NESTROY 2026 – die Nominierungen: Bester Nachwuchs (Regie, Stück, Kostüm, Komposition und Sound)
Wer sind die Newcomer*innen in den Bereichen Regie, Stück Kostüm und Komposition & Sound?
Marie Therese Fritz (Kostüm) für „LECKEN 3000“ von lynn t musiol, Uraufführung, Kooperation mit dem Retzhofer Dramapreis, Burgtheater/Vestibül.
„Lecken 3000“ ist ein Stück über lesbischen Missbrauch durch eine Lehrerin. Aber es ist auch eine Art queeres „Sex and the City“, ein mutmachender Text über Freund*innenschaft und Zusammenhalt. lynn t musiol erzählt von der Möglichkeit, trotz Missbrauchserfahrung das eigene Leben neu zu ordnen. Der Abend überzeugt nicht nur durch ein energetisches Ensemble, das genau den richtigen Tonfall der Gen Z trifft. Der kleine Burgtheater-Nebenspielort Vestibül wird zur großen Bühne: Das liegt auch an den Kostümen von Marie Therese Fritz, die auf XXL-Schultern und einen subversiv-ironischen Umgang mit Porn Chic, Sportswear und Vernissage-Glamour setzen. Ihre Kunstlederkostüme geben dem schweren Thema etwas Spielerisches. Sie passen perfekt zur Coolness dieser Clique, die im „Lecken 3000“ feiert, einem fiktiven lesbischen Club. – Karin Cerny
paula lew van well (Stück) für „der mund wenn er kippt ist ein teich“, Uraufführung, gefördert mit dem Peter-Turrini-Dramatiker*innenstipendium 2025 des Landes Niederösterreich, Landestheater Niederösterreich/Theaterwerkstatt.
Der See ist gekippt, es gibt keine Fische mehr. Mit diesem Ort sind viele Erinnerungen verbunden an eine gemeinsame Jugend von Nadia, Mod und Seda, die in Rückblenden zu sehen ist. Sie war die Mutigste im Freund*innenkreis – und ist beim Versuch, den See zu durchschwimmen, ertrunken. paula lew van well, geboren 1997, spannt in „der mund wenn er kippt ist ein teich“ ein feines Netzwerk über Freundschaft, erstes Begehren, Trauer und Erinnerungen an eine Phase im Leben, in der alles neu und gleichzeitig sehr fragil ist. Das Debütstück verknüpft eine queere Coming-of-Age-Geschichte mit poetischen Naturbeschreibungen. Die Dialoge sind pointiert und locker, kein Wort ist zu viel, und gerade deshalb schwingen unter dem Gesagten viele unausgesprochene Ebenen und Gefühle mit. Ein Teenager ertrinkt im See: Als Leerstelle bleibt nicht nur das tote Mädchen. Auch die gekippte Natur meldet sich leise, aber eindringlich zu Wort. – Karin Cerny
Calixto María Schmutter (Regie, Komposition & Sound) für „Der Sturm oder La Isla Bonita“ von William Shakespeare, Kooperation mit dem Thomas Bernhard Institut der Universität Mozarteum Salzburg, Tiroler Landestheater/Kammerspiele.
Calixto María Schmutter wirft Shakespeares Sprache, Madonnas Hit, „Alltagsgeschichten“ von Elizabeth T. Spira, Kitsch und Urlaubsaromen in einen Mixer, würzt den Inhalt mit Themen wie Ausbeutung und Umweltverschmutzung, schüttelt alles gut durch und verortet den Bühnencocktail in einem Clubhotel auf einer Kanareninsel. Klingt nach einem wilden Mix? Ja! Doch „Der Sturm oder La Isla Bonita“ am Landestheater Tirol fügt sich zu einer klugen, kritischen und komischen Wimmelbild-Komposition, in der das spielfreudige Ensemble zwischen Pool und Sonnenliegen herumirrlichtert. Schmutter rechnet mit dem Massentourismus als einer Form des Neoliberalismus ab. Diese experimentierfreudige Regiehandschrift beeindruckt ob ihrer formalen Vielfalt, ihrer Musikalität und ihrem Gespür für poetische Bilder. Eines ist fix: Ohne Ohrwurm geht niemand heim. – Julia Schafferhofer