Alexandra Althoff im Interview
Die Vorsitzende der NESTROY-Jury im Interview über die Relevanz des Theaterpreises, Gendergerechtigkeit in der Kategorie „Bestes Schauspiel“, das einjährige Suchen nach den Höhepunkten in der deutschsprachigen Theaterlandschaft und die besonderen Herausforderungen der aktuellen Saison.
Zum vierten Mal fungierte Alexandra Althoff schon als Jury-Vorsitzende des NESTROY. Ihre Aufgaben: Österreichs wichtigsten Theaterpreis substanziell zu halten, inhaltlich weiterzuentwickeln und die sieben Kritiker*innen der Jury so lange zu koordinieren, bis die Entscheidungen feststehen.
Aus der Perspektive der NESTROY- Juryvorsitzenden: War 2025/26 eine gute Theatersaison?
Es war eine äußerst spannende Spielzeit, was sich auch eindrucksvoll in den Nominierungen widerspiegelt. Natürlich haben wir weit mehr herausragendes Theater gesehen, als wir letztlich nominieren konnten – am Ende entscheidet das demokratische Mehrheitsvotum der Jury. Besonders bemerkenswert: Unter den 53 Nominierungen finden sich stolze 25 Uraufführungen beziehungsweise deutschsprachige und österreichische Erstaufführungen. Unsere Theaterlandschaft zeichnet sich durch Innovationskraft und Vielfalt aus. Diese Bandbreite fasziniert mich: Neben der Theatermetropole Wien und den großen Institutionen der Länder möchte ich mit der couragierten Neugründung des GOLD & PECH Theaters in Eggersdorf, dem dokumentarischen Theater im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Linz, Guerilla-Theater im privaten Wohnzimmer oder immersiven VR-Erlebnissen nur ein paar Ausflüge unter vielen benennen – die heimische Szene sprüht vor Kreativität.
Weshalb ist der NESTROY auch 26 Jahre nach seiner Premiere noch immer relevant?
Über die Relevanz von Kunstpreisen lässt sich leidenschaftlich streiten. Thomas Bernhard etwa hat seine tiefe Abscheu gegenüber solchen Ehrungen in seinem Buch „Meine Preise“ grimmig zelebriert – wobei sich allein für diese literarischen Abrechnungen jede einzelne Verleihung an ihn gelohnt hat. Aber im Ernst: Der NESTROY erfüllt eine essenzielle Funktion in der Kulturlandschaft. Er zeigt die Spitzenleistungen der Branche auf, verleiht ihnen mediale Strahlkraft und spiegelt die enorme Vielfalt der Szene wider. Längst hat er sich auch international als eine der renommiertesten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum etabliert. Gleichzeitig fungiert er als wichtiges Karrieresprungbrett, indem er vielversprechende Nachwuchstalente ins Rampenlicht rückt und der freien Szene abseits der großen Theater eine unüberhörbare Stimme verleiht. Dabei erweist sich der NESTROY keineswegs als bloßer Seismograf der Branchenentwicklung.
Die 26-jährige Geschichte des Wiener Theaterpreises NESTROY spiegelt kulturpolitische Kämpfe, die ästhetische Konflikte abbilden, die wiederum gesellschaftliche Auseinandersetzungen reflektieren. Preise sind Momentaufnahmen von historischen Prozessen und sozialen Bewegungen: Wer zeichnet hier eigentlich wen aus und wofür, wer oder was fehlt?
Statt wie bisher Preise für die „Beste Schauspielerin“ und den „Besten Schauspieler“ wird es heuer nur einen Preis für das „Beste Schauspiel“ geben. Warum?
Herausragende schauspielerische Leistung ist an kein Geschlecht gebunden. Bereits seit etwa zehn Jahren – und mit spürbarer Dynamik in den letzten fünf Jahren – verabschieden sich namhafte Theater- und Filmpreise von der traditionellen Geschlechtertrennung. Diese Weiterentwicklung bildet unsere gesellschaftliche Realität ab. In allen anderen Kategorien des NESTROY-Preises ist das übrigens längst Normalität: Wir zeichnen selbstverständlich die „Beste Regie“ aus und nicht getrennt nach Regisseurinnen und Regisseuren. Mit der Zusammenführung zur Kategorie „Bestes Schauspiel“ setzen wir zudem ein starkes Zeichen für Gendergerechtigkeit in unserer Branche: Gleichberechtigung tritt an die Stelle von Ausgrenzung.
Minimiert man damit nicht auch die Chancen der Schauspieler*innen, die jetzt nicht mehr zwei, sondern nur noch einen Preis gewinnen können?
Genau diese Befürchtung stand im Raum, als das Präsidium des Wiener Bühnenvereins über den Antrag der NESTROY-Jury beriet. Die Sorge wurde konstruktiv gelöst: Ab diesem Jahr wurde es uns ermöglicht, in der Kategorie „Bestes Schauspiel“ bis zu drei gleichwertige Preise zu verleihen. So bleibt die Sichtbarkeit der Bandbreite starker schauspielerischer Leistungen nicht nur gewahrt – wir gewinnen dadurch sogar an Flexibilität, um der tatsächlichen Vielfalt gerecht zu werden.
Wie viele Produktionen durfte sich die Jury denn heuer insgesamt ansehen?
Hinter uns liegt der Besuch von fast 1000 Vorstellungen. Wir sichten den überwiegenden Teil der Inszenierungen in ganz Österreich und suchen im gesamten deutschsprachigen Raum nach den Höhepunkten der Theaterlandschaft.
Und wie viele Sitzungen hat es gebraucht, bis alle Preisträger*innen eruiert werden konnten?
Meist tagen wir einmal im Quartal und kommen dann zur Abschlussrunde zusammen. In diesem Jahr gab es sechs Jurysitzungen. Aufgrund der enormen Dichte an starken Leistungen haben wir uns bereits vor dem Sommer noch einmal zusammengesetzt, um die umfangreiche Longlist unserer Favoriten zu bearbeiten. Das hat uns eine gezieltere Vorbereitung auf die finale Sitzung Anfang September ermöglicht, sodass wir dort effizient entscheiden konnten, statt bis tief in die Nacht zu diskutieren.
Sie hatten den Jury-Vorsitz für den NESTROY bereits zum vierten Mal inne. Was waren in diesem Jahr die besonderen Herausforderungen?
Vor allem die neuen Kategorien „Ensemblepreis“ und „Beste Musik“ sowie die Zusammenlegung zur Kategorie „Bestes Schauspiel“ waren mit einem großen Diskussionsbedarf verbunden. Umso mehr freut es mich, dass wir diese Neuerungen nun erfolgreich umsetzen konnten. Und was Sunnyi Melles betrifft, die wir für ihr Lebenswerk ehren: Mit einer solchen Ausnahmekünstlerin in so engem, inspirierendem Austausch zu stehen, ist keine Herausforderung, sondern ein echtes Geschenk.