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Stefanie Reinsperger wird König Ubu verkörpern.

Stefanie Reinsperger wird König Ubu verkörpern.
FOTO: HILDE VAN MAS

Stefanie Reinsperger ist König Ubu

Burgtheater

Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann über Alfred Jarrys „Ubu“, Theater im Ausnahmezustand, die Lust an der Anarchie und einen Despoten, der erschreckend gegenwärtig wirkt – und was Elfriede Jelinek damit zu tun hat.

Alfred Jarry brauchte 1896 nur ein einziges Wort, um einen Theaterskandal auszulösen: „Merdre!“ Mehr als 130 Jahre später bringt Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann Jarrys grotesken König Ubu auf die Bühne – und zwar nicht nur den berühmten ersten Teil, sondern gleich alle drei Ubu-Stücke. Kurz vor der Premiere wurde die Produktion selbst vom Unberechenbaren eingeholt. Joachim Meyerhoff musste aus gesundheitlichen Gründen aussteigen. Vielleicht passt gerade das zu Jarry. Denn bei ihm gerät ohnehin alles aus den Fugen: Sprache, Macht, Moral, Theaterkonventionen. Sein Ubu ist feige und größenwahnsinnig, kindisch und brutal, Spießbürger und Anarchist zugleich.

Herr Bachmann, wenige Wochen vor der Premiere fällt ein Hauptdarsteller aus. Was bedeutet so etwas für einen Regisseur?

Das muss man sich tatsächlich als Katastrophe vorstellen. Wobei „ausfallen“ fast zu salopp klingt. Mich hat es sehr berührt, dass ein so großer Schauspieler aus gesundheitlichen Gründen aus einer Produktion aussteigen muss. Nach dem ersten Schock passiert allerdings etwas, das wir Theatermenschen vermutlich ganz gut können: Verzweiflung verwandelt sich in Hoffnung. Man beginnt, nach kreativen Lösungen zu suchen und mit Stefanie Reinsperger hatte ich ja schon die perfekte Einspringerin im Team. Es gilt dieses tief eingravierte Theatermotto – „Der Lappen muss hoch“.

Regisseur Stefan Bachmann in der Probebühne des Arsenals mit Krone und Elefant aus der Produktion.
FOTOS: ANDREAS JAKWERTH
Regisseur Stefan Bachmann in der Probebühne des Arsenals mit Krone und Elefant aus der Produktion.

Dann kommen wir zur vielleicht wichtigsten Frage zu „König Ubu“: Sagen Sie auf der Bühne „Scheiße“ – oder „Merdre“?

Es gibt unterschiedliche Übersetzungen wie zum Beispiel Schoisse oder Scheitze. Da wir mit der für mein Dafürhalten besten Übersetzung von Marlis und Paul Pörtner arbeiten sagen wir: Schreisse.

Das Stück gilt als Provokation, als Angriff auf Theaterkonventionen. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich als Regisseur verpflichtet fühlt, nun ebenfalls möglichst wild, laut und provokant zu sein?

Genau das wollten wir nicht. Das war eine unserer ersten Erkenntnisse. Das Stück kommt einem zunächst als dieses große, fäkale, provokante, alle Konventionen sprengende Werk entgegen. Deswegen fanden wir es zu naheliegend, es demonstrativ provokant zu inszenieren. Das klingt vielleicht paradox, aber wir versuchen, mit großer Behutsamkeit an das Material heranzugehen. Nicht rotzig, sondern sensibel. Wir wollen die Skurrilität wertvoll machen. Wir wollen sogar mit den Grausamkeiten liebevoll umgehen.

Vater und Mutter Ubu sind in Inszenierungen einmal Laurel und Hardy, einmal Weißclown und dummer August, einmal politische Karikaturen. Was sind sie bei Ihnen?

Alles davon kann mitschwingen. Aber sobald man es zu sehr festlegt, wird es für mich uninteressant. Die beiden haben eine enorme Bandbreite. Natürlich kann man Clowns-Konstellationen darin entdecken, den Buffon oder auch das böse Paar a la MacBeth. All das kann man auch bei uns sehen. Aber wir reiten nicht darauf herum. Und wir sagen auch nicht: Das ist jetzt Trump.

Warum nicht? Die Versuchung liegt bei einem größenwahnsinnigen, infantilen Despoten ja ziemlich nahe.

Weil ich glaube, dass die Fantasiewelt des Stückes viel stärker ist. Wir legen uns auch nicht auf ein bestimmtes Milieu fest. Das Ganze wird gewissermaßen aus dem Theater selbst geboren. Jarry schreibt zwar, dass das Stück in Polen spielt – aber es ist ein Polen der Fantasie. Und das Erschreckende ist, welche Realität diese Fantasiewelt entwickeln kann. Da steckt einerseits eine große Kindlichkeit drin, aber auch etwas ewig Gültiges. Jarry visioniert den Herrschertypus, dem wir durch das gesamte 20 Jahrhundert bis heute leider immer wieder in unterschiedlichen Formen begegnen.

War diese Gegenwärtigkeit der Grund, warum Sie das Stück auf den Spielplan gesetzt haben?

Die Geschichte ist ein bisschen komplizierter. Ich kenne das Stück, seit ich 18 oder 19 bin. Es hat mich seitdem immer begleitet. Ich habe regelmäßig darüber nachgedacht, ob man es nicht einmal machen sollte, aber es ist nie konkret geworden. Und dann hat mir Elfriede Jelinek vor ungefähr zwei Jahren eine E-Mail geschrieben und sinngemäß gefragt, was eigentlich mit uns Theatermachern los sei. Warum denn niemand „Ubu“ spiele? Seid ihr vollkommen verrückt? Das sei doch das Stück der Stunde.

Nun stecken Sie mitten in den Proben, haben eine zentrale Umbesetzung hinter sich und arbeiten an einem Autor, der sich gegen jede Festlegung wehrt. Wissen Sie inzwischen, wie der Abend aussehen wird?

Nein. Und das finde ich wunderbar. Man kann nicht krampfhaft originell sein. Und man kann sich auch nicht vornehmen: So, jetzt sind wir einmal richtig absurd. Das funktioniert nicht. Im Moment würde ich die Proben als einen Prozess beschreiben, in dem sehr vieles noch entsteht. Ich kann noch gar nicht genau sagen, in was das alles münden wird. Und ich hoffe sehr, dass wir uns diese Offenheit bis zu den letzten Probentagen erhalten. Vielleicht können wir wirklich erst auf den letzten Metern sagen, was dieser Abend nun eigentlich geworden ist.

Macht Sie das nicht nervös?

Es ist vor allem ein großer Luxus. Wir haben ein Stück in der Hand, das sich einem logischen Zugriff, der es zu schnell fixieren und erklären möchte, immer wieder entzieht. Und genau das ist gerade das Schöne daran. Es gibt eine Unberechenbarkeit auf dieser künstlerischen Reise. Ich empfinde sie als sehr abenteuerlich – aber eben auch als sehr lustvoll.

Das klingt beinahe so, als hätte Alfred Jarry bei den Proben noch immer seine Finger im Spiel.

Das könnte man so sagen.

Hier geht es zu den Spielterminen von "König Ubu" im Burgtheater!

Universitätsring 2
1010 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 08/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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