NESTROY 2026 – die Nominierungen: Bestes Stück
Zahlreiche Uraufführungen prägten die vergangene Theatersaison. Der NESTROY für das beste Stück zeichnet die Texte aus, die ihnen zugrundeliegen.
Elfriede Jelinek für „Unter Tieren“, Uraufführung, Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Burgtheater.
Elfriede Jelinek seziert in ihrem jüngsten Drama „Unter Tieren“ einmal mehr brillant das manifeste Versagen eines aus den Fugen geratenen Finanzkapitalismus. Korruption, Raffgier, phrasendreschende Wirtschaftsbosse und Politiker, geheuchelte Systemkritik und leere Worthülsen haben uns längst alle zu Tieren des Systems gemacht. Naheliegend der Kunstgriff der Autorin, dass sie Tiere zu Wort kommen lässt: Staunend räsonieren Fuchs und Hase, Schwein und Esel über die Menschen, ihren verantwortungslosen Turbokapitalismus und das Rätsel der Geldvermehrung. Schonungslos und pointiert zerlegt Jelinek in dieser textgewaltigen animalischen Wirtschaftskomödie die Untiefen unserer verlogenen und ausgehöhlten Gesellschaft. Und das mit einem unglaublichen Furor, wütend und ironisch in rasantem Tempo. – Susanna Schwarzer
Calle Fuhr für „Die Quelle“, Uraufführung, Theater am Werk in Kooperation mit DOSSIER und dem Schauspielhaus Wien.
Dank seiner gründlich recherchierten Lecture-Performances, die komplexe Phänomene wie René Benko oder die Misere der Deutschen Bahn anschaulich aufbereiten, ist Calle Fuhr so etwas wie ein Theaterstar im deutschsprachigen Raum. Fuhr hat aber nicht nur fürs Dokumentarische Talent, sondern auch fürs Erzählerische. Wenn beides zusammenkommt, wie in dieser fiktionalisierten Whistleblower-Story, dann wird es spannend – ein Attribut, das viele Produkte der Gegenwartsdramatik gar nicht anzustreben scheinen. Fuhr schreibt griffige Figuren, etwa einen streberhaften Investigativjournalisten, eine empathische Vertreterin des mittleren Managements, eine nicht-so-wirklich-aufstrebende Künstlerin, einen manischen CEO, und führt sie zu einem Plot mit durchaus unvorhersehbarem Ausgang zusammen. – Martin Thomas Pesl
Sivan Ben Yishai für „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“, aus dem Englischen von Gerhild Steinbuch, österreichische Erstaufführung, Schauspielhaus Wien.
Als österreichische Erstaufführung kam im März 2026 „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ in der Regie von Juan Miranda auf die Bühne des Wiener Schauspielhauses. Von dem zugrunde liegenden Ibsen-Klassiker „Nora oder Ein Puppenheim“ ist in dieser Bearbeitung durch Sivan Ben Yishai (Übersetzung: Gerhild Steinbuch) nicht mehr viel vorhanden. Die bei der Uraufführung des „Puppenheims“ 1879 drängenden Probleme, besonders bei der Emanzipation der Frauen, sind zwar immer noch nicht überwunden, doch gibt es hier noch ganz andere. Jetzt kommen endlich einmal beinahe alle Unterdrückten zu Wort. Etwa wenn der Paketbote jammert, dass er nur einen einzigen Satz in diesem Stück zu sagen hat. Und Nora selbst bemerkt gar nicht, wie sich die Zeiten insgesamt doch geändert haben und sie jetzt als Unterdrückerin wahrgenommen wird. – Martin Lhotzky