Giganten: Bernstein trifft Karajan
Sie waren Superstars und Rivalen: Leonard Bernstein und Herbert von Karajan. Spät in ihrem Leben trafen sie in Wien aufeinander. Das Stück zu dem Treffen – jetzt in den Kammerspielen!
Es ist das Jahr 1988. Und wir befinden uns nicht in irgendeiner Bar. Sondern in DER Bar. Sie ist nicht besonders groß und auch nicht besonders gemütlich. Aber es ist eben die „Blaue Bar“ des „Hotels Sacher“ in Wien. Eine Legende. Hier treffen sich an diesem Tag im Jahr 1988 zwei musikalische Giganten: die Stardirigenten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan.
Es gibt nur einen einzigen Zeugen dieses Aufeinandertreffens: den Kellner der „Blauen Bar“. Der bemerkt dreißig Jahre später, wie der amerikanische Schriftsteller, Filmemacher und Komponist Peter Danish Bernsteins „Gesammelte Briefe“ liest, erzählt ihm von dieser Begegnung – und der Autor imaginiert die Inhalte des nächtlichen Gesprächs und macht daraus einen Broadway-Hit, der jetzt an den Kammerspielen der Josefstadt Premiere feiern wird. In den beiden Hauptrollen: Michael Dangl als Herbert von Karajan und Günter Franzmeier als Leonard Bernstein.
WER HAT DEN GRÖSSEREN?
Das Hauptgesprächsthema der beiden sind alte Fehden, Eitelkeiten und ihre Rivalität. So wirft Karajan Bernstein vor, sich beim Dirigieren zu wenig an die Partitur zu halten und diese zu frei zu interpretieren. Bernstein kontert, er erschaffe etwas aus dem Nichts, während Karajan nur kleine schwarze Punkte vom Blatt ablese und ein Stöckchen schwinge. „Das hat nichts Innovatives. Etwas erschaffen, Herbert! Das ist Gottes größtes Geschenk für einen Musiker. Du hast in deinem ganzen Leben nie etwas komponiert“, so Bernstein. Und trotzdem: Die beiden buhlen um die Anerkennung des anderen. Herbert von Karajan beschwert sich, dass Bernstein nach einer seiner Vorstellungen nicht mal zu ihm hinter die Bühne gekommen sei. Die lapidare Antwort von Bernstein: „Wenn man nichts Nettes zu sagen hat.“
Und auch Karajans Opportunismus in der Nazi-Zeit ist Thema. Karajan trat bereits 1933 der NSDAP bei. Bernstein, ein Jude, verachtet das. Karajan sieht sich nicht als Held, aber auch nicht als Verbrecher. Bernstein lakonisch: Auch das kleinere Übel bleibt ein Übel.
Michael Dangl: „Ich mag dieses Stück, weil hier zwei Menschen auf Augenhöhe miteinander reden, die sonst praktisch niemanden haben, weil sie beide Genies sind und weil sie dadurch mehr vom anderen verstehen als jeder Außenstehende. Dazu kommt, dass in dem Werk die existenzielle Komponente über der komischen steht. Karajan ist über 80, das Ende steht vor der Tür und die Tragik besteht darin, dass er noch so viel machen möchte. Er spielt gegen die Zeit – aber er will sich nichts anmerken lassen, will Herr der Situation bleiben. Und da gibt es nur diesen einen Menschen, dem er sich öffnen kann. Das ist die Fiktion, die das Stück behauptet. Die Gespräche der beiden sind wie eine Wanderung durch vermintes Gelände. Es besteht jederzeit Explosionsgefahr – das ist die Brisanz des Stücks. Und Karajan muss anerkennen, dass Bernstein in einem Ausmaß geliebt wurde, wie er es nie erfahren hat.“
Das Stück war in New York aus dem Stand ein Hit: Nach der erfolgreichen Uraufführung wurde „Last Call“ mit Erfolg zwei Monate lang am Stück gespielt und für die BroadwayWorld Awards in gleich zehn Off-Broadway-Kategorien nominiert, darunter beste Regie, beste Uraufführung, bestes Ensemble und beste Produktion.
Karajan spielt gegen die Zeit und es gibt nur einen Menschen, dem er sich öffnen kann. Das ist die fiktive Behauptung des Stücks.
