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Erneut wiederaufgenommen: Nach vielen ausverkauften Vorstellungen ist „Ich bin Ruth“ nun für eine weitere Spielserie in der Semmelweisklinik zu sehen.

Erneut wiederaufgenommen: Nach vielen ausverkauften Vorstellungen ist „Ich bin Ruth“ nun für eine weitere Spielserie in der Semmelweisklinik zu sehen.
Foto: Apollonia T. Bitzan

Gegen das Vergessen: Wiederaufnahme von „Ich bin Ruth“ in der Semmelweisklinik

Freie Theaterszene

Ruth Maiers Tagebucheinträge sind berührend, hellsichtig, schlau und voller Poesie. Anna Kramer, Claudia Kottal und Suse Lichtenberger haben aus den Texten und Briefen der 1942 in Auschwitz ermordeten Wienerin einen Theaterabend gemacht, der nun wiederaufgenommen wird. Im Gespräch mit den drei Künstlerinnen begeben wir und noch einmal tief in den Entstehungsprozess der 2025 mit drei NESTROY-Nominierungen bedachten Theaterproduktion hinein.

Ruth Maiers kluge, hellsichtige und berührende Tagebucheinträge und Briefe sind zwar Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes, doch in Österreich, wo sie geboren wurde und aufgewachsen ist, ist sie kaum bekannt. Das dürfte sich seit der Uraufführung des Theaterstücks „Ich bin Ruth“, das 2025 gleich drei NESTROY-Nominierungen abstaubte, jedoch geändert haben. Das von Anna Kramer, Claudia Kottal und Suse Lichtenberger konzipierte Stück, in dem die drei Künstlerinnen auch selbst auf der Bühne stehen, wird nun wiederaufgenommen und ist von 12. bis 16. November in der Semmelweisklinik zu sehen.

Gemeinsam mit den drei Schauspielerinnen spulen wir an den Anfang des Projekts zurück: „Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon lange das Bedürfnis, einen Abend über jüdisches Leben in Wien zu machen, wusste aber noch nicht genau, wie. Irgendwann kam der Punkt, an dem für mich klar war, dass es, auch aus persönlichen Gründen, um weibliche Homosexualität während der NS-Zeit gehen soll“, erinnert sich Anna Kramer an die Startphase. Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands hätte sie sich dann gemeinsam mit Claudia Kottal an die Recherche gemacht, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu. „Wir haben uns in diesem Rechercheprozess zunächst ein bisschen verloren gefühlt, bis plötzlich eine Mitarbeiterin des DÖW auf uns zukam, die meinte, dass es Ruth Maier ist, nach der wir suchen. Die Tatsache, dass wir noch nie von ihr gehört hatten, war uns zuerst ein bisschen peinlich, aber dann war auch schnell klar, dass es ihre Geschichte ist, die wir gerne erzählen würden.“ Nachdem sie ihre Freundin und Kollegin Suse Lichtenberger mit an Bord geholt hatten, begannen sie, sich dem Leben Ruth Maiers anzunähern. Ihre vom Mandelbaum Verlag herausgegebenen Briefe und Tagebucheinträge spielten dabei eine zentrale Rolle.

Clara Luzia und Cathi Priemer-Humpel sind für die Livemusik und die Kompositionen verantwortlich.
Foto: Apollonia T. Bitzan
Clara Luzia und Cathi Priemer-Humpel sind für die Livemusik und die Kompositionen verantwortlich.

„Wir schlüpften wie gehetztes Wild ins Haus, keuchten die Stiegen hinauf. Dann begann es: Sie schlugen, sie verhafteten, zerdroschen Wohnungseinrichtungen etc.“, schrieb Ruth Maier, die an ihrem 18. Geburtstag Zeugin der Gewaltausschreitungen während des Novemberpogroms 1938 in Wien wurde, in ihr Tagebuch. Von der Schule verjagt und aus der Gemeindewohnung delogiert, emigrierte sie 1939 nach Norwegen, wo sie 1942 den Nationalsozialisten ausgeliefert wurde. Kurze Zeit später wurde Ruth Maier in Auschwitz ermordet. Ihre Tagebücher tauchten erst sehr viel später auf – sie wurden im Nachlass ihrer Freundin, der norwegischen Dichterin Gunvor Hofmo, gefunden.

