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Nikolaus Habjan & Manuela Linshalm. 2003 wurde „Schicklgruber“ im Schauspielhaus uraufgeführt und dann drei Saisonen lang erfolgreich gespielt. Der Autor und Puppenspieler Neville Tranter bleibt dieses Mal hinter den Kulissen und lässt seinen früheren Schüler ins Rampenlicht.

Nikolaus Habjan & Manuela Linshalm. 2003 wurde „Schicklgruber“ im Schauspielhaus uraufgeführt und dann drei Saisonen lang erfolgreich gespielt. Der Autor und Puppenspieler Neville Tranter bleibt dieses Mal hinter den Kulissen und lässt seinen früheren Schüler ins Rampenlicht.
Foto: DT/ Thomas Aurin

„Schicklgruber“ als Habjan-Puppenspiel in der Josefstadt

Theater in der Josefstadt

In Berlin ist es ein Theaterhit. Jetzt bringen Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm „Schicklgruber“ an die Josefstadt. Ein Stück über den Wahnsinn der letzten Tage im Führerbunker. Eine Groteske, die ans Jetzt erinnert.

Wie würden Sie jemandem, der ihre Arbeit bislang nicht kennt, beschreiben, was ihr mit euren Puppen und diesem Stück macht?

Nikolaus Habjan: Als ich „Schicklgruber“ zum ersten Mal vor 20 Jahren gesehen habe, dachte ich mir: „Der Puppenspieler – Neville Tranter – steht völlig sichtbar neben der Puppe.“ Ich sah, wie er mit der Hand in die Puppe schlüpfte und, ohne die Bewegung seiner Lippen zu verbergen, für die Puppe sprach. „Das kann ja nie funktionieren“, dachte ich.

Für genau eine Minute! Am Ende des Stücks war ich irritiert, dass sich nicht sechs Personen, sondern „nur“ der Puppenspieler verbeugte. Für mich war das pure Magie des Theaters.

Manuela Linshalm: Das ist wahrscheinlich eine Erfahrung, die viele Zuschauer*innen bei ihrem ersten Kontakt mit Figurentheater machen. Wir laden sie auf eine Illusion ein und verstecken nichts. Und so lässt sich das Publikum wissentlich und willentlich auf dieses Erlebnis ein.

Habjan: Was haben wir mit dem Stück gemacht? Als sich Neville Tranter letztes Jahr von der Bühne zurückgezogen hat, fragte ich ihn, ob er sich vorstellen könnte, „Schicklgruber“ mit Manuela und mir neu auf die Bühne zu bringen. Dieses Stück ist ein Meilenstein in Nevilles Arbeit und kann so weiter existieren.

„Ich kann alles spielen“, sagt die Puppe. Ist das so?

Habjan & Linshalm: Ja! (lachen) Bisher haben wir noch keine Grenzen gefunden.

Wie spielt man Hitler und seine irren Kameraden?

Habjan: Diese Gratwanderung ist in der Tat sehr heikel. Man bewegt sich zwischen Dani Levy („Mein Führer“) und Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“). Für mich ist und bleibt aber Charlie Chaplin mit „Der große Diktator“ die wichtigste und bisher unerreichte Kompassnadel. Alec Guinness ist meiner Meinung nach die realistischste Version Hitlers gelungen. Das, was als der unfassbar böse Aspekt dieses Charakters gesehen wird, hat er mit einer Art entsetzlicher Leere gespielt. Das hat mich sehr inspiriert. Auf der einen Seite muss man dem Horror und der Unmenschlichkeit gerecht werden. Jedoch Humor, richtig dosiert, kann dem Ganzen die Macht nehmen, ohne die Bedeutung zu verlieren. Es ist ein Vorgang der Entlarvung durch Satire.

Linshalm: Und hier kommt die Fähigkeit der Puppe wieder ins Spiel, problematische Charaktere darzustellen, die nötige Distanz zu ihnen zu wahren, aber sie dennoch emotional verarbeitbar zu machen. Dadurch ist es möglich, Themen zu behandeln, vor denen man sich sonst vielleicht scheuen würde.

Habjan: Nehmen wir die Ebene zwischen Puppe und Spieler*in: Manuela und ich spielen die Bediensteten, die von den Puppen (Hitler, Eva Braun, Goebbels und Co) herumkommandiert werden. Allein diese Setzung zeigt schon auf, in welch absurder Lage sich die Hierarchie hier auf dieser Metaebene abspielt. Sie drohen UNS mit dem Tod, der IHNEN droht, sollten wir die Hand aus der Puppe ziehen.

Linshalm: Genau das passiert mit den Figuren an diesem Abend und ist somit der wahrhaftigste Theatertod.

Ist der Irrsinn im Führerbunker vergleichbar mit dem, was auf der Welt gerade so abgeht? Wir haben realitätsverweigernde Regierungschefs und Menschen, die in Blasen leben und alles glauben.

Habjan: Ja, leider. Schauen wir genau 100 Jahre zurück – und es wird uns gruseln. Wir wissen, dass Menschen niemals aus der Geschichte lernen. Für einen kurzen Augenblick vielleicht, aber nie für lange. Die Frage ist nicht, ob es sich wiederholt, sondern wie.

Ist das Stück letztlich nichts anderes als die Umsetzung des „Hobellieds“ – der Tod macht alle gleich …?

Linshalm: Das ist ein schöner Vergleich. Das kann man absolut so sehen. Der Tod ist in diesem Stück allgegenwärtig – erst als Clown, der einen Witz macht und schließlich ein immer gefährlicheres Antlitz durchblitzen lässt. „Letztendlich bleibst du ja doch nur – Schicklgruber“, setzt der Tod dem Größenwahnsinnigen am Ende entgegen und lässt ihn schrumpfen auf das, was er ist: ein lächerlicher, böser, kleiner Mann, der – wie alle – sterben muss.

Hier zu den Spielterminen von "Schicklgruber" im Theater in der Josefstadt!

Erschienen in
Bühne 08/2025

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