Verwandlungskünstlerin
Madame Nielsen hat kein Interesse daran, eines Tages bei sich selbst anzukommen. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin im buchstäblichsten Sinne. Das Volkstheater bringt ihre Romane „Lamento“ und „Das Monster“ auf die Bühne.
Madame Nielsen ist schon da“, heißt es an der Pforte des Volkstheaters. Eigentlich ein einfacher, alles andere als irreführender Satz. Es sei denn, man trifft sich mit einer Künstlerin, deren zentrales Lebens- und Schaffensprinzip die Verwandlung ist. Das bedeutet nämlich: Istzustände versucht Madame Nielsen tunlichst zu vermeiden. Den auf Instagram und Co häufig proklamierten Wunsch, eines Tages bei sich selbst anzukommen, kann sie nicht nachvollziehen. „Alles kann und muss sich verwandeln, um lebendig zu bleiben. Deshalb bin ich immer auch die, die ich noch nicht bin“, wird die in Dänemark geborene Autorin und Performerin etwas später im Interview sagen.
Bevor wir uns Hals über Kopf in ihren Roman „Lamento“ und in ihre Biografie hineinbegeben, begrüßt uns Madame Nielsen mit einem Händedruck, der fest und zart zugleich ist. Was im Übrigen auch ihren Zugriff auf die in „Lamento“ verhandelten Themen gut beschreibt. Samthandschuhe? Fehlanzeige. Der Roman ist von einer mit Entschlossenheit gepaarten Dringlichkeit geprägt, die vermutlich nur dann entstehen kann, wenn ihr ein rauschhafter Zustand zugrunde liegt.
Worum es in dem Text geht, ist schnell zusammengefasst: In einem packenden Bewusstseinsstrom beschreibt „Lamento“, was passiert, wenn das Verliebtsein endet und der Alltag beginnt. Wenn man zwar vielleicht noch füreinander brennt, das Feuer aber nicht länger die Sicht auf die Außenwelt versperrt. Was für sie das Herausfordernste am Schreibprozess war, kann Madame Nielsen, deren Romane schon in etliche Sprachen übersetzt wurden, gar nicht so richtig sagen, erklärt sie mit ruhiger Stimme. „Wenn ich schreibe, dann bin ich in einer Art Rauschzustand, dann bin ich verloren.“
DIE SPRACHE MUSS SINGEN
Dass „Lamento“ nun in der Dunkelkammer inszeniert wird, liegt unter anderem an ihrer Verbindung zu den Münchner Kammerspielen, wo sie vor einigen Jahren den Dramaturgen Tobias Schuster kennenlernte, der nun die Dramaturgie des Volkstheaters leitet. Eine wichtige Rolle spielte zudem ihre Bewunderung für den Schauspieler Bernardo Arias Porras, der ebenfalls 2025/26 von München nach Wien wechselte. „Er hat damals aus meinem Roman ‚Mein Leben unter den Großen‘ gelesen und ich habe mich sofort in ihn verliebt. Ich wusste, dass er dabei sein muss, wenn ‚Lamento‘ auf die Bühne kommt. Und Alicia Aumüller, die ich aus Zürich kenne, ist die perfekte Besetzung für die Rolle der Erzählerin. Sie hat unglaublich viel Kraft.“
„Die Sprache muss singen“ hat Madame Nielsen einmal über ihre Literatur gesagt. Das trifft auch auf „Lamento“ zu, bemerkt sie. „Ich möchte, dass die Sprache Musik ist. Sie ist für mich kein Medium, sondern Materie. Sie ist das Material, aus dem sich etwas formen kann.“
STÄNDIGE TRANSFORMATION
Wie das mit der Verwandlung als Lebens- und Schaffensprinzip gemeint ist, wird vermutlich erst dann ein bisschen klarer, wenn man kurz auf Madame Nielsens Biografie blickt: 1963 wurde sie als namenloser Mensch geboren und später auf den Namen Claus Beck-Nielsen getauft. In den Neunzigerjahren wurde Beck-Nielsen Mitglied der berühmten Performance-Gruppe The Wooster Group, nahm 2000 das „Beck“ aus seinem Namen, lebte ein Jahr lang ohne Papiere und erklärte Claus Nielsen schließlich für tot.
2010 wurde er für sieben Tage aufgebahrt und im Rahmen eines Massenevents beerdigt. Seit 2013 erscheinen unter dem Namen Madame Nielsen Romane. Die Transformation sei auch noch nicht abgeschlossen, meint Nielsen. „Dua Lipa hat ‚Lamento‘ empfohlen, Madame Nielsen scheint zum Kanon zu gehören und damit angekommen zu sein. Vielleicht ist es an der Zeit, sie wieder zu zerstören. Vielleicht verwandle ich mich als nächstes in eine(n) Reiher oder in ein Insekt.“
Wie nahe Wahrheit und Fiktion beieinander liegen und sich gegenseitig auch immer wieder durchdringen, zeigt auch ihr 2018 erschienener Roman „Das Monster“, der von einem jungen Mann handelt, der nach New York kommt, um den Platz von Willem Dafoe einzunehmen. „Es ist eine dunkle Geschichte, die immer wieder in die Merkwürdigkeit abdriftet“, so Nielsen. Ab 23. Oktober kann man ihren Text als Livehörspiel in der Roten Bar erleben. „Ich werde zwar den ganzen Raum alleine bespielen, aber es wird nicht nur meine Stimme zu hören sein“, gibt sie einen ersten Ausblick auf den Abend. Am Ende sprechen wir noch einmal über die Verliebtheit.
Darüber, dass sie diesen rauschhaften Zustand mit ihrem Roman weder erklären noch entzaubern möchte. „Es ein Ausnahmezustand. Ich könnte mir beispielsweise niemals ein Date ausmachen, weil ich will, dass mich dieses Gefühl überrollt. Ich habe mich eigentlich immer nur dann verliebt, wenn ich gar keine Zeit dafür hatte.“
Hier geht es zu den Spielterminen von "Lamento" im Volkstheater/Dunkelkammer!