„Als ich das gelesen hatte, habe ich mich sofort gefragt, warum dieser unglaubliche Schatz nicht schon längst Schulstoff ist“, hält Anna Kramer fest. Für Claudia Kottal ist klar, dass ihre Unbekanntheit auch etwas mit ihrer Queerness zu tun hatte. „In den fünfziger Jahren hat ihre Freundin bereits versucht, die Tagebücher verlegen zu lassen, wurde jedoch immer wieder abgewimmelt.“

„Ich bin Ruth“: Von 12. bis 16. November in der Semmelweisklinik.
Foto: Apollonia T. Bitzan
„Ich bin Ruth“: Von 12. bis 16. November in der Semmelweisklinik.

Auf Augenhöhe mit dem Publikum

Die Texte, die in „Ich bin Ruth“ gesprochen werden, stammen ausschließlich aus ihren Briefen und Tagebucheinträgen, merkt Anna Kramer an. Das gilt auch für die Lyrics zu den von Clara Luzia und Cathi Priemer-Humpel komponierten Songs. Die Fassung zu erarbeiten, sei auf jeden Fall die größte Herausforderung im gesamten Prozess gewesen, sind sich die drei Künstlerinnen einig. „Aus all diesen auch sprachlich großartigen Texten einzelne Passagen herauszusuchen und diese dann zu einem Abend zu verdichten, war alles andere als einfach“, bringt es Claudia Kottal auf den Punkt. Die Aufteilung der Texte hätte sich allerdings sehr intuitiv und organisch entwickelt, fügt Suse Lichtenberger hinzu. „Wenn man zu dritt eine Figur spielt, ist das Schöne daran, dass man gar nicht so viel tun muss, um unterschiedliche Haltungen einer Figur zu zeigen. Das ergibt sich einfach daraus, dass wir drei sehr unterschiedliche Menschen und Spielerinnen sind.“

Der Titel „Ich bin Ruth“ wurde aus dem Gedanken geboren, dass all die furchtbaren Dinge, die Ruth Maier passiert sind, jede*r und jede*m hätten passieren können, erläutert Claudia Kottal. Suse Lichteberger ergänzt: „Und uns vielleicht auch heute wieder passieren könnten, wenn man sich anschaut, wohin wir uns gerade bewegen. Auch Ruth selbst verhandelt das in ihren Texten immer wieder: Was ist an mir so anders, dass ich nicht mehr in die Schule darf? Warum muss ich emigrieren?“

Im Titel steckt zudem auch der Wunsch nach Niederschwelligkeit, der die drei Künstlerinnen während des gesamten Entwicklungsprozesses umgetrieben hat. Aus diesem Gedanken heraus entstand auch die Idee, anstelle einer klassischen Guckkastenbühne nach anderen Räumen zu suchen. Nach einem Raum, der auch im buchstäblichen Sinne Augenhöhe zwischen den Spielerinnen und dem Publikum ermöglicht. Auf die Semmelweisklinik wurden sie deshalb aufmerksam, weil sich die ehemalige Frauenklinik in derselben Gasse befindet wie das Haus, in dem Ruth Maier aufgewachsen ist. Mit der Entscheidung für die Semmelweisklinik ging jedoch auch einher, dass sie sich von den Scheinwerfern bis zur Bestuhlung um alles selbst kümmern mussten, so Claudia Kottal über die – spärlich vorhandenen – Rahmenbedingungen.

Abgesehen von der Adresse und der Möglichkeit, von Ruths ehemaligem Wohnhaus zur Spielstätte zu wandern, ist das Schöne an dem Raum jedoch, dass er trotz seiner hohen Decke sehr viel Intimität und Nähe ermöglicht, sind sich die drei Schauspielerinnen einig. Claudia Kottal fügt hinzu: „Außerdem kann ein unbekannter Spielort dazu führen, dass man gemeinsam mit seinem Mantel auch sämtliche Erwartungen ablegt, die man üblicherweise an einen Theaterabend hat. Man muss sich zurechtfinden und orientieren und ist deshalb vielleicht auch angeknipster.“

Wir kommen zum Ende des Gesprächs, das an einem der ersten richtig kalten Herbsttage im Café Eiles stattfindet. Während es um uns herum klappert und scheppert, landen wir schließlich bei der Erkenntnis, dass es gerade jetzt, wo es nicht mehr viele Zeitzeug*innen gibt, die selbst von der NS-Zeit und dem Holocaust erzählen können, ganz dringend Auseinandersetzungen mit Texten von Menschen wie Ruth Maier braucht.

Zu den Spielterminen von „Ich bin Ruth“ in der Semmelweisklinik!

 

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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