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Auf der Bank vor dem TDJ in der Neubaugasse.

Auf der Bank vor dem TDJ in der Neubaugasse.
Foto: Christoph Liebentritt

Theater ist ein Muttertraining

Theater der Jugend

Aslı Kışlal und Bérénice Hebenstreit – die neue Leitung des Theaters der Jugend über Kunst, Diversität, TikTok, große Geschichten und die Frage, wie man jene erreicht, die noch nie im Theater waren.

Es ist ein Montag im Sommer. Wir sitzen mit der neuen Direktorin des TdJ Aslı Kışlal und der neuen Programmatischen Leiterin Bérénice Hebenstreit in deren Büro neben dem TdJ in der Wiener Neubaugasse. Das Programm steht und wird in den kommenden Wochen präsentiert. Vorweg: Es zieht sich eine tiefe Leichtigkeit durch die neue Saison. Die Mischung macht Lust aufs Theater – es ist, als hätte man die Vorhänge aufgemacht und das Licht hereingelassen. Alles andere als ein Erfolg scheint undenkbar. Im Zentrum des Gesprächs aber stehen nicht nur Spielpläne und Strukturen, sondern grundlegende Fragen: Was kann Theater heute überhaupt leisten? Wer ist „die Jugend“? Wie erreicht man junge Menschen zwischen TikTok, Schulalltag und gesellschaftlichen Zuschreibungen? Und warum ist die Arbeit an diesem Haus für beide auch ein politisches Statement?

Beginnen wir mit der vielleicht naheliegendsten Frage: Warum wollten Sie diesen Job überhaupt?

Aslı Kışlal: Für mich war die Bewerbung tatsächlich etwas sehr Persönliches. Ich habe das nie als irgendeinen Intendantinnen-Posten betrachtet. Es gibt viele Theater, die vielleicht besser zu meinem bisherigen Weg gepasst hätten. Aber das Theater der Jugend ist etwas anderes. Für mich ist diese Entscheidung auch eine politische Handlung. Ich habe selbst im Theater der Jugend angefangen; dort stand ich zum ersten Mal auf einer Bühne. Meine gesamte Arbeit der vergangenen Jahre war darauf ausgerichtet, jungen Menschen Räume zu öffnen, ihnen Sichtbarkeit zu geben und ihnen Bühnen freizumachen. In gewisser Weise schließt sich hier ein Kreis. Es fühlt sich an wie ein fehlendes Puzzleteil.

Bérénice Hebenstreit: Mich hat vor allem die Wirksamkeit dieses Hauses fasziniert. In der Wiener Theaterlandschaft wird das Theater der Jugend manchmal erstaunlich wenig wahrgenommen, obwohl hier jedes Jahr unglaublich viele junge Menschen durchgehen. Ich beschäftige mich seit Jahren mit kulturpolitischen Entwicklungen und mit neuen Leitungsmodellen. Dabei bin ich immer wieder auf dieselbe Frage gestoßen: Für wen machen wir eigentlich Theater? Wo entsteht eine Beziehung zum Publikum, die uns verändert? Und wenn man diese Frage ernst nimmt, landet man früher oder später bei den Orten, an denen junge Menschen erreicht werden. Dort entscheidet sich oft, welche Beziehung jemand später überhaupt zur Kunst entwickelt.

Theater hat mir beigebracht, dass man sich andere Leben vorstellen kann. Theater ist ein Empathietraining. Ein Muttraining. Eine Probe für das Leben.

Aslı Kışlal

Aslı Kışlal

Sie sprechen beide von Wirkung. Was ist Ihre persönliche Idee vom Theater?

Kışlal: Ich kann mir ein Leben ohne Theater gar nicht vorstellen. Theater hat mich als Kind geprägt. Vielleicht hätte ich sonst nie den Mut gehabt, mit drei Koffern allein in einen Zug zu steigen und nach Europa zu gehen. Theater hat mir beigebracht, dass die Welt größer ist als das, was ich kenne. Dass man sich andere Leben vorstellen kann. Für mich ist Theater deshalb ein Empathietraining. Ein Muttraining. Eine Probe für das Leben. Auf der Bühne kann man Dinge ausprobieren, Fehler machen, alles verwerfen und wieder neu beginnen. Kinder lernen dort etwas ganz Wesentliches: dass die Welt veränderbar ist.

Hebenstreit: Und genau deshalb geht es uns nicht um Theater als moralische Anstalt. Wir wollen nicht belehren. Wir wollen Geschichten erzählen. Gute Geschichten. Im besten Fall transportiert eine Geschichte viele Themen gleichzeitig. Aber sie tut es, ohne dass jemand mit dem pädagogischen Zeigefinger danebensteht. Theater muss kein Unterricht sein. Theater muss berühren, überraschen und Räume öffnen.

Wer sind eigentlich die Jugendlichen, für die Sie Theater machen? Gibt es „die Jugend“ überhaupt?

