Zum Inhalt springen

„3 Schwestern“: Christina Tscharyiski hat die Auftragsarbeit des Schauspielhauses Zürich in einer Düsternis inszeniert, die an die Wiener Morbidität erinnert.

„3 Schwestern“: Christina Tscharyiski hat die Auftragsarbeit des Schauspielhauses Zürich in einer Düsternis inszeniert, die an die Wiener Morbidität erinnert.
Foto: Arno Declair

NESTROY 2026 – die Nominierungen: Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum

Nestroy-Theaterpreis

Wer holt sich die goldene Trophäe für die beste Aufführung im deutschsprachigen Raum? Drei sehr unterschiedliche Inszenierungen sind nominiert.

3 Schwestern von Barbi Marković, Inszenierung: Christina Tscharyiski, Uraufführung, Schauspielhaus Zürich.

In ihrer bemerkenswerten szenischen Geistergeschichte rund um drei Schwestern, die bei der Gasexplosion in einer Wiener Altbauwohnung ums Leben kommen und fortan verdammt sind, gemeinsam durch die Räume zu irrlichtern, verhandelt die in Wien lebende serbische Autorin Barbi Marković nicht nur familiäre Abgründe, sondern auch gesellschaftliche. Christina Tscharyiski hat die Auftragsarbeit des Schauspielhauses Zürich in einer Düsternis inszeniert, die an die Wiener Morbidität erinnert. Der Streit ist das Kommunikationsmittel der Wahl und gerät zur Parabel auf die demokratiepolitische Funktion der Streitkultur. Bemerkenswert ist der Hinweis, die Handys zu Beginn der Vorstellung nicht abzudrehen: Denn via QR-Code kann man live jenen Gruppenchat verfolgen, in dem die drei Schwestern gefangen sind. – Sonja Harter

Foto: Armin Smailovic

Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen nach Friedrich Schiller, Inszenierung: Jan-Christoph Gockel, Münchner Kammerspiele.

Schillers Drama über den skrupellosen Feldherrn aus dem Dreißigjährigen Krieg verflechtet Gockel grandios mit der Gegenwart und der Geschichte von Söldnerführer und Kriegsunternehmer Jewgeni Prigoschin, Chef der russischen paramilitärischen Wagner-Gruppe. Beide wurden für ihren „Kaiser“ zu mächtig und bezahlten ihren politischen Machtanspruch mit dem Leben. Virtuos spielt Jan-Christoph Gockel mit den Genres des Theaters: klassisches Versdrama, Dokumentarrecherche, mitreißende Livemusik, Puppenspiel und ein gemeinsames, alle Sinne ansprechendes Kochhappening – nach dem Schiller-Motto „Der Krieg ernährt den Krieg“ wird das Heerlager als riesige Feldküche inszeniert. Am Ende wird das Publikum zum Festmahl gebeten, um sich gemeinsam die Frage zu stellen: Wie konnte es so weit kommen?  – Susanna Schwarzer

Foto: Armin Smailovic

Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten von Tiago Rodrigues, Inszenierung: Mateja Koležnik, Deutschsprachige Erstaufführung, Schauspielhaus Bochum.

Was als entspannte Familienfeier beginnt, stellt sich als blutiges Ritual heraus: Jedes Jahr wird ein Faschist entführt und erschossen. Mateja Koležnik zeigt erneut, wie präzise und psychologisch genau sie mit Schauspielenden arbeiten kann. Ein Kammerspiel, spannend wie ein Kinofilm. Gleichzeitig hat alles eine schöne Beiläufigkeit und Lakonie, nichts ist zu viel oder aufgesetzt. Das abgründige Thema wird bewusst entspannt angegangen. Die große Stärke von Koležniks subtiler Regie zeigt sich am Ende: ein langer Monolog eines neorechten Politikers, den Ole Lagerpusch so sympathisch normal und sanft anlegt, dass einige Zuschauer*innen gar nicht glauben konnten, dass es sich um einen Schauspieler handelt. Es kam zu erbosten Zwischenrufen und heftigen Diskussionen während und nach der Vorstellung. Beeindruckend, dass ein Theaterstück solche Reaktionen erzeugen kann. – Karin Cerny

Redaktion
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11