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Marie Rötzer, auf dem Dach ihres Theaters.

Marie Rötzer, auf dem Dach ihres Theaters.
Foto: Andreas Jakwerth / PRODUKTION Kerstin White. / STYLING: ANZUG VON BOSS, TOP ASYMMETRISCH VON JAKE*S STUDIO BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBUG, BALLERINAS STEVE MADDEN

Marie Rötzer: Theater darf nicht langweilen!

Theater in der Josefstadt

Marie Rötzer über ihre neue Aufgabe an der Josefstadt, die Kraft des Theaters und ihre Vision für eines der traditionsreichsten Häuser des Landes.

Mit Beginn der neuen Spielzeit übernimmt Marie Rötzer die künstlerische Leitung des Theaters in der Josefstadt. Nach erfolgreichen Jahren am Landestheater Niederösterreich wechselt die gebürtige Weinviertlerin an eines der bedeutendsten Sprechtheater im deutschsprachigen Raum. Im BÜHNE-Talk spricht sie über die Verantwortung, die mit dieser Aufgabe verbunden ist, über ihr Verständnis von Theater als gesellschaftlichen Ort, über Tradition und Erneuerung –

Frau Rötzer, sind Sie aufgeregt?

Positiv aufgeregt, würde ich sagen. Es ist schon eine besondere Aufgabe, die künstlerische Direktion der Josefstadt zu übernehmen. Aus mehreren Gründen ist dieses Haus eines der wichtigsten Sprechtheater in Wien. Neben dem Burgtheater und dem Volkstheater verfügt die Josefstadt über eine unglaublich reiche Tradition. Hier Theater weiterzudenken, dieses Haus in Wien zu positionieren und zugleich über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus ausstrahlen zu lassen, ist eine große Herausforderung und eine große Freude.

Theater bringt Menschen zusammen, fördert den Dialog und ermöglicht den Austausch zwischen Menschen

Marie Rötzer

Marie Rötzer

Was erwarten Sie sich von Ihrer neuen Aufgabe?

Vor allem wünsche ich mir, dass wir über Theater sprechen. Theater ist eine Kunstform, die Menschen zusammenbringt, den Dialog fördert und den Austausch zwischen Menschen ermöglicht. Es schafft Gemeinschaft wie kaum eine andere Kunstform. Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne im Theater bin: Dort ist man nie allein. In einer Gesellschaft, die zunehmend von Einsamkeit geprägt ist und in der kulturelle Teilhabe oft zurückgeht, möchte ich dem etwas entgegensetzen. Mich interessiert die Frage, wie wir Theater wieder stärker in den Alltag der Menschen integrieren können.

Die neue Frau Direktor Marie Rötzer hat mit ihrem Programm für die Josefstadt und die Kammerspiele eine gelungene Mischung aus Klassiker und
neuen Hitstücken – auch aus England – vorgelegt. Jedes einzelne Stück ist breit aufgestellt und mit Publikums»
lieblingen besetzt. Einem Erfolg steht nichts im Weg.
Foto: Andreas Jakwerth / STYLING: ANZUG VON BOSS, TOP ASYMMETRISCH VON JAKE*S STUDIO BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBUG, BALLERINAS STEVE MADDEN
Die neue Frau Direktor Marie Rötzer hat mit ihrem Programm für die Josefstadt und die Kammerspiele eine gelungene Mischung aus Klassiker und neuen Hitstücken – auch aus England – vorgelegt. Jedes einzelne Stück ist breit aufgestellt und mit Publikums» lieblingen besetzt. Einem Erfolg steht nichts im Weg.

