Frischer Wind
Der Herbst bringt nicht nur kühlere Luft ins Land, sondern auch frischen Wind in die Theaterhäuser. Im Volkstheater sorgen unter anderem die Schauspieler*innen Carolin Wege, Thomas Halle und Elias Maria Burckhardt für neue künstlerische Ansätze und Blickwinkel. Wir haben sie getroffen.
Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf haben Carolin Wege und Thomas Halle noch eine Sache gemeinsam: Es gab Zeiten, in denen sie lieber zugeschaut, als selbst gespielt haben. Damit ist jedoch nicht das Theater gemeint, sondern die Welt der Videospiele. Wobei die beiden Bereiche mehr miteinander zu tun haben, als man im ersten Moment vermuten würde. Heute hätte sie eigentlich gar nichts mehr mit Gaming am Hut, meint Carolin Wege, die seit dieser Spielzeit zum Ensemble des Volkstheaters gehört. Wobei es ein Kochspiel gibt, in das sie sich hin und wieder gern hineinfallen lässt. „Dieses Spiel ist Dauerstress, weil total viel passiert und es andauernd irgendwo brennt, aber es macht trotzdem großen Spaß, weil man es auch in der Gruppe spielen kann.“
SOFT LAUNCH
Eine Beschreibung, die in gewissen Arbeitsphasen auch gut zum Theater passt. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs stecken die beiden gerade mitten in den Endproben für Rieke Süßkows Inszenierung von „Macbeth“, in der die Ästhetik von Online-Games mit jener des Figuren- und Objekttheaters verschränkt wird. „Gerade geht es drunter und drüber“, bemerkt Carolin Wege. Auch buchstäblich, denn das vielschichtige Bühnenbild, dessen zentrales kastenförmiges Element ans klassische Kasperletheater erinnert, erfordert auch hinter und unter der Bühne hundertzehnprozentigen Einsatz. Thomas Halle und Carolin Wege spielen die Avatare von Macbeth und Lady Macbeth. Das bedeutet: Ihre Bewegungsmuster sind bis ins Detail durchchoreografiert und sie tragen Masken. Was es wiederum durchaus schwierig macht, sich einer neuen Stadt und ihren Menschen vorzustellen, wie die beiden lachend festhalten.
„Ich sage immer, dass es sich anfühlt, wie das Soft-Opening eines Cafés. An unsere Stimmen kann sich das Publikum schon einmal gewöhnen, der Rest kommt später“, so die aus dem Allgäu stammende Schauspielerin. „Momentan sind wir noch die Daft Punks des Theaters“, ergänzt Thomas Halle augenzwinkernd.
Auch er sei für die Arbeit an dem Stoff nicht plötzlich zum Gamer geworden, hält er daran anknüpfend fest. Wie viel er rund um bestimmte Produktionen liest und sich aneignet, sei ohnehin von Stück zu Stück unterschiedlich, fügt er hinzu.
„Ich mag es sehr, wenn unvermittelt Assoziationen auftauchen. Durch einen Zeitungsartikel oder einen Song beispielsweise. Dadurch können in den Proben ganz neue Angebote entstehen, mit denen niemand gerechnet hat“, so der gebürtige Berliner.
SPIELLUST
Carolin Wege wird als nächstes in der temporeichen britischen Komödie „Na gut, dann Action!“ zu sehen sein – und damit in einer Inszenierung, die sich formal stark von „Macbeth“ unterscheiden wird. „Ich habe nach der Schauspielschule vor allem gedreht und finde es schön, mich jetzt in so unterschiedlichen Formen ausprobieren zu dürfen. Auf der Bühne fühle ich mich irgendwie noch mal anders angezündet. Außerdem finde ich es schön, nun ein Ensemble zu haben. Beim Drehen erlebt man oft eine intensive Zeit zusammen, bis mit einem Schlag alle weg sind. Deshalb freue ich mich, nun länger an einem Ort sein zu können.“
Für Thomas Halle geht mit seinem Wechsel ins Ensemble des Volkstheaters eine lange Ära der Selbstständigkeit zu Ende. Zehn Jahre lang hat der groß gewachsene Schauspieler als freier Schauspieler gearbeitet. „Ich habe mich sehr über dieses Angebot gefreut, weil Jan Philipp Gloger und ich schon seit einiger Zeit umeinander herumtanzen, es aber nie geklappt hat. Ich mag es sehr, wieder Teil eines Ensembles zu sein und dann auch noch an einem Haus, an dem sich alles noch sehr nach Aufbruch anfühlt und man das Gefühl hat, wirklich mitgestalten zu können.“
Der Schauspieler*innenverliebtheit der Wiener Bevölkerung sind sich die beiden durchaus bewusst. Carolin Wege hat davon aber erst bei der Wohnungssuche etwas mitbekommen. „In Berlin sagt man besser nicht, dass man Schauspieler*in ist, in Wien ist das anders.“ Teile des Sommers in Wien zu verbringen, brachte den beiden auf jeden Fall bereits einige wichtige Erkenntnisse ein. Zum Beispiel wisse er jetzt, welche die besten Freibäder sind, sagt Thomas Halle. Er reiht seine drei Favoriten folgendermaßen: Schafbergbad, Krapfenwaldlbad und Gänsehäufel.