Hebenstreit: Nein, „die Jugend“ gibt es nicht. Schon allein deshalb nicht, weil unser Publikum von Volksschulkindern bis zu jungen Erwachsenen reicht. Die Lebensrealitäten könnten unterschiedlicher kaum sein. Uns interessiert vielmehr die Frage: Wen erreichen wir bereits – und wen noch nicht? Es gibt finanzielle Hürden, soziale Hürden, Informationshürden. Wer weiß überhaupt, dass es dieses Haus gibt? Wer fühlt sich eingeladen? Wer fühlt sich ausgeschlossen?

Das sind die Fragen, die uns beschäftigen.

Kışlal: Und vielleicht beginnt alles damit, junge Menschen nicht ständig als eine homogene Gruppe zu betrachten. Sobald man von „der Jugend“ spricht, verliert man bereits die Einzelnen aus dem Blick.

Viele Erwachsene beklagen heute die angeblich kurze Aufmerksamkeitsspanne junger Menschen. TikTok, Reels, permanente Reizüberflutung. Macht Ihnen das Sorgen?

Kışlal: Überhaupt nicht. Erstens hatte ich selbst schon vor Social Media eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Ich langweile mich schnell. Deshalb inszeniere ich wahrscheinlich auch so, wie ich inszeniere. Und zweitens wird oft übersehen, dass junge Menschen heute enorm viele Bilder, Geschichten und künstlerische Formen konsumieren. Vielleicht anders als früher, vielleicht schneller, vielleicht fragmentierter – aber sie beschäftigen sich permanent mit Narrativen und ästhetischen Formen. Vor Kurzem war ich in einer Schule. Anfangs waren die Kinder schüchtern. Dann habe ich eine Übung mit einem Zeitlimit von 30 Sekunden vorgeschlagen. Plötzlich waren alle da. Da habe ich gedacht: Natürlich. Sie kennen dieses Format. Sie haben gelernt, in kurzer Zeit kreativ zu reagieren. Das heißt doch nicht, dass sie kein Theater verstehen. Es bedeutet nur, dass sie andere Sehgewohnheiten haben.

Zur Person: Aslı KIŞLAL

ist die neue Direktorin des Theaters der Jugend. Sie arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich und mehrfach ausgezeichnet als Regisseurin, Dramaturgin, Schauspielerin und Drehbuchautorin. Daneben unterrichtet sie und ist Mitglied wichtiger Jurys.

Wie wollen Sie dieses Publikum erreichen?

Hebenstreit: Indem wir zuhören. Wir wollen junge Menschen nicht nur als Publikum sehen, sondern als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Sie sollen Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebensrealität sein.

Kışlal: Das Theater der Jugend hat ja kein Publikumsproblem. Die Auslastung ist enorm. Die spannende Frage lautet vielmehr: Wie erreichen wir jene, die bisher nie gekommen sind? Deshalb gehen wir bereits jetzt aktiv in Schulen, die keine Theaterabonnements haben. Wir wollen nicht darauf warten, dass alle zu uns kommen. Wir gehen auch dorthin, wo bislang niemand gefragt hat.

Wird sich dadurch auch die Art verändern, wie Theater erzählt wird?

Hebenstreit: Ja. Wir werden teilweise kürzere Formate entwickeln. Nicht, weil junge Menschen weniger verstehen würden, sondern weil manche Geschichten kompakter erzählt werden können. Vor allem wollen wir direkter werden. Theater darf reagieren. Das Publikum darf reagieren. Junge Menschen sollen nicht darauf trainiert werden, still zu sitzen und Kunst ehrfürchtig zu betrachten. Das Schönste am Theater für junges Publikum ist doch, dass unmittelbare Reaktionen entstehen.

„Auf der Bühne kann man Dinge ausprobieren, Fehler machen, alles verwerfen und wieder neu beginnen. Kinder lernen dort etwas ganz Wesentliches: dass die Welt veränderbar ist.“ Aslı
KIŞLAL
Foto: Christoph Liebentritt
„Auf der Bühne kann man Dinge ausprobieren, Fehler machen, alles verwerfen und wieder neu beginnen. Kinder lernen dort etwas ganz Wesentliches: dass die Welt veränderbar ist.“ Aslı KIŞLAL

Sie sprechen oft von Vielfalt. Was bedeutet das konkret?

Kışlal: Vielfalt bedeutet für uns nicht ein Schlagwort im Programmheft. Wir haben Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die sehr unterschiedlich arbeiten. Unterschiedliche Ästhetiken, unterschiedliche Erzählweisen, unterschiedliche Hintergründe. Mich langweilt Theater, wenn man nach zwei Produktionen schon weiß, wie die dritte aussehen wird. Wir wollen ein Haus schaffen, in dem Überraschungen möglich sind.

Auch das Ensemble wurde neu aufgestellt.

Kışlal: Ja, das war uns wichtig, die neuen Geschichten, die wir erzählen wollen, mit neuen Gesichtern zu verbinden. Neben unserem fixen Ensemble arbeiten wir mit vielen Gästen und jungen Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Uns interessiert eine große Bandbreite von Stimmen und Perspektiven.