Viele Menschen fragen derzeit: Wer ist Marie Rötzer?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Manchmal überraschen mich die Lebenswege und Umstände selbst, die mich hierhergeführt haben. Ich komme aus dem Weinviertel, aus Michelbach, und natürlich hat es mich irgendwann nach Wien gezogen. Schon als Jugendliche hatte ich ein starkes Bedürfnis nach Freiheit. Damals empfand ich meine Heimatregion kulturell als sehr eingeschränkt. Das hat sich mittlerweile stark verändert. Durch meine Arbeit am Landestheater Niederösterreich habe ich erlebt, wie sehr Niederösterreich kulturell aufgeholt hat – von großen Institutionen bis zu kleineren Gemeinden. Als ich aufgewachsen bin, war das noch anders. Vielleicht entstand gerade daraus meine Leidenschaft, mein Leben mit Kunst und Kultur zu bereichern. Ich bin zudem nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen. Damals war vieles begrenzt, die Welt schien weit weg. Vielleicht ist deshalb bis heute der Wunsch so stark geblieben, neue Perspektiven kennenzulernen und Grenzen zu überwinden.

Das ist Marie Rötzer

Geboren in Mistelbach, leitete sie das Landestheater Niederösterreich in St. Pölten und machte es zu einem künstlerisch viel beachteten und ausgezeichneten Theater im deutschsprachigen Raum. Davor war Rötzer u. a. am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Thalia Theater in Hamburg und am Staatstheater Mainz. Mit dem Start der Saison 2026/27 ist sie die neue Direktorin des Theaters in der Josefstadt.

Wie fühlt es sich an, Direktorin der Josefstadt zu werden – eines Theaters, das weit über Wien hinaus be- kannt ist?

Dieses Gefühl ist tatsächlich etwas Besonderes. Ich habe die Schauspielerinnen und Schauspieler der Josefstadt schon als Kind im Fernsehen gesehen – Elfriede Ott, die „Liebe Familie“ und viele andere Persönlichkeiten, die das Haus geprägt haben. Das hatte immer etwas sehr Vertrautes und Familiäres. Die Josefstadt steht für große Schauspielkunst. Diese Tradition reicht aber viel weiter zurück. Nestroy und Raimund standen hier auf der Bühne, teilweise in ihren eigenen Stücken. Beethoven brachte hier 1822 eine Komposition zur Aufführung. Und vor rund hundert Jahren wirkte Max Reinhardt als Intendant dieses Hauses. Gerade Max Reinhardt ist für mich eine große Symbolfigur. Er hat gezeigt, dass künstlerische Qualität und Publikumsnähe kein Widerspruch sein müssen.

Wie entsteht ein Spielplan für ein Haus wie die Josefstadt?

Die Entstehung eines Spielplans ist ein sehr komplexer Prozess. Ich komme ursprünglich aus der Dramaturgie und habe daher eine starke Affinität zur Literatur. Mich interessieren Literaturtheater und Erzähltheater. Deshalb beschäftigt man sich zwangsläufig mit Arthur Schnitzler, Nestroy oder den großen österreichischen Autorinnen und Autoren. Wichtig war mir dabei immer, Stücke auszuwählen, die Geschichten erzählen, die mit unserem Leben zu tun haben. Theater darf nicht nur historisch interessant sein, sondern muss sich in unsere Gegenwart übersetzen lassen. Es geht darum, Stoffe zu finden, die auch heute etwas über uns erzählen.

 

Es geht nicht darum, Tradition abzuschaffen, sondern sie weiterzuerzählen. – Marie Rötzer
Foto: Andreas Jakwerth
Es geht nicht darum, Tradition abzuschaffen, sondern sie weiterzuerzählen. – Marie Rötzer

Was treibt Sie dabei an?

Zunächst einmal eine große Leidenschaft für das Theater. Während meines Germanistikstudiums habe ich erkannt, dass Literatur noch einmal eine ganz andere Kraft entfaltet, wenn sie auf der Bühne lebendig wird. Theater ist nicht nur Sprache. Es setzt sich mit Bildern auseinander, mit bildender Kunst, mit Musik, mit Rhythmus. All diese Aspekte haben mich immer fasziniert. Vor allem aber interessiert mich das Erzählen von Geschichten und die Möglichkeit, über Geschichten etwas über das Leben zu erfahren.

Ihre erste große Premiere wird Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“. Was reizt Sie an diesem Stück?

Schnitzler ist für mich beispielhaft. Er beschreibt Menschen bis in ihre innersten Winkel. In der „Komödie der Verführung“ hat er über Jahrzehnte hinweg ein großes Panorama geschaffen. Man begegnet Figuren, die auf der Suche nach Liebe, Anerkennung und Erfüllung sind. Diese Menschen feiern, sie sprechen über ihre Sehnsüchte und Träume. Gleichzeitig verdrängen sie die Realität. Sie wollen nicht wahrhaben, dass der Erste Weltkrieg bereits auf sie zukommt. Sie leben in einer Blase. Genau dieser Aspekt interessiert mich besonders, weil er auch heute wieder eine starke Aktualität besitzt.

PREMIERE AM 3. SEPTEMBER: Komödie der Verführung.
DER SCHNITZLER-KLASSIKER IM GROSSEN HAUS

Alle Lieblinge der Josefstadt sind mit dabei: Von Nils Arztmann über Johanna Mahaffy bis Ulli Maier. Inszenieren wird eine der spannendsten Regisseurinnen der Jetztzeit: Ildikó Gáspár. Dazu gibt‘s Operettenmelodien und (es sei verraten) die eine oder andere Live-Video-Übertragung aus dem Haus.

Die Inszenierung setzt auf Video, Musik und starke Bilder. Ist das ein bewusstes Signal für die Zukunft der Josefstadt?

Mir geht es darum, zeitgemäße Ausdrucksformen selbstverständlich einzusetzen. Video ist heute ein künstlerisches Mittel unter vielen. Dazu kommen Musik, choreografische Elemente und eine starke Bildsprache. Für mich ist Theater immer auch ein Gesamtkunstwerk. Es lebt vom Zusammenspiel verschiedener Künste. Das macht seine besondere Kraft aus. Theater besteht eben nicht nur aus Text, sondern aus vielen künstlerischen Disziplinen, die gemeinsam eine Welt erschaffen.

Nach der Präsentation Ihres Spielplans waren viele positiv überrascht. Haben Sie diese Reaktion erwartet?

Natürlich habe ich gehofft, dass das Programm gut aufgenommen wird. Für mich war aber von Anfang an klar, dass ich an der Josefstadt keinen radikalen Bruch herbeiführen möchte – weder künstlerisch noch organisatorisch. Ich möchte das weiterführen, was hier über viele Jahre gewachsen ist. Die Ära Herbert Föttinger war vielfältig und durchaus modern. Die Josefstadt steht für österreichische Literatur und große Schauspielkunst. Diese Geschichte muss man ernst nehmen. Gleichzeitig möchte ich neue Perspektiven eröffnen und zeitgemäße Lesarten entwickeln. Es geht nicht darum, Tradition abzuschaffen, sondern sie weiterzuerzählen.

Ich schätze das Publikum der Josefstadt. Es kennt Theater und verfügt über eine große Kompetenz. – Marie Rötzer
Foto: Andreas Jakwerth / STYLING: ANZUG VON BOSS, TOP ASYMMETRISCH VON JAKE*S STUDIO BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBUG, ARMREIFEN VON ELVA BLAU
Ich schätze das Publikum der Josefstadt. Es kennt Theater und verfügt über eine große Kompetenz. – Marie Rötzer

Welche Rolle spielen zeitgenössische Autorinnen in Ihrer ersten Saison?

Eine sehr große. Mir ist wichtig, mehr Autorinnen an die Josefstadt zu holen. Da gibt es historischen Nachholbedarf, weil der klassische Kanon überwiegend von Männern geprägt ist. Wir arbeiten mit Dramatikerinnen und Schriftstellerinnen wie Teresa Präauer, die für uns ein neues Stück geschrieben hat. Wir zeigen Suzie Millers „Inter Alia“, das sich mit Fragen von Moral, Verantwortung und gesellschaftlichen Konflikten auseinandersetzt. Auch Yasmina Reza ist mit einer österreichischen Erstaufführung vertreten. Diese Perspektiven sind für mich unverzichtbar, wenn Theater die Gegenwart abbilden will.

