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Szenenbild aus der Produktion „Nach der Wahl sind wir nicht mehr so lustig“ im Kosmos Theater.

Szenenbild aus der Produktion „Nach der Wahl sind wir nicht mehr so lustig“ im Kosmos Theater.
Foto: Bettina Frenzel

Sprudelnd wie eine Brausetablette: Das diverCITYLAB löst sich auf

Freie Theaterszene

Das von Aslı Kışlal gegründete diverCITYLAB verabschiedet sich mit einer Utopie, einem großen Trommelwirbel und einem Festival, das sich gewaschen hat. Wir haben Dramaturgin Anna Schober zum Gespräch getroffen.

Bis zum Start des Festivals „åbgspüt“ betreibt Dramaturgin Anna Schober sogenanntes Proben-Hopping. Überall in Wien, wo für das „High Performance Festival“ geprobt wird, ist sie am Start. Springt hinein, köpfelt rein, springt bei Bedarf auch ein. Wobei sie allen beteiligten Künstler*innen absolutes Vertrauen entgegenbringt, wie sie bei unserem Treffen im Creative Cluster im fünften Bezirk betont. Hier proben AnnPhie Fritz und Ariane Öchsner gerade für „Paradoxe Intervention“, eine Produktion, die sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als der Welt das Patriarchat auszutreiben. Wie der geeignetste Behandlungsplan aussehen könnte, finden die beiden Künstler*innen gerade noch heraus. Ihre Mittel sind auf jeden Fall breit gefächert – Sketches, Musik, Akrobatik und Jonglage. Und: Das erste Wort gehört Gott. Ihr Versuch, sich mittels Absurdität und feministischer Theorie aus dem Patriarchat zu intervenieren, wird am 17., 18. und 19. September im Kosmos Theater zu sehen sein.

Aslı Kışlal beim Proben.
Foto: Rainer Berson
Aslı Kışlal beim Proben.

Insgesamt umfasst das Festival „10 Spülgänge“ in „4 Spülstätten“. Als Leitgedanke fungiert die im Wienerischen verankerte Doppeldeutigkeit des Wortes „abgespielt“ bzw. „abgespült“. Das Publikum ist demnach dazu eingeladen, ein letztes Mal das eigene Gewissen in Diversität zu waschen. Mit einem großen Trommelwirbel, versteht sich. Anlass des Festivals ist die Selbstauflösung des vor 13 Jahren gegründeten diverCITYLAB – ein Theaterlabor mit postmigrantischem Schwerpunkt, dessen Akademie drei Jahrgänge an Schauspieler*innen hervorgebracht hat. Es löst sich jedoch nicht einfach nur auf, sondern zersetzt sich wie eine Brausetablette, sagt Schober. Seine Wirkkraft entfaltet es fortan an unterschiedlichen Orten in der österreichischen Hauptstadt und darüber hinaus – in verschiedenen Institutionen, Kollektiven und Köpfen. Das von Aslı Kışlal im Kollektiv gegründete Theaterlabor bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Wir verabschieden uns mit einer Utopie, in der diverCITYLAB nicht mehr existieren muss, weil seine Ziele erreicht wurden.“ Nämlich: Die Privilegien und Exklusionsmechanismen in der österreichischen Kunstwelt offenzulegen und zu verändern. Wie auch Sehgewohnheiten zu durchbrechen und bestehende Hierarchien und Arbeitsweisen von innen umzukrempeln.

Beim Scheitern schön sein

Inwiefern das tatsächlich passiert ist, möchten wir von Anna Schober wissen. Oder überwog das sogenannte „Diversity Washing“? „Natürlich ist etwas passiert – es geht langsam, aber die Strukturen verändern sich. Es gibt zahlreiche Versuche, Zugänge zu schaffen, aber die Türen mancher Häuser sind so schwer, dass das nicht von heute auf morgen geht“, so die Antwort der Dramaturgin. Auch die Tatsache, dass Aslı Kışlal fortan das Theater der Jugend leiten wird, spreche dafür, dass sich die Themen, die das diverCITYLAB in den vergangenen 13 Jahren vorangetrieben hat, in die Stadt und ihre Institutionen hineinverwoben haben, sagt Schober. „Wir haben immer versucht, auf das zu reagieren, was gerade stattfindet – so schnell wie möglich und so korrekt wie möglich. Beim Zusammensuchen und Zusammenkratzen all der Dinge, die wir gemacht haben, ist uns aber einmal mehr aufgefallen, wie sehr das alles vor Fehlern strotzt. Dadurch haben wir aber auch am meisten gelernt – durch das Frechsein, das Falschmachen und durch all die Versuche beim Scheitern schön zu sein“, fügt sie lachend hinzu.

Szenenbild aus „Antigone“.
Foto: Rainer Berson
Szenenbild aus „Antigone“.

Denn wenn das diverCITYLAB eine Sache nicht war, dann ein weichgespültes Unterfangen. Obwohl ein Vorgang damit stets verbunden war: Immer wieder ins Schleudern zu geraten. „Das Festival ist sozusagen unser Versuch, uns von diesen Fehlern reinzuwaschen. Was natürlich nicht funktioniert“, erklärt die Dramaturgin augenzwinkernd. Es gibt natürlich eine Vielzahl an Möglichkeiten, mit Fehlern umzugehen, hält Anna Schober daran anknüpfend fest. Wobei die schlechteste Aggression sei. Und die beste? „Lachen“, platzt es sogleich aus ihr heraus. „Über sich selbst lachen zu können und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.“

Wer in den vergangenen Jahren eine (oder mehrere) Produktion(en) des diverCITYLAB gesehen hat, wird sofort verstehen, wie das gemeint ist. Und dass es tatsächlich genau so gemeint ist.

Wir verabschieden uns mit viel Vorfreude auf das „åbgspüt“ Festival, das am 10. September im Theater am Werk startet. Und obwohl es gerade wieder eine Vielzahl an Gründen für Pessimismus und Resignation zu geben scheint, möchte sich Anna Schober dem reinen Schwarzmalen nicht hingeben: „Solange wir leben, können wir die Welt verändern und sie besser machen. Zumindest im Theater. Zumindest auf der Bühne können wir einen diskriminierungsfreien Raum behaupten.“

Die Erfolgsproduktion „Minihorror“ wurde für zwei NESTROYs nominiert.
Foto: Peter Griessner
Die Erfolgsproduktion „Minihorror“ wurde für zwei NESTROYs nominiert.
Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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