HEIMSPIEL
Einige Tage später treffen wir Elias Maria Burckhardt zum Gespräch. Auch er ist einer der Neuzugänge im Ensemble. Alles andere als neu ist für den gebürtigen Wiener jedoch die Umgebung rund um seine neue Arbeitsstätte. „Ich bin in der Burggasse aufgewachsen, ‚meine‘ U-Bahnstation war immer ‚Volkstheater‘. Und jetzt bin ich hier im Ensemble“, sagt er und die Freude darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ohnehin ei alles extrem schnell gegangen, fügt er hinzu.
„Vor fünf Jahren dachte ich mir noch, dass es toll wäre, Schauspiel zu studieren, und jetzt darf ich hier meine erste Premiere spielen.“ Ab Ende September steht Elias Maria Burckhardt in Jan Philipp Glogers vierteiligem Jelinek-Abend „Die Ankunft (Wolken.Heim./Rechnitz – Der Würgengel/Das schweigende Mädchen/Das Lebewohl – Nein: Die Ankunft)“ auf der Bühne des Volkstheaters. Eine Auseinandersetzung mit der Chronologie rechten Denkens und Handelns und damit ein Theatermarathon zur rechten Zeit.
„Es ist erschreckend, wie aktuell diese Produktion ist. Während der Probenzeit sind andauernd Dinge passiert, die wir auf unsere Arbeit beziehen konnten“, meint Burckhardt. Wir sprechen auch über die Arbeit des YouTubers, Streamers und Reporters Marcant, der unter anderem Menschen auf rechten Demos mit Fakten zur AfD konfrontiert. „Da ist mir unter anderem aufgefallen, welche Kontinuitäten es auch in der Sprache gibt.“
Seine Schauspielausbildung, die noch nicht ganz abgeschlossen ist, hat Elias Maria Burckhardt an der Otto Falckenberg Schule in München absolviert. „Die Schule hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Es wird einem natürlich das gesamte Handwerk beigebracht, gleichzeitig gibt es viel Raum, um sich auszuprobieren. Die Philosophie ist jener des Volkstheaters sehr ähnlich.“ Die Freude darüber, sich nun in einem festen Ensemble in unterschiedlichen Zusammenhängen ausprobieren zu dürfen, sei immens, hält er fest. Spielen, spielen, spielen – darum gehe es jetzt, setzt er nach. Seine Anfänge bei der Jungen Burg und ein Impro-Kurs an der Schauspielschule hätten ihn zudem ganz gut darauf vorbereitet, dass Scheitern auch Teil des Prozesses ist. „Ich merke gerade, dass ich hier am Haus schon noch Welpenschutz habe, obwohl ich gleichzeitig total ernst genommen werde“, so der Schauspieler, der als Teenager Fußballprofi werden wollte. Wobei es natürlich Ähnlichkeiten zwischen den beiden Bereichen gibt, wie Burckhardt bemerkt. Zug zum Tor ist jedenfalls auf beiden Spielfeldern von Vorteil. Außerdem möchte man immer gewinnen. Beim Fußball das Match, im Theater die gebannte Aufmerksamkeit des Publikums. „Wenn der Funke überspringt, hat man gewonnen.“
Hier geht es zu den Spielterminen von "Macbeth" und "Die Ankunft" im Volkstheater!