NESTROY 2026 – die Nominierungen: Beste Off-Produktion
In der Kategorie „Beste Off-Produktion“ sind drei sehr unterschiedliche Produktionen nominiert, die in der vergangenen Saison alle in Wien zu sehen waren.
Boom Boom Pansenstich von Max Höfler, Produktion, Idee & Konzept: spitzwegerich, Uraufführung, Otto Wagner Areal, Pavillon 7.
Spitzwegerich ist nicht nur eine gut verwurzelte heimische Wildpflanze, sondern auch der Name eines der vielseitigsten und außergewöhnlichsten Theaterensembles des Landes. Bei Birgit Kellner, Christian Schlechter und Felix Huber stehen Dramen ganz eigener, elementarer Art auf dem Plan – die Misere mit dem Staub etwa, das Fliegen-Können-Üben oder eben: das richtige Abbluten wie in der antimilitaristischen Groteske „Boom Boom Pansenstich“ von Max Höfler. Hier triumphiert spitzwegerich mit skurrilen Figuren und einem dreistufigen Schauplatz, der Hochseekrieg, Irrenanstalt und AMS-Filiale zusammenhängt. Es entsteht ein Wunderwerk sämtlicher Kunstsparten und Raumerfahrungen, in dem neben Oberkommandierenden auch Super Mario, Schneewittchen und Wackelpuddings kritisch Stoff geben. Das war wow! – Margarete Affenzeller
Zur Rettung der Blasmusik von Bum Bum Pieces & vanderbolten.production, Inszenierung: Simon Windisch, Uraufführung, in Koproduktion mit dem Theater am Werk u. a.
Der Verein zur Rettung der Blasmusik veranstaltet die Aufführung des Dramas „Zur Rettung der Blasmusik“. Dass nur drei Vorstandsmitglieder erscheinen (davon streng genommen nur ein Blasmusiker) und alle anderen sich seit Langem mit lahmen Entschuldigungen herausreden, ist schon ziemlich peinlich. Die Verbleibenden wagen auch keine Lösung, versteigen sich immer mehr in nerdiger Bürokratie, wobei sie ungeahnte akrobatische Fähigkeiten entfalten. Eine schweizerisch-wienerische Allianz aus freien Gruppen hebt die Vereinsmeierei auf einen Sockel. Einerseits macht sie sich darüber lustig, andererseits legt sie den Finger auf eine allzu oft übersehene Wunde der Gesellschaft: Wenn pure Gleichgültigkeit das Vereinsleben killen kann, wozu ist sie dann noch fähig? Ein kleiner, tieftrauriger Abend. – Martin Thomas Pesl
Die Infantin trägt den Scheitel links nach Helena Adler, Inszenierung: Susanne Lietzow, Uraufführung, Koproduktion des Kosmos Theater mit DIE FABRIC.
Im Untertitel heißt er „Heimatmisthaufen“: Ein Hügel aus Erde und Stroh (Ausstattung: Aurel Lenfert) füllt die Bühne im Wiener Kosmos Theater aus, ein Kreuz wird in ihn gerammt. Regisseurin Susanne Lietzow wuchtet den wortgewaltigen und autobiografischen Anti-Heimatroman der 2024 verstorbenen Autorin Helena Adler auf die Erde – ohne etwas vom Sarkasmus, von der Wut, Verzweiflung und der bildhaften Sprache der Vorlage einzubüßen. Das großartige Ensemble (Klaus Huhle, Sebastian Pass, Lisa Schrammel und Martina Spitzer) beackert in Gummistiefeln eine Kindheit zwischen Viechern, Schnaps und Gewalt. Chorische Passagen, eine Klappmaulpuppe und sinistre Songs von Oliver Welten bilden ein mehrstimmig-körperliches Gemälde. Und der Misthaufen? Er erweist sich als geniale Spielwiese für diese Heimat-Hölle. Ein Abend, der lange nachhallt. – Julia Schafferhofer