Theater macht schön
Lili Winderlich über ihren ersten Bühnenauftritt mit einem zertrümmerten Mülleimer, die Angst vor dem Auftritt, das Glück, an einem Theater willkommen zu sein, die besondere Nähe an der Josefstadt und die Frage, ob Kunst die Welt verändern kann.
Lili Winderlich hat eine bemerkenswerte Gabe. Sie beginnt Sätze, lässt diese in die Welt laufen und irgendwann fängt sie diese wieder ein. Das ist die eine. Die andere ist jene, die man nicht lernen kann: Wenn Lili Winderlich auf der Bühne steht, dann bündelt sie die Blicke, die Aufmerksamkeit des Publikums. Ihr Spiel bleibt in Erinnerung. Wir treffen uns in einem Kaffeehaus in Wien und man fühlt sich sofort verbunden mit ihr. Sie lacht viel, denkt laut nach, erzählt und findet klare Bilder. Ihre Liebe zum Theater ist ansteckend und man nickt, wenn sie über das unbeschreibiche Glück spricht, wenn auf der Bühne etwas entsteht, das Menschen miteinander verbindet.
Als Achtjährige entdeckte sie im heimatlichen Potsdam die Kraft des Theaters. Dass sie beim Vorsprechen einen Mülleimer zertrümmerte und anschließend die Hauptrolle des Siegfried bekam, wurde zum Beginn einer großen Leidenschaft. Sie studiert in Wien, spielt am Burgtheater, wird für den NESTROY nominiert und arbeitet eine Zeit lang als freischaffende Schauspielerin.
Dann ruft das Theater in der Josefstadt an und engagiert sie. Hier erlebt sie etwas, das ihr besonders wichtig ist: ein Ensemble, das einander zuhört, sich gegenseitig auffängt und auch dann zusammenhält, wenn eine Inszenierung beim Publikum auf Widerstand stößt. Ein Gespräch über das Bedürfnis, gesehen zu werden, über Theater als Gegenentwurf zu einer zunehmend einsamen Gesellschaft, über die Schönheit des Scheiterns und darüber, warum es manchmal genügt, dass Menschen gemeinsam in einem Raum sitzen und einander zuhören.
Warum brauchen wir Theater?
Weil ich das Gefühl habe, dass sehr viele Menschen einsam sind. Man läuft durch die Straßen und sieht Menschen, die völlig isoliert wirken. Menschen, die einander kaum noch anschauen. Ich war vor Kurzem in der Nähe von Leipzig, wo wir für einen Kinofilm gemeinsame Leseproben hatten. Wir haben als zukünftige Filmfamilie drei Tage miteinander verbracht, gekocht, Filme angeschaut, gelesen, uns kennengelernt. Das war wunderschön. Aber bei Spaziergängen durch die Umgebung hatte ich gleichzeitig sehr bedrückende Eindrücke. Ich habe dort eine Atmosphäre von Verbitterung und politischer Verhärtung wahrgenommen, die mich wirklich erschreckt hat. Natürlich kann man nicht von einzelnen Beobachtungen auf alle Menschen schließen. Aber dieses Gefühl von Distanz und Feindseligkeit hat mich beschäftigt. Und ich habe danach noch stärker darüber nachgedacht, was Theater eigentlich leisten kann.
Kann Theater die Welt verändern?
Ich glaube, ja. Vielleicht nicht im ganz unmittelbaren Sinn. Aber poetisch, metaphorisch – ja, unbedingt. Denn was passiert im Theater? Menschen kommen zusammen. Sie verbringen gemeinsame Lebenszeit. Sie sitzen in einem Raum, atmen dieselbe Luft, hören einander zu, schauen einander an. Im besten Fall entsteht eine besondere Sensibilität füreinander. Und das ist doch unglaublich wertvoll. Wir leben in einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet. Und dann gibt es diesen Ort, an dem Menschen für ein paar Stunden gemeinsam etwas erleben. Was braucht man eigentlich mehr?
Theater darf alles. Aufregen, irritieren, überfordern, lustig sein oder ernst. Aber nie langweilig.
Lili Winderlich
Lili Winderlich
Muss Theater dafür besonders ernsthaft oder politisch sein?
Nein, überhaupt nicht! Theater darf alles sein. Es darf wahnsinnig ernst sein, es darf unglaublich lustig sein, es darf vollkommen bescheuert sein. Es darf mich aufregen, irritieren, überfordern. Es muss mir nicht gefallen. Aber langweilig sollte es nicht sein. Ich finde, das ist eine ganz wichtige Sache. Wir sind doch alle völlig unterschiedliche Menschen. Wir haben verschiedene Erfahrungen, verschiedene Vorstellungen vom Leben, einen unterschiedlichen Humor. Und genau das macht Theater so spannend.
Wenn Sie auf Ihre bisherige Laufbahn zurückblicken: Was ist für Sie das größte Geschenk, das Ihnen die Schauspielerei gemacht hat?
Die Menschen. Ganz eindeutig die Menschen. Natürlich liebe ich die Bühne. Ich liebe das Spielen, ich liebe Texte, ich liebe diese unglaubliche Energie, die entstehen kann. Aber das größte Geschenk sind die Begegnungen. Dass ich Menschen kennenlernen darf, mit denen ich vielleicht sonst nie in Berührung gekommen wäre. Dass wir gemeinsam Geschichten erzählen, gemeinsam scheitern, gemeinsam lachen und manchmal auch gemeinsam verzweifeln. Und dass daraus eine Nähe entsteht, die etwas sehr Besonderes ist. Ich glaube, das ist es. Ein Ort, an dem wir einander anschauen. An dem wir uns zuhören. An dem wir für ein paar Stunden unsere Aufmerksamkeit miteinander teilen. Und vielleicht ist das in einer Welt, in der so viele Menschen aneinander vorbeileben, schon etwas unglaublich Wertvolles. Wenn wir es schaffen, diese Sensibilität nicht nur auf der Bühne zu haben, sondern sie auch dem Publikum zu schenken, dann kann Theater wirklich etwas bewegen. Vielleicht nicht gleich die ganze Welt. Aber vielleicht einen Menschen. Und dann noch einen. Und dann noch einen. Und das wäre doch schon ziemlich schön.
Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
Ich möchte weiter entdecken. Ich möchte neue Figuren kennenlernen, neue Texte entdecken und mit Menschen arbeiten, die mich überraschen. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade erst anfange, viele Dinge zu verstehen.
Hier geht es zum Spielplan des Theater in der Josefstadt!