Und auch viel gelesen“, fügt er hinzu. An einer Schreibschule, wie es sie beispielsweise in Leipzig oder Heidelberg gibt, war er nicht. „Vielleicht ist der Sound deshalb auf so natürliche Weise entstanden“, resümiert er. Das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, weil ihm die Kenntnis des Handwerks nie von offizieller Seite bescheinigt wurde, hatte er eigentlich nie, erzählt Dabiri. Ein großes Wort gelassen ausgesprochen? Vielleicht. Die Gelassenheit, mit der er diese Aussage tätigt, lässt jedoch keinerlei Zweifel daran, dass er das tatsächlich so meint.
„Ich weiß, was ich kann, und ich liebe meinen Job. Vor drei Jahren kannte ich auch noch niemanden in der Branche und der Betrieb kannte mich nicht. Und jetzt sitzen wir hier. Das soll nicht überheblich oder abgebrüht klingen, ich möchte nur für die Menschen, die vielleicht ähnliche Ambitionen haben, noch einmal betonen, dass es auch auf diesem Weg möglich ist.“
Arad Dabiri ist gebürtiger Wiener. Für seinen im Septime Verlag erschienenen Debütroman „DRAMA“ wurde er mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Für sein Theaterstück „DRUCK!“ erhielt er den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts.