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Sarah Viktoria Frick in einer Loge des Burgtheaters.

Sarah Viktoria Frick in einer Loge des Burgtheaters.
Foto: Stefan Fürtbauer

O du schöne Ungewissheit

Burgtheater

Ideen werden klarer, wenn sie durch möglichst viele Menschen gespült werden, ist Sarah Viktoria Frick überzeugt. Bis sie irgendwann glitzern. Die Schauspielerin liebt Ensemblestücke wie „Merlin oder Das wüste Land“ und sucht in Proben nach Momenten der Ungewissheit, in die sie sich zwar Kopf voran, aber mit viel Bauchgefühl werfen kann.

Sarah Viktoria Frick hört kurz in sich hinein und fasst daraufhin einen Plan, der folgendermaßen lautet: Nach einem langen, heißen Probentag muss unbedingt ein kühles, kohlensäurehaltiges Getränk her. Wir sitzen im Gemeinschaftsraum des Burgtheaters und schnell ist klar: Ein Eisbecher wäre großartig, Eisbrecher braucht es aber definitiv keinen. Wie ihr Spiel ist auch ihr sprudelnder Gedankenstrom manchmal wild und ausufernd, dann wieder leise und geordnet.

Jedoch auch in den stürmischsten Momenten voller Tiefgründigkeit. Das bedeutet auch: Wir sprechen nicht einfach über das Stück „Merlin oder Das wüste Land“, in dem Sarah Viktoria Frick ab September als Merlin zu sehen sein wird, sondern köpfeln direkt hinein. Statt sich auch nur einen Atemzug zu lange an der Oberfläche aufzuhalten, geht die Schauspielerin der Sache nämlich lieber auf den Grund. Die „Sache“ ist in diesem Fall Antú Romero Nunes’ Inszenierung des eben erwähnten Stücks, das auf den ersten Blick von König Artus und der Tafelrunde handelt, eigentlich aber eine zeitlose Parabel über das Menschsein an sich ist. Der Inhalt in aller Kürze: Merlin kann in die Zukunft sehen und soll als Spross des Teufels das Böse in die Welt bringen. Er wehrt sich jedoch gegen sein Schicksal und bringt König Artus dazu, die Tafelrunde zu gründen, um eine Welt ohne Krieg zu erschaffen. Obwohl Merlin furchtlos und mit großer Beharrlichkeit an diese Aufgabe herangeht, scheitern sie schlussendlich an ihren Mitmenschen wie auch an sich selbst.

NAIV UND WEISE

Sarah Viktoria Frick beginnt, von den Proben zu erzählen, die vor allem von Intuition und Zusammenspiel geprägt sind: „Wenn man als Gruppe etwas erfindet und am Ende nicht mehr weiß, von wem bestimmte Ideen stammen, wird es magisch. Antú ist ein Regisseur, der sich auf Proben vor allem dafür interessiert, was sich im Zusammenspiel ereignet. Er rückt die Spieler*innen ins Zentrum, lässt Dinge zu und hat unglaublich viel Vertrauen in die Gruppe. Das gibt mir als Spielerin das Gefühl, dass alles möglich und nichts peinlich ist. Es ist einfach eine große Liebeserklärung an das Theaterspielen. Die Ästhetik und alles andere kommen erst später dazu. So setzt es sich langsam zusammen.“

Das mit der Scham sei überhaupt so eine Sache, fügt sie hinzu. „Je älter ich werde, desto weniger begleitet sie mich. Auch das Regieführen hat dazu beigetragen.“ Darüber werden wir aber etwas später noch sprechen.

Foto: Stefan Fürtbauer

Zuerst geht es aber noch einmal um das Vertrauen des Regisseurs in seine Truppe, das dem Urvertrauen Merlins in die Menschen durchaus nahekommt. „Merlin ist zwar ein Zauberer, hat aber eigentlich gar keine Lust darauf, sich die Menschen nach seinen Vorstellungen zu zaubern. Weil er fest daran glaubt, dass sie intuitiv schon das Richtige tun werden. Obwohl er sehr viel weiß, hört er außerdem nie auf, Fragen zu stellen“, so Frick.

Merlins Blick auf die Welt beschreibt die Schauspielerin als naiv und weise zugleich. „Da ist im Grunde genommen alles drin. Leben und Tod. Wenn ich einem Baby kurz nach der Geburt in die Augen schaue, sehe ich dort etwas ganz Ähnliches. Oder wenn jemand kurz davor ist zu sterben“, setzt sie daran anknüpfend nach. Geht es nach Sarah Viktoria Frick, bedeutet Naivität also nicht die Verabschiedung von Weisheit und Erfahrung. Im Gegenteil. In ihrer Gleichzeitigkeit erkennt sie eine große Kraft.

Sarah Viktoria FRICK

wuchs in Liechtenstein auf und studierte an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihr erstes Festengagement trat sie 2005 in Essen an, wo sie zum ersten Mal mit dem Regisseur David Bösch zusammenarbeitete. Viele weitere gemeinsame Produktionen folgten. 2009 wurde sie an die BURG engagiert. 2011 und 2022 wurde Sarah Viktoria Frick mit dem NESTROY-Theaterpreis in der Kategorie„Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet.  Ihre eigenen Regiearbeiten waren im Berliner Ensemble, im Bronski & Grünberg Theater und im Landestheater Niederösterreich zu sehen. 2027 inszeniert sie „Die Schule der Frauen“ im Volkstheater Bezirke.

Auch vom Publikum wünscht sie sich einen naiven Blick auf die Dinge, die sich auf der Bühne ereignen werden. „Es ist eine sehr pure Inszenierung, die sich nicht auf Technik, sondern vor allem auf die Kraft des Ensembles stützt. Das Publikum wird dazu eingeladen, unseren Behauptungen zu folgen. Denn sobald ich etwas glaube, wird es wahr. Natürlich können wir niemanden dazu zwingen einzusteigen, aber wer sich darauf einlässt, wird etwas Zauberhaftes erleben“, bringt es die Schauspielerin auf den Punkt.

Ob sie lieber probt oder lieber Vorstellungen spielt, kann Frick so pauschal nicht beantworten. „Momentan genieße ich es sehr, einfach Dinge ausprobieren zu können, vielleicht auch mal danebenzuhauen und nicht an die Premiere im September denken zu müssen. Das ist jedoch nur möglich, weil das Vertrauen innerhalb der Gruppe so groß ist. Natürlich übernehme ich Verantwortung für die Sache, kann mich aber auch total fallen lassen. Je weniger ich das Ergebnis vor Augen habe, desto mehr Spaß machen mir die Proben.“

Vielleicht ist es genau das, was gemeint ist, wenn vom Theater als Fest des Augenblicks gesprochen wird: die Freude an der Ungewissheit, die sich jedoch nur dann entfalten kann, wenn es eine solide Vertrauensbasis gibt. „Weil er in die Zukunft sehen kann, kennt Merlin diesen Zustand des Nichtwissens gar nicht. Ich verstehe gut, dass das eine riesengroße Last für ihn ist. Denn wenn man alles schon weiß, braucht es keine Gespräche mehr, gibt es keine Überraschungen, keine Momente des Kennenlernens und kein Kribbeln mehr“, schlägt Frick die Brücke zum Stück.

Je weniger ich an das Ergebnis denke, desto mehr Spaß macht es mir zu proben.

Sarah Viktoria Frick, Schauspielerin

Sarah Viktoria Frick, Schauspielerin

ENSEMBLE IST ALLES

Für Sarah Viktoria Frick gilt außerdem: Das Fest des Augenblicks wird erst dann zur Party, wenn mehrere Leute vom Kribbeln der Ungewissheit erfasst werden. „Ich liebe nichts mehr als Ensemblestücke“, hält die Schauspielerin ohne große Umschweife fest. „Für mich hat das etwas Politisches. Vor allem dann, wenn es so auf Augenhöhe abläuft, wie das bei ‚Merlin‘ der Fall ist. Ich finde Kongenialität jedenfalls viel interessanter als Genialität. Im richtigen Zusammenspiel hat außerdem auch die Scham keine Chance.“

Das mit der Kongenialität gilt im Übrigen auch für ihre Regiearbeiten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und künstlerischen Sparringspartner Martin Vischer hat Frick bereits mehrere Stücke inszeniert, zuletzt „Speed“ am Landestheater Niederösterreich. „Mir ist es mittlerweile überhaupt nicht mehr wichtig, wessen Idee letztendlich in der Inszenierung bleibt. Meine Erfahrung ist außerdem, dass Ideen besser werden, wenn sie durch mehrere Menschen gespült werden. Es ist wie bei Wasser: Je mehr es gefiltert wird, desto klarer wird es. Bis die Idee irgendwann glitzert.“

Ihre allererste Begegnung mit „Merlin“ liegt schon etwas länger zurück, erzählt Sarah Viktoria Frick. Als Schauspielstudentin in Zürich hätte sie es in Basel gesehen – inszeniert von Stefan Bachmann. Bruno Cathomas, der nun Parsifal spielt, gehörte in der Rolle des Königs Artus ebenfalls zum Basler Ensemble. „Die ganze Schauspielschule ist ins Theater Basel gefahren, um sich das anzusehen. Ich habe die Inszenierung geliebt“, erinnert sich die Schauspielerin. Liebe für Merlin zu empfinden, sei ihr aber auch deshalb nicht schwergefallen, weil „Die Hexe und der Zauberer“ einer ihrer liebsten Disney-Filme sei, fügt sie hinzu. Sich die Schauspielerin in der Rolle des hellsichtigen Verwandlungskünstlers und Spielers vorzustellen, fällt definitiv nicht schwer. Nicht nur deshalb, weil es keine Figur aus der Literatur- und Theatergeschichte gibt, bei der man ernsthaft daran zweifeln würde, dass sich Sarah Viktoria Frick in sie verwandeln kann, sondern auch aus folgendem Grund: Wenn die Schauspielerin über Merlin spricht, wird klar, dass „alles oder nichts“ in manchen Momenten zwar ein gutes Motto sein kann, aber nicht immer stimmt. Denn man kann alles und gleichzeitig nichts wissen. Und darin liegt ein großer Zauber.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Merlin oder das wüste Land" im Akademietheater!

Lisztstraße 1
1030 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 07/2026

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