NESTROY 2026 – die Nominierungen: Spezialpreis
Der Spezialpreis würdigt spartenübergreifende, experimentelle und zeitgenössische Kunstprojekte an der Schnittstelle von Theater und anderen Kunstformen.
Biedermann und die Brandstifter. Eine Heimsuchung nach Max Frisch, Inszenierung & Konzept: Franz von Strolchen, Koproduktion des Theater am Lend mit Das Planetenparty Prinzip.
Der Funke springt sofort über: Regisseur Franz von Strolchen (alias Christian Winkler) hat die Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch um „Eine Heimsuchung“ ergänzt und wörtlich genommen. Nach einer feuerpolizeilichen Einweisung steht das Publikum in fremden Fluren und Wohnzimmern. Die Gastgeber*innen finden sich als Figuren wieder, ihre Texte sind auf Tischdecken, Duschvorhängen oder Oberarmen notiert. Das Konzept ist so originell wie maßgeschneidert für Guerilla-Theater, das clever um Fragen von Selbsttäuschung, Verrat und Verdrängung kreist. Jeder Abend ist anders, nichts abgesprochen. Hier sind mit Hanna Gries, Nora Köhler, Maria Leitgab, Moritz Ostanek und Marlen Weingartmann junge Theatermachende am Werk, die in der freien Szene in der Steiermark ordentlich zündeln. Ein leicht entflammbarer Glücksfall! – Julia Schafferhofer
Let‘s Play I Am Old and Tired ein Live-Gaming-Theater, Inszenierung: Monika Klengel, Uraufführung, Koproduktion des Theater im Bahnhof Graz und von Total Refusal mit Theaterland Steiermark.
Wer schon einmal in den Genuss gekommen ist, einem Gamer beim Zocken über die Schulter zu schauen, kann von Langeweile ein Lied singen. Nicht so bei „Let’s play I’m old and tired“ von Total Refusal und dem Theater im Bahnhof: Jacob Banigan und seine Mitstreiter*innen nehmen das Theaterpublikum vor einem riesigen Screen auf ein live generiertes Computerspiel-Abenteuer mit, das in seinen Mechanismen ständig hinterfragt wird. Mal humorvoll, mal empathisch, dann wieder genervt oder frustriert navigiert die Hauptfigur durch eine fremde Welt, in der das Bedürfnis nach Ruhe in einem digitalen Raum, der für Helden und Aufsteiger gedacht ist, zur echten Herausforderung wird. Ein Protagonist, der genauso ausgebrannt und ruhebedürftig ist wie jene Person, die da gerade vor dem Bildschirm sitzt? Das ist nicht vorgesehen. Dass das Publikum am Ende vergessen hat, dass man hier gerade jemandem beim Gamen einfach nur über die Schulter geschaut hat, ist eine der großen Stärken dieser Produktion. – Sonja Harter
Eichmann vor Gericht ein Dokumentartheater nach historischen Prozessunterlagen in einer Fassung von Wiebke Melle, Andreas Erdmann und Peter Wittenberg, Inszenierung: Peter Wittenberg, Uraufführung, Landestheater Linz.
Das Landestheater Linz ließ keine Zeit verstreichen und hat auf Basis der 2025 veröffentlichten Dokumente zum Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem anno 1961 ein Stück verfasst. In einem bravourösen, höchst verdienstvollen Kraftakt haben Wiebke Melle, Andreas Erdmann und Peter Wittenberg aus 121 Verhandlungstagen den Text zu „Eichmann vor Gericht“ destilliert. Dieser rückt die unfassbar perfide rhetorische Unschuldstaktik des Nazi-Verbrechers in den Fokus. Mit der in seiner sachlichen Verdichtung bestechenden Arbeit kommt das Landestheater nicht zuletzt seiner Pflicht zur Aufarbeitung nach, ist Eichmann doch in Linz aufgewachsen und hat sich dort radikalisiert. Der gewählte Aufführungsort im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts ist dazu doppelt sinnhaft: Unweit davon ging Eichmann zur Schule, vor allem aber erzeugt das authentische Gerichtssetting Dringlichkeit. – Margarete Affenzeller