Wie gestaltet man einen so großen Veränderungsprozess innerhalb eines traditionsreichen Hauses?

Für mich beginnt alles mit Kommunikation. Mir ist wichtig, erreichbar zu sein und offen über Probleme, Wünsche und Erwartungen zu sprechen. Vielleicht ist es ein Vorteil, dass ich weder Schauspielerin noch Regisseurin bin. Ich stehe nicht in Konkurrenz zu den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne. Dadurch entstehen andere Voraussetzungen für Zusammenarbeit. Gerade heute erwarten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Recht Transparenz, Respekt und Mitgestaltung. Deshalb versuche ich, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und möglichst viele Menschen einzubinden.

Sie haben auch Veränderungen im Ensemble vorgenommen. Nach welchen Kriterien treffen Sie solche Entscheidungen?

Mir war wichtig, ein Ensemble zu haben, das gut einsetzbar ist und in dem jede Schauspielerin und jeder Schauspieler wirklich interessante Aufgaben erhält. Dabei geht es nicht darum, Menschen auszuschließen. Viele Künstlerinnen und Künstler werden dem Haus weiterhin als Gäste verbunden bleiben. Gleichzeitig ermöglicht ein kompakteres Ensemble eine gezieltere Besetzungspolitik

PREMIERE AM 5. SEPTEMBER: Der tollste Tag.
PETER TURRINI IN DEN KAMMERSPIELEN

Das ist charmant: Das Föttinger-Finale hieß „Was für ein schönes Ende“. Marie Rötzer startet mit „Der tollste Tag“. Beides Stücke von Turrini. Anna Stiepani, eine spannende Nachwuchsregisseurin, inszeniert. Raphael van Bargen, Maria Köstlinger, Dominic Oley u. a. spielen. Ein Abend mit Witz ist garantiert.

Wie entdeckt man neue Talente?

Durch Netzwerke, durch kontinuierliche Beobachtung und durch enge Kontakte zu Schauspielschulen. Ich arbeite seit vielen Jahren an unterschiedlichen Theatern und habe dadurch ein großes Netzwerk aufgebaut. Besonders wichtig sind mir die Verbindungen zu Ausbildungsstätten wie dem Max Reinhardt Seminar in Wien, aber auch zu Schulen in Berlin oder Frankfurt. Wir planen Kooperationen, Abschlussinszenierungen und gemeinsame Projekte. So entstehen Begegnungen mit jungen Talenten oft ganz selbstverständlich.

Wie wichtig ist Diversität für die Zukunft der Josefstadt?

Natürlich ist das ein Thema, an dem wir weiterarbeiten wollen. Gesellschaftliche Veränderungen spiegeln sich auch in den Theatern wider. Mir war zunächst wichtig, innerhalb des En- sembles mehr Ausgewogenheit herzustellen. Gleichzeitig wollen wir die Gesellschaft in ihrer Vielfalt stärker abbilden. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht, aber selbstverständlich Teil unserer Entwicklung ist.

Was soll das Theater in der Josefstadt auf keinen Fall sein?

Langweilig.

Was macht Sie grantig?

Die Gerüchteküche.

Und was ist das Publikum der Josefstadt für Sie?

Ein Publikum, das ich sehr schätze. Es ist erfahren, kennt Theater und verfügt über eine große Kompetenz. Viele Menschen haben hier über Jahrzehnte hinweg unzählige Aufführungen gesehen. Gleichzeitig wünsche ich mir ein Publikum, das neugierig bleibt. Kunst lebt von Offenheit. Deshalb hoffe ich, dass viele Menschen Lust haben, Bekanntes neu zu entdecken und sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Und natürlich wünsche ich mir, dass dieses Publikum wächst.

Hier geht es zum neuen Spielplan der Saison 2026/27 im Theater in der Josefstadt!

Josefstädter Straße 26
1080 Wien
Österreich
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