Zur Person: Bérénice HEBENSTREIT

ist Regisseurin und NESTROY-Preisträgerin und inszenierte unter anderem am Volkstheater, am Vorarlberger Landestheater, am Staatstheater Nürnberg und am Theater Nestroyhof/Hamakom. Hebenstreit ist die Programmatische Leiterin des Theaters der Jugend.

Auffällig ist auch die Auswahl der Stoffe: viele Autorinnen, einige fast vergessene Namen, daneben große Klassiker.

Hebenstreit: Das war tatsächlich eine sehr bewusste Entscheidung. Wir wollten verschiedene Generationen von Kinder- und Jugendliteratur versammeln. An die großen emanzipatorischen Bewegungen der Kinderliteratur der 1970er- Jahre anknüpfen. Auch frühere, vergessene Stimmen sichtbar machen. Und, ganz wichtig, zeigen, wer heute für junge Menschen schreibt. Dabei sind wir auch auf tolle Texte gestoßen, bei denen wir uns fragen, warum diese nicht längst gespielt werden. Und wir haben neben Romanen auch nach Comics und anderen Erzählformen gesucht.

Beim Lesen des Programms fällt auf, dass trotz ernster Themen eine große Leichtigkeit spürbar ist.

Hebenstreit: Das freut mich sehr. Wir glauben, dass große Geschichten und Leichtigkeit kein Widerspruch sind. Im Gegenteil.

Kışlal: Selbst Geschichten über schwierige Themen können leicht erzählt werden. Nicht oberflächlich, sondern zugänglich.

Ein großes Thema ist die Diversität der Stadt. Mehr als die Hälfte der Wiener Jugendlichen hat heute einen Migrationshintergrund. Welche Rolle spielt das für Ihre Arbeit?

Kışlal: Vor allem die Rolle der Normalität. Wir haben nicht beschlossen: Jetzt machen wir Diversität. Wir schauen einfach aus dem Fenster und sehen die Gesellschaft. Die Geschichten haben sich verändert. Die Menschen, die Geschichten erzählen, haben sich verändert. Die Menschen auf den Bühnen haben sich verändert. Also müssen auch die Theater diese Realität abbilden.

Junge sollen Expertinnen und Experten ihrer eigenen
Lebensrealität sein. – Bérénice Hebenstreit
Foto: Christoph Liebentritt
Junge sollen Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebensrealität sein. – Bérénice Hebenstreit

Sie sprechen oft von Zuschreibungen.

Kışlal: Ja, weil ich das selbst erlebt habe. In der Türkei war ich Aslı, das Individuum. Als ich nach Österreich kam, war ich plötzlich „die Türkin“. Das heißt: Identität entsteht oft durch Zuschreibungen von außen. Heute treffe ich Kinder, die mit zwölf Jahren vier oder fünf Sprachen sprechen. Für mich ist das eine unglaubliche Kompetenz. Aber gesellschaftlich werden sie oft vor allem als Problem betrachtet. Ich wünsche mir, dass wir irgendwann aufhören, ständig zu fragen: Woher kommst du eigentlich? Vielleicht könnten wir stattdessen fragen: Wer bist du?

Sie leiten künftig zwei Häuser: Das Theater in der Neubaugasse und jenes im ersten Bezirk. Werden diese unterschiedlich programmiert?

Hebenstreit: Teilweise ja. Schon jetzt gibt es eine gewisse Aufteilung nach Altersgruppen. Aber langfristig interessiert uns vor allem die Frage, wie das Haus im ersten Bezirk stärker zu einem Ort für Jugendliche werden kann. Nicht nur als Bühne, sondern als Aufenthaltsort.

Kışlal: Ein Ort, an dem Jugendliche ihre Geschichten wiederfinden können. Wenn jemand auf der Bühne plötzlich eine Erfahrung erkennt, die der eigenen ähnelt, entsteht etwas sehr Wichtiges: Man merkt, dass man nicht allein ist. Im Haus in der Neubaugasse geht es stärker um Fantasie, Empathie und das Erfinden von Welten. Im Haus in der Innenstadt möchten wir noch stärker an den Lebensrealitäten junger Menschen anknüpfen.

Wenn Sie einen Satz formulieren müssten, der Ihre Vision zusammenfasst, wie würde er lauten?

Kışlal: Theater soll Mut machen. Es soll Menschen zeigen, dass die Welt veränderbar ist.

Also keine pädagogische Anstalt?

Hebenstreit: Nein.

Kışlal: Ein Ort für Fantasie, Empathie, Streit, Begegnung und Hoffnung.

Hebenstreit: Und ein Ort, an dem junge Menschen nicht erklärt bekommen, wer sie sein sollen – sondern entdecken können, wer sie sind.

Hier geht es zum Spielplan des Theater der Jugend! 

Neubaugasse 38
1070 wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 07/2026

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