Michael Dangl
Michael Dangl
In Wien laufen die Proben und die amerikanischen Witze werden den österreichischen angepasst. Günter Franzmeier lächelt: „Das Stück ist exzellent geschrieben, man muss es halt ein bisserl Wienerisch einfärben, ein paar Witze rausnehmen, die nicht funktionieren, und ein paar reingeben. Aber dabei gehen wir nie weit weg vom Skript.“
Franzmeier macht eine kurze Pause: „Die Figur des Bernsteins ist so unprätentiös ausladend und wunderbar politisch unkorrekt, so wie die 80er waren. Schade, dass wir auf der Bühne nicht mehr rauchen dürfen. Bernstein hat ja immer und überall geraucht – er hat sich sogar während Fernsehsendungen die Zigarette von seinem Assistenten anrauchen lassen. Da wir auf der Bühne nicht rauchen dürfen, werde ich eben NICHT versuchen Gründe zu finden um eine Zigarette nicht anzuzünden. Ich werde vorgeben zu rauchen, und das Publikum wird sich den Rauch und den Duft vorstellen...“ (lacht)
Aber zurück zum Stück. Es beginnt mit einer Szene, in der der 80-jährige Karajan bei einer Tasse Tee die Partitur von Brahms erster Sinfonie studiert. Der zehn Jahre jüngere Bernstein schwingt sich derweil lässig auf einen Barhocker und bestellt einen Whiskey. Die Botschaft ist klar: hier der Hedonist, dort der Asket. Hier einer, dem scheinbar alles zufliegt, der Grenzen überschreitet und die Musik mit Leben füllt. Dort einer, der sich alles mit Fleiß erarbeiten muss, der zu bewahren versucht und einem hehren Schönheitsideal nachhängt. „Und wenn Kritiker behaupten, ich sei besessen davon, einen schönen Klang zu erzielen oder sogar einen zu schönen Klang? Zu schön? Kann es so was überhaupt geben?“, fragt Karajan irgendwann später Bernstein. Und natürlich geht es um die ewige Frage der richtigen Interpretation: Wie viel Gefühl braucht Mahler? Wann wird es Kitsch?
„Nicht ein einziger Takt, nicht eine einzige Note sind frei und unbeeinflusst von deiner Handschrift“, nörgelt Karajan. „Das nennt man In-ter-pre-ta-tion!“, entgegnet Bernstein. „Das nennt man E-go! Ei-tel-keit!“, faucht Karajan zurück.
UNTERHALTUNG UND INTELLIGENZ
Autor Peter Danish: „Ich wusste nicht, ob das Stück funktioniert, ob das breite Publikum überhaupt die beiden Dirigenten noch kennt. Es war sehr erfreulich – und obendrein eine Erleichterung –, den Beifall zu hören, den die Zuschauer dem Stück spendeten. Es hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass man das Publikum unterhalten und zugleich dessen Intelligenz respektieren kann – ganz gleich, ob es sich um eingefleischte Insider oder um ganz gewöhnliche New Yorker Theatergänger handelt.“
Sehr amerikanisch auch bei den Proben. Michael Dangl: „Wir haben sehr früh begonnen, das ganze Stück in einem durchzuspielen. Ich mag das, weil man sehr früh dem nahekommt, was später fix auf der Bühne steht. Ich liebe diesen Zugang, er ist mir lieber, als wenn die ganze Zeit herumgefummelt wird. Man hat die Gelegenheit, am Detail zu arbeiten, aber man verliert nie den Gesamtbogen aus den Augen.“ Und wie lange dauert es, bis man Karajan ist? Dangl lacht: „Ich habe so circa eineinhalb Monate gebraucht, um den Text zu lernen. Dann habe ich viel über Karajan recherchiert: Bücher gelesen und Videos geschaut. Danach versuche ich immer, mich vom Buch zu befreien. Aber dabei muss man auch aufpassen: Karajan ist eine Figur, die man sehr schnell parodieren kann – diese Falle sollte man tunlichst vermeiden. Aber letztens war ich an der Salzach spazieren und bin den Text durchgegangen und habe das erste Mal als Karajan mit mir gesprochen ...“
Michael Dangl grinst und wirft einen imaginären Karajan-Schal um seinen Hals.
Die Geschichte ist sehr schnell erzählt: Herbert von Karajan und Leonard Bernstein treffen sich zufällig in der „Blauen Bar“ im „Hotel Sacher“. Einziger Zeuge ist der Kellner. Diebeiden Giganten beginnen ein (Streit-)Gespräch über das Leben, die Musik und ihre unterschiedlichen Lebensmodelle.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Letzte Runde (Last Call)" in den Kammerspielen der Josefstadt!