Zum Inhalt springen

Johanna Wokalek in „Caché“ im Volkstheater

Johanna Wokalek in „Caché“ im Volkstheater
Foto: Marcella Ruiz-Cruz

NESTROY 2026 – die Nominierungen: Bestes Schauspiel

Nestroy-Theaterpreis

In der Kategorie „Bestes Schauspiel“ sind in diesem Jahr ingesamt zehn Schauspieler*innen nominiert.

Johanna Wokalek als Anne in „Caché“ nach dem Film von Michael Haneke, Uraufführung, Volkstheater.

In diesem raffinierten Psychothriller um Schuld und Sühne zeigt Wokalek alle Facetten ihres subtilen Spiels. Denn nichts ist hier, wie es scheint. Mit anonymen Überwachungsvideos beginnt der Albtraum für Anne und ihre Familie. Wer schickt sie und warum? Was ist in der Vergangenheit passiert? Zunehmend verlieren alle die Kontrolle über das eigene Leben, ohne zu wissen, wer der Angreifer eigentlich ist. Wokalek zwingt uns, hinzusehen, hinzuhören und vor allem mitzufühlen. Und das immer wieder in beklemmender Großaufnahme: Mit Livekameras wird jede noch so kleine Regung festgehalten und auf Leinwände projiziert. Gebannt sieht man Johanna Wokalek bei diesem paranoiden Höllenlabyrinth zu, von dem man keine Sekunde missen möchte. – Susanna Schwarzer

Foto: Astrid Knie

Johanna Mahaffy als Jessica in „Die schmutzigen Hände“ von Jean-Paul Sartre, Theater in der Josefstadt.

Eine ziemlich unmögliche Frauenfigur, die Jean-Paul Sartre in seinem Dramenthriller 1948 schuf: Jessica begleitet ihren Ehemann, einen 21-jährigen Studenten, der als persönlicher Sekretär (und potenzieller Mörder) eines Politikers in dessen Domizil eingeschleust wird, und verliebt sich prompt in den charismatischen älteren Herrn. So viel Klischee: Ach, Jean-Paul! Johanna Mahaffy aber balanciert mit beeindruckender Souveränität auf dem schmalen Grat. Zwischen Hysterie und Hingabe, Kalkül und Koketterie zeigt sie, wie diese Rolle in unserer Gegenwart scheinbar einzig gespielt werden kann: als eine, die eigentlich zu klug und empathisch ist für den tödlichen Irrsinn, den die Männer um sie herum veranstalten. Obendrein singt Johanna Mahaffy auch noch Chansons, zart und betörend. – Martin Thomas Pesl

Foto: SF / Marco Borrelli

Valery Tscheplanowa als Mephistopheles in „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe, Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Residenztheater München.

Wie spielt man den leibhaftigen Teufel, den Meister der Verstellung, das personifizierte Böse? Mit dieser Frage hat sich Valery Tscheplanowa seit ihrer Studienzeit beschäftigt. In der strengen Drehscheiben-Choreografie gelingt ihr eine ganz eigene Körpersprache, geschmeidig, mit tänzerischem Schritt und exakter Gestik beherrscht sie die große Bühne. Das Wort macht sie zum wichtigsten Werkzeug ihrer Teufelsfigur. So eindringlich hat man Goethes Text noch nie gehört. Der mitreißende Mephisto der Valery Tscheplanowa zieht alle Register, ist böse, verwegen und geheimnisvoll, dann wieder charmant und kokett, am Ende hat er fast Mitleid mit dem nach Erkenntnis suchenden Faust. Teuflisch gut! – Susanna Schwarzer

Foto: Susanne Hassler-Smith

Maximilian Pulst als Marianne in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ nach Ödön von Horváth und Johann Strauss, Volkstheater.

