Alles nur ein Spiel?
„Everything not saved will be lost“: Was auf der Nintendo verheerend sein kann, macht das Theater erst aus. Wir haben mit Karoline Reinke und Nicolas F. Djuren über „Macbeth“, Gaming und ihren Beruf gesprochen.
Während draußen die Sommersonne die Stadt auf Betriebstemperatur bringt, streifen wir auf der Probebühne des Volkstheaters durch das verschachtelte, mit mehreren Levels ausgestattete Bühnenbild von „Macbeth“. Schnell wird klar: Probebühnen sind Orte, an denen nicht nur die Welt, sondern auch das eigene Zeitgefühl ordentlich auf die Probe gestellt wird. Ist es elf oder doch schon 14 Uhr? Das leicht flaue Gefühl im Magen verrät: Die Mittagspause hat noch nicht stattgefunden. Das Eintrudeln von Karoline Reinke und Nicolas Frederick Djuren bringt Klarheit in die Sache: Es ist gerade erst zehn Uhr vormittags. Die beiden Ensemblemitglieder des Volkstheaters beschäftigen sich im Moment intensiv mit dem Gefühl, sich in parallel existierenden Welten zu verlieren. Nicht nur deshalb, weil sie ihr Arbeitsweg tagtäglich an diesen Raum und Zeit aushebelnden Ort führt, sondern auch aus folgendem Grund: Für Rieke Süßkows „Macbeth“-Inszenierung begeben sie sich gerade immer tiefer in die Welt des Gamings hinein.
Die für ihre formstarken Arbeiten bekannte Regisseurin, die am Volkstheater zuletzt Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ inszenierte, nutzt die Bildwelten und Mechanismen des Online-Gamings, um Macbeths düsteres Machtspiel zu untersuchen. Die beiden Gamer*innen, die das Spiel scheinbar kontrollieren, sind Karoline Reinke und Nicolas Frederick Djuren. Als Lady Macbeth und Macbeth steuern sie ihre jeweiligen Avatare (gespielt von Carolin Wege und Thomas Halle), werden jedoch immer tiefer in das Spiel hineingezogen, erläutert Karoline Reinke. „Im Probenprozess sind wir gerade auf der Suche nach einer Art von Psychose, die sich durch die Isolation unserer beiden Figuren ergibt. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zusehends, was auch dazu führt, dass wir immer mehr Dinge, die eigentlich unseren Avataren passieren, auch am eigenen Leib erfahren. In gewisser Weise erleben wir als Gamer*innen also die ganzen Stationen von Macbeth und Lady Macbeth mit – nur eben in einer heutigen Version.“
Dadurch, so Reinke, wird immer schlechter identifizierbar, wer nun eigentlich wen steuert. Wer ist fremdgesteuert und wer nicht? Ein Gedankengang, der automatisch auch die Frage nach Verantwortung auf den Plan ruft, fügt sie hinzu. „Sind das vorgeschlagene oder gar vorgegebene Wege, auf die wir uns im Laufe dieses Spiels begeben? Wie viel Entscheidungsmacht über den Verlauf des Spiels haben wir als Spieler*innen eigentlich?“ Dadurch ergeben sich, so Reinke, Fragen, die weit über die Welt der Computerspiele hinausgehen: Ist der Mensch wirklich frei in seinen Entscheidungen? Was treibt uns zu gewissen Schritten?
WARUM SPIELEN WIR?
Ausgehend von der Prophezeiung der drei Hexen lässt sich auch Macbeth, so scheint es zumindest, von seinem Schicksal leiten. Oder ist es doch eher der Machthunger, der ihn und seine Lady antreibt? Diese Spannung durchzieht Shakespeares gesamtes Stück. Geht es nach Nicolas Frederick Djuren, eröffnet sich dadurch noch eine weitere Ebene: „Die Frage ist auch, warum wir eigentlich spielen. Weil es unser Beruf ist, um 19:30 Uhr eine Vorstellung angesetzt ist und der Inspizient sagt, dass es in fünf Minuten losgeht. Und die Entscheidungen, die wir auf der Bühne treffen, fallen so aus, wie sie ausfallen, weil es Shakespeare so entschieden hat. Als Spieler*innen kommen wir in der Regel auch nicht aus unseren Rollen raus. Gibt es auf der Theaterbühne also überhaupt so etwas wie Freiheit?“
studierte am Salzburger Mozarteum und war daraufhin in Augsburg, Mainz und Wiesbaden engagiert. Außerdem war sie Gast am Schauspiel Köln und am Schauspiel Zürich. In „Live“ spielte sie ihre erste Kinohauptrolle. Reinke arbeitete unter anderem mit Regisseur*innen wie Bastian Kraft, Anne Lenk und Jan Philipp Gloger. Seit der Spielzeit 2025/26 gehört sie zum Ensemble des Volkstheaters.
