Zum Inhalt springen

Gemeinsam unterwegs. Anna Rieser, Martina Spitzer und Nancy Mensah- Offei in den Gängen der U-Bahn-Station „Volkstheater“. Die Vierte im Bunde, Vivienne Causemann, war am Tag des Shootings leider verhindert.

Gemeinsam unterwegs. Anna Rieser, Martina Spitzer und Nancy Mensah- Offei in den Gängen der U-Bahn-Station „Volkstheater“. Die Vierte im Bunde, Vivienne Causemann, war am Tag des Shootings leider verhindert.
FOTO: APOLLONIA T. BITZAN

Wie nah geht‘s?

Volkstheater

„Anthropologie“ beschäftigt sich mit rein analogen Mitteln mit KI-Systemen und der Illusion von Nähe. In den Proben seien sie einander schnell sehr nahe gewesen, erzählen die Schauspielerinnen Anna Rieser und Nancy Mensah-Offei.

Merril, Programmiererin und KI-Expertin, glaubt nicht nur an Muster und Systeme, sondern auch daran, dass sie ihrer verschwundenen und vermeintlich verstorbenen Schwester Angie mittels eines von ihr gebauten Chatbots wieder ganz nahe sein kann. Allerdings nur dann, wenn sie das System so programmiert, dass das Verhalten des Bots dem ihrer Schwester möglichst nahekommt. Wobei sie den Wunsch nach Authentizität im Laufe des Stücks immer wieder leicht modifiziert, denn die chaotische, direkte und teilweise schnippische Angie konnte auch eine ziemlich anstrengende Zeitgenossin sein. „Anthropologie“ ist ein Theaterstück, das vom Umgang mit Verlust und Trauer handelt. Aber auch davon, was es bedeutet, sich in der Illusion von Nähe zu verlieren. Wobei Letzteres nicht nur die Beziehung der beiden Schwestern betrifft, sondern auch jene zu ihrer Mutter und Merrils Ex-Freundin Raquel. Kurz: Die interfamiliäre Nahversorgung mit Liebe und Anerkennung funktioniert nicht richtig, sie ist rissig und instabil. Die Figuren versuchen einander nahezukommen, es gelingt ihnen jedoch nicht wirklich.

DIE FIGUREN ERNST NEHMEN

Regisseurin Martina Gredler bringt das Stück der in den USA gefeierten Dramatikerin Lauren Gunderson in den Bezirken auf die Bühne. Das vierköpfige Ensemble besteht aus Anna Rieser, Nancy Mensah-Offei, Martina Spitzer und Vivienne Causemann. Zwei davon, nämlich Anna Rieser und Nancy Mensah-Offei, treffen wir nach der Probe im Probenzentrum des Volkstheaters in der Tigergasse. Anders als bei den Figuren im Stück sei bei den Proben sofort so etwas wie echte Nähe entstanden, halten die beiden Schauspielerinnen fest. „Schon bei der Leseprobe haben wir darüber gesprochen, welche digitalen und analogen Möglichkeiten es gibt, um sich zu verabschieden und mit der eigenen Trauer umzugehen. Wir waren schnell auf einer sehr emotionalen Ebene“, erzählt Nancy Mensah-Offei. Anna Rieser, die Angie spielt, nickt zustimmend. „Wir haben uns alle sehr schnell geöffnet und schon in den ersten Probentagen viele private Erfahrungen miteinander geteilt. Mein Eindruck ist, dass es Martina Gredler sehr wichtig ist, dass wir ganz tief gehen und die Figuren total ernst nehmen. Und das funktioniert nur dann, wenn wir uns wirklich damit auseinandersetzen, was wir eigentlich erzählen wollen. Also nicht einfach irgendetwas behaupten, sondern offen sind und uns verletzlich machen. Sonst können wir gar nicht spüren, was im Stück erzählt wird.“ So tief in die Psychologie der Figuren hinabzusteigen, sei natürlich nicht bei jeder Arbeit die passende Herangehensweise, fügt die in Salzburg aufgewachsene Schauspielerin hinzu. „Aber in diesem Fall fühlt es sich definitiv richtig an.“

