Täuschen, tarnen und verführen: „Im Taubenschlag“ im Kosmos Theater
Im popkulturellen Kontext werden Spioninnen gerne als „Honeytraps“ verharmlost. Das Stück „Im Taubenschlag“ spielt mit diesen Klischees, weist gleichzeitig aber auch auf Themen wie Desinformation und Korruption hin. Darüber hinaus geht es in Veronika Glatzners Inszenierung um Wien als „Stadt der Spion*innen“. Wir haben die Regisseurin und die Schauspielerin Halka Jeřábek Třešňáková im Kosmos Theater getroffen.
Sie täuschen, tarnen und verführen – und zwar nach allen Regeln der Kunst. Das Stück „Im Taubenschlag“ zeigt zwei Agentinnen und eine ehemalige Politikerin bei ihren Versuchen, mit den Mitteln der Spionage Journalist*innen auszuhorchen und pro-russische Propaganda zu verbreiten. Der Titel kommt nicht von ungefähr: Schon im ersten Weltkrieg und im Kalten Krieg wurden Tauben zur militärischen Spionage eingesetzt. Zudem scheint es so, als würden die grauen Vögel – zu Unrecht häufig „Ratten der Lüfte“ genannt – einfach im Stadtbild verschwinden, es sei denn, sie „scheißen einem auf den Kopf“, wie es im Stück von Barbara Juch heißt. Die Verbindung zur Spionage ist offensichtlich.
Die Idee, ein Stück über Frauen in der Spionage zu machen, entstand jedoch nicht aus ornithologischem Interesse, sondern aus einer Recherche zu der Wiener Fotografin und Spionin Edith Tudor-Hart, die in Großbritannien den bedeutendsten Spionagering des Kalten Krieges rekrutiert hat. „Sie stand ganz am Anfang unserer Auseinandersetzung“, erzählt Veronika Glatzner, die Juchs Text im Kosmos Theater auf die Bühne gebracht hat. Sie setzt fort: „Sie hat eine wahnsinnig spannende Lebensgeschichte, über die jedoch viel zu wenig bekannt ist. Ein Schicksal, das sie mit viele großen Spioninnen teilt. Diese Unsichtbarkeit ist auf der einen Seite natürlich sehr nützlich, auf der anderen Seite hat sie aber auch dazu geführt, dass es kaum Spioninnen gibt, über die heute noch gesprochen wird. Wie das so oft der Fall ist, wenn es um Frauen geht.“
In der Stadt der Spione
Im Dialog mit der Autorin Barbara Juch hätte sich dann immer mehr herauskristallisiert, dass es im Stück um Wien als Spionage-Hauptstadt, aber auch um die Rolle der Frau in der Spionage gehen soll, erläutert Veronika Glatzner. Wenn über Spioninnen gesprochen wird, liegt der Fokus nämlich in der Regel nicht auf ihrer Gewitztheit, sondern auf ihrer Funktion als sogenannte „Honeytrap“, die mit den Mitteln der Verführung an Informationen gelangen soll. Mit vielen dieser Klischees spielt „Im Taubenschlag“, meint auch Halka Jeřábek Třešňáková, die jene abgeklärte Spionin spielt, in deren Hinterzimmer die gesamte Handlung stattfindet. Obwohl der Abend eher leichtfüßig, humorvoll und teilweise überdreht daherkommt, seien viele Fakten und komplexe Zusammenhänge in das Stück eingeflossen, so die Schauspielerin, die wir gemeinsam mit Veronika Glatzner nach der zweiten Hauptprobe im Kosmos Theater treffen. „Wir haben im Vorfeld unter anderem mit dem renommierten tschechischen Investigativjournalisten Jaroslav Spurný über russische Desinformation in Tschechien gesprochen. All diese Dinge sind im Hintergrund präsent, auch wenn wir sie im Stück nicht explizit behandeln. Ich mag es sehr, solch ernste Themen auf spielerische Weise zu verhandeln.“
Worüber vor allem zu Beginn des Abends durchaus explizit gesprochen wird, ist die Wien als „Stadt der Spione“. Dafür gebe es unterschiedliche Gründe, wie die Regisseurin und die Schauspielerin festhalten. Einerseits sei es die geografische Lage inmitten Europas, die Wien zu einem Spionage-Hotspot mache, andererseits aber auch die Neutralität Österreichs. Darüber hinaus hinke Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern hinterher, wenn es um die Verschärfung von Spionagegesetzen geht.
Spiel im Spiel
Spielerisch fände sie unter anderem reizvoll, dass sie innerhalb ihrer Rolle in weitere Figuren schlüpfen kann, so die in Prag geborene Ich bin im Prag geborene und in Heidelberg als politischer Flüchtling aufgewachsene Schauspielerin, die neben ihrer Tätigkeit für Theater und Film auch an der Prager Theaterakademie wie auch an der dortigen Filmakademie unterrichtet. „Ich spiele nicht nur die Spionin Sonja, sondern auch Mrs. Rose, die aus Gründen der Tarnung eine Wiener Galerie betreibt. Um meine Spionage-Studentin Nika zu trainieren, schlüpfe ich außerdem in die Rolle einer Beamtin. Das macht die Sache spannend, aber auch herausfordernd.“
Weil die gesamte Handlung in Sonjas Hinterzimmer passiert, hätte sich im Laufe der Proben auch die Frage in ihr breitgemacht, ob die Chef-Spionin das vielleicht nicht alles nur imaginiert. „Ich habe auf der Straße kürzlich eine Frau beobachtet, die zu Leuten gesprochen hat, die gar nicht da waren. Vielleicht ist das genau die Art von Imagination, die ich für das Stück brauche“, fügt Halka Jeřábek Třešňáková lachend hinzu.
Bei der Zusammenstellung des Ensembles sei es ihr wichtig gewesen, auch Spielerinnen dabei zu haben, die von außen auf Österreich blicken können, merkt Veronika Glatzner anschließend an. Aus der Vogelperspektive, sozusagen.
Die Kunst der Verführung
Spätestens in jener Szene, in der Sonja ihrer Spionage-Schülerin Nika zu erklären versucht, dass sie ihre Rolle besser kennen muss als sich selbst, wird klar: Die Spionage funktioniert nach ähnlichen Spielregeln wie das Theater. „In beiden Bereichen geht es um die Suche nach Wahrhaftigkeit. Darum, wie gut man die Lüge spielen kann. Außerdem steht sowohl im Schauspiel als auch bei der Spionage das Mittel der Verführung im Zentrum – man möchte jemanden dahin bringen, dass er oder sie der Illusion glaubt“, hält Veronika Glatzner fest.
Für die beiden Künstlerinnen geht es nun noch zur Nachbesprechung. Beim Verlassen des Theaters kommen unweigerlich folgende Fragen hoch: Wie viele dieser Taubenschläge gibt es wohl in Wien? Ist einer davon vielleicht nur einen Flügelschlag entfernt?