So direkt und ungeschminkt hat man die berühmten Horváth-Sager selten gehört wie in der formbewussten Regie von Rieke Süßkow. Frauen übernehmen Männerparts und umgekehrt, beide tragen Gesichtsmasken. Ein Gewinn ist das vor allem durch Marianne, körperlich allen anderen weit überlegen, aber trotzdem das Opfer einer misogynen Welt. Wie Maximilian Pulst diese ebenso starke wie zerbrechliche Figur anlegt, hat in seiner bodenlosen Verzagtheit Fassbinder-Qualität. Seine Marianne strahlt eine ungemeine Zartheit aus, eine Traurigkeit, die einem zu Herzen geht. Und wütend macht. – Karin Cerny

Foto: Marcella Ruiz Cruz

Sebastian Rudolph als Georges in „Caché“ nach dem Film von Michael Haneke, Uraufführung, Volkstheater.

Wie Johanna Wokalek und Sebastian Rudolph dieses erfolgreiche, gut situierte Paar spielen, das sich perfekt eingerichtet hat in ihrem bürgerlichen Leben, ist eine kleine Sensation: Jede noch so kleine Geste stimmt – das beredte Schweigen zwischen den beiden ist bedrückend. Je näher die verdrängte Vergangenheit an Rudolph heranrückt, desto gehetzter und verbohrter wird seine Figur. „Ich bin dafür nicht zuständig!“, schreit er verzweifelt in die Welt hinaus. Anstatt sich seiner Angst zu stellen, flüchtet er in verhärtete Männlichkeit. Er hat auf jeden Fall recht – selbst, wenn seine Familie, seine Karriere und sein Leben daran zerbrechen. Unglaublich präzise und beeindruckend körperlich getrieben füllt Rudolph diese schwierige Rolle aus. – Karin Cerny

Foto: Marcella Ruiz Cruz

Solomiia Kyrylova in „Ukrainomania – Revue eines Lebens“ nach Joseph Roth, Kooperation mit dem Nationaltheater Maria Zankovetska Lviv, Volkstheater.

In der gegen den Strich gebürsteten Joseph-Roth-Revue „Ukrainomania“ von Jan-Christoph Gockel entfaltet Solomiia Kyrylova aus dem koproduzierenden Nationaltheater Lviv im Volkstheater eine darstellerische Wucht, die diese eindringliche Verschränkung der Roth-Biografie mit dem verheerenden Krieg in der Ukraine in allen – auch düsteren – Farben schillern lässt. Mit ihren kleinen, sarkastischen Setzungen, mit denen sie dem Grauen bitteren Humor entgegenschleudert, erschafft sie vor allem im Duo mit Samouil Stoyanov Szenen, die das Lachen ersterben lassen. In einer Mischung aus Ukrainisch, Englisch und einigen Brocken Deutsch vermag sie eine Präsenz zu entwickeln, die erschauern lässt. Somit ist Solomiia Kyrylova das energetische Zentrum eines Abends, der noch lange nachhallt. – Sonja Harter

Foto: Igor Ripak

Nora Winkler als Obfrau in „Zur Rettung der Blasmusik“ von Bum Bum Pieces & vanderbolten.production, Uraufführung, in Koproduktion mit dem Theater am Werk u. a.

Schauspielerin, Theatermacherin, Sängerin, Komponistin: In der Livemusik-Performance „Zur Rettung der Blasmusik“ von Bum Bum Pieces & vanderbolten.production kann Nora Winkler all ihre Talente voll ausspielen. Als Obfrau einer Blasmusikkapelle rückt sie mit den übrig gebliebenen Musikanten Max Gnant und Christian Spitzenstätter aus, um in einem verlassenen Wirtshaus-Setting in der Provinz ihre Formation, die Volkskultur, den politischen Anstand und gleich das ganze Miteinander zu retten. In dem klug und vielschichtig konzipierten Abend dirigiert sie mit ungemeiner Präsenz und Nachdrücklichkeit innerhalb des großartigen Ensembles den liebevollen Blick auf Vereinsstatuten, Protokollpoesie und Maibaum-Choreografie – mit jeder Menge Körperkomik, Wortakrobatik sowie mit lauten, leisen und schiefen Tönen. Eine Performance mit Tusch! – Julia Schafferhofer

Foto: Lalo Jodlbauer

Tim Werths als Fürst Andrej Bolkonski in „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, Festspiele Reichenau.