Nancy Mensah-Offei hat bei der Komödie „The Boys Are Kissing“ bereits mit Martina Gredler zusammengearbeitet. Die Schauspielerin, die seit der vergangenen Spielzeit zum Ensemble des Volkstheaters gehört und im Stück Merril spielt, nimmt sie als Regisseurin wahr, die stark über das Hören arbeitet und dabei äußerst genau ist. „Das empfinde ich als sehr angenehm, weil man es entweder annehmen oder nach einer anderen Melodie suchen kann, um von diesem Punkt aus weiterzujammen.“

Darum geht‘s in „Anthropologie“

Nach dem Verschwinden ihrer Schwester Angie programmiert Merril einen Chatbot, der Angies Verhalten und Sprache zu imitieren versucht. Als die KI merkt, dass Merril die Suche nach ihrer Schwester aufgegeben hat, besinnt sie sich auf ihre Kernkompetenz.

WER SCHREIBT DIE CODES?

Obwohl niemand aus dem Team Expert*in auf diesem Gebiet der künstlichen Intelligenz ist, sprechen sie in den Proben natürlich auch über KI-Systeme, bemerkt Nancy Mensah-Offei. „Wir arbeiten uns als Gesellschaft gerade sehr an diesem Thema ab, richten unseren Blick dabei aber vielleicht zu wenig darauf, wer diese Systeme eigentlich baut und zu welchem Zweck. Wer schreibt die Codes? Wem sollen sie dienen und was sollen sie erfüllen?“ In unserem Gespräch taucht auch die Frage auf, ob sie es sich vorstellen könnten, mithilfe eines Chatbots mit einem verstorbenen Menschen in Kontakt zu bleiben. Nancy Mensah-Offei fällt dazu eine Geschichte aus ihrem eigenen Leben ein: „Eine wunderbare Person, die vor einigen Jahren verstorben ist, hat mir, als ich 14 oder 15 Jahre alt war, ein Mixtape geschenkt, das ich mir einige Zeit später mit meinem alten CD-Player angehört habe. Allerdings hatte ich vergessen, dass der erste Track eine Aufnahme eines Nachmittags unter uns Freund*innen war. Als ich ihre Stimme wieder gehört habe, war da eher ein Loch als ein Gefühl der Nähe. Und mir wurde wieder klar, dass es nie wieder gefüllt werden kann.“ Das bedeutet für die Schauspielerin aber nicht, dass nicht auch die im Stück verhandelte Methode ihre Berechtigung hätte. „Es ist für uns Menschen einfach unglaublich wichtig und wertvoll, Abschied nehmen zu können. In welcher Form auch immer.“

„Im ersten Moment dachte ich mir, dass ich viel zu viel Angst davor hätte, nicht abschließen zu können“, sagt Anna Rieser und setzt nach: „Aber vielleicht ist es auch gar nicht so, sondern kann wirklich eine Hilfe sein.“ Darüber, ob Merril am Ende wirklich von Angie Abschied nehmen muss, soll an dieser Stelle jedoch nicht zu viel verraten werden, denn „Anthropologie“ ist nicht nur ein Stück, das nahegeht, sondern auch ein spannungsgeladener Krimi. Für Anna Rieser ist es bereits die zweite Bezirke-Tour. „Das Ganze ist irgendwie immer ein Happening, weil man nie genau weiß, was einen erwartet. Manchmal war es schon schwer, die Eingangstür zu finden. Bei ‚Halbe Leben‘ waren wir jedenfalls ein tolles Team. Es hat sich sehr nach Band angefühlt. Und das wird diesmal wieder so sein!“ Außerdem gibt es wohl kaum ein besseres Format, um Nähe zu verhandeln, als jenes, das das Theater ganz nahe zu den Menschen bringt. Oder um es mit dem Spielzeit-Motto zu sagen: Wie nah geht’s?

Hier geht es zu den Spielterminen von "Anthropologie“ in den Volkstheater in den Bezirken!

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Volkstheater in den Bezirken
Route

Erschienen in
Bühne 09/2026

Zum Magazin

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11