Um eine anregende und bereichernde „Macbeth“-Inszenierung zu erleben, müsse man sich als Zuschauer*in jedoch nicht auf diese Meta-Meta-Ebene begeben, sind sich die beiden Spieler*innen einig. Eine Sache möchte Karoline Reinke jedoch noch hinzufügen: „Als Schauspielerin finde ich es spannend, mir die Frage zu stellen, was von Players, wie wir sie nennen, die sich ihre Avatare zunächst zusammenbauen, sich mit ihnen verbinden und sich ihnen empathisch zuwenden.“
Mit der Gaming-Welt hatte die in Dortmund geborene Schauspielerin bislang kaum etwas am Hut. „Snake und Pacman waren meine letzten Berührungspunkte“, sagt sie lachend. Die Gaming-Karriere ihres Kollegen begann, wie oft auch Theaterlaufbahnen, zunächst als Zuschauer. „Oben auf dem Dachboden hatten wir so einen richtigen PC-Tower stehen, der mehrere Kilo wog. Mein älterer Bruder hat darauf ‚Tomb Raider‘ gespielt und ich durfte zuschauen. Irgendwann habe ich mir einen eigenen PC gekauft. Heute spiele ich eher intervallmäßig – manchmal sehr exzessiv, dann wieder gar nicht.“
In den Proben hätten sie auch über die Verbindung von Gaming und Kriegen gesprochen, so der in Bielefeld geborene Schauspieler. „Drohnen dominieren die moderne Kriegsführung. Immer mehr passiert virtuell, wodurch auch Kriege plötzlich wie Computerspiele wirken. Die Auswirkungen dessen, was man auf dem Bildschirm sieht, sind jedoch echt.“
KEIN EGO-SHOOTER
Wir bleiben beim Spielen, wechseln thematisch aber vom virtuellen Raum zurück auf die Bühne. Wie fühlt es sich eigentlich an, innerhalb einer Woche zwischen so vielen unterschiedlichen Welten hin und her zu springen? Er empfindet es als sehr bereichernd, erzählt Nicolas Frederick Djuren, der an seinem Beruf unter anderem sehr schätzt, dass er einen täglich dazu auffordert, sich verletzlich und angreifbar zu machen. „Manchmal habe ich auf der Probe Erkenntnisse, die ich dann in die Abendvorstellung mitnehme. Und umgekehrt. Das hält sowohl die Proben als auch die Vorstellungen frisch.“
absolvierte sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Von 2016 bis 2018 gehörte er zum Studio am Schauspiel Köln, danach wurde er festes Ensemblemitglied am Staatstheater Nürnberg, wo er bis zu seinem Wechsel ans Volkstheater auf der Bühne stand.
Karoline Reinke fügt hinzu: „Für mich fühlt es sich ein bisschen so an, wie unterschiedliche Instrumente zu spielen. Ich spiele Geige, Akkordeon und Klavier und jedes der drei Instrumente befindet sich an einem anderen Ort in meinem Körper. Auch in Theaterarbeiten gehe ich mit verschiedenen Anteilen von mir selbst hinein. Es ist ein großes Geschenk, so ein vielstimmiges Leben zu führen.“ Darüber hinaus gehe es aber immer darum, im Ensemble einen gemeinsamen Orchesterklang zu finden, sind sich die beiden einig. „Jede und jeder darf und muss seine oder ihre eigene Stimme finden, zusammen sind wir aber erst eine Band“. Im besten Fall ist Theater wie Jazz, bemerkt Nicolas Frederick Djuren daran anknüpfend. Wir verabschieden uns. Nach dem Gespräch ist klar: Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Theater und Gaming, allerdings ist das Theater im besten Fall alles andere als eine Welt für Ego-Shooter. Ansonsten gilt: „Everything not saved will be lost“. Was auf der Nintendo verheerende Auswirkungen haben kann, macht das Theater jedoch erst zu dieser wunderbaren Augenblickskunst.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Macbeth" im Volkstheater"!