Tim Werths muss neben seiner Tätigkeit als Burgtheaterschauspieler mindestens noch Yogameister sein. Die verblüffende Akrobatik, die er dem Jesus-Putzmann in „Der Meister und Margarita“ gleich in seiner ersten BURG-Saison 2019/20 angedeihen ließ, bleibt jedenfalls unvergessen. Genauso hingebungsvoll wie hochnotpeinliche Figuren kriegt der knapp zwei Meter große Mann aus Aachen auch die depressiven Gestalten der Literatur zu fassen. Sein zutiefst grüblerischer Fürst Andrej Bolkonski aus „Krieg und Frieden“ bei den Festspielen Reichenau ließ nach der Reihe die Nackenhaare aufstehen: Werths, hier ein müder Atlant, von dunkler Aura umgeben, zeigt, wie ein Mann zeitlebens gegen die Verpanzerung durch seine aristokratisch-militärische Erziehung ankämpft. Ergreifend! – Margarete Affenzeller

Foto: Marcella Ruiz Cruz

Sophia Löffler als Nora in „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ von Sivan Ben Yishai, österreichische Erstaufführung, Schauspielhaus Wien

In der österreichischen Erstaufführung von Sivan Ben Yishais preisgekröntem Stück „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ am Wiener Schauspielhaus bleibt kein Stein auf dem anderen: So hat man den Ibsen-Klassiker noch nie gesehen wie in dieser zeitgenössischen Überschreibung. Sophia Löffler spielt eine faszinierend zerrissene Nora, die darum kämpfen muss, überhaupt als Hauptfigur wahrgenommen zu werden und die Deutungshoheit über die Geschichte zu behalten, die auch aus der Perspektive des Hausmädchens oder des Paketboten erzählt wird. Nora ist nicht mehr nur patriachales Opfer, sie wird auch als ausbeuterische Arbeitgeberin markiert. Souverän behält sie diese widersprüchlichen Fäden in der Hand, beeindruckt als energetisches Zentrum einer Inszenierung, die ständig bewusst am Abgrund agiert. Löffler spielt förmlich um ihr Leben – es macht unglaublichen Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie ebenso verzweifelt wie komisch versucht, unsere modernen Lebenslügen unter den Teppich zu kehren. – Karin Cerny

Foto: Philine Hofmann

Simon Bauer als Fürst Myschkin in „Der Idiot“ frei nach Fjodor Dostojewski, Uraufführung, Bronski & Grünberg Theater.

In Martina Gredlers verdichteter Dramatisierung von Dostojewskis „Der Idiot“ am Bronski & Grünberg Theater überzeugt Simon Bauer als Fürst Myschkin im Trubel eines berauschten Exzesses einer Küchenparty als Störfaktor in einer zynischen Welt. Zwischen der unverstellten Tragik des Sonderlings und dem ekstatischen Aufruhr des Liebenden bildet er im Zentrum dieser entrückten Party die Projektionsfläche für die Abgründe seiner Umwelt. Herrlich verschroben mit blonder Langhaarperücke und kleinen Ticks brilliert Bauer mit verunglückten Post-Sowjet-Witzen genauso wie mit dem ungelenkesten Tango, der je auf einer Theaterbühne zu erleben war. Und dennoch muss sich Myschkin am Ende als titelgebende Figur als bloßer Zuschauer dieses als Emanzipationsgeschichte gelesenen Stoffs zufriedengeben. – Sonja Harter

Redaktion
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11