Zum Inhalt springen

Der Zuschauerraum im Wiener Volkstheater.

Der Zuschauerraum im Wiener Volkstheater.
Foto: Marcel Urlaub

Schnell erklärt: Was ist die Applausordnung?

Wissenswertes

Ritualisierte Abläufe – wie auch deren bewusste Unterwanderung – prägen das Theater. Auch die Applausordnung gehört dazu. Aber was bedeutet das eigentlich und warum entscheiden sich manche Häuser gegen den Einzelapplaus?

Im Theater läuft letztendlich alles auf den einen Moment zu: Die letzten Worte werden gesagt, der Vorhang – wenn es einen gibt – senkt sich und das Publikum beginnt zu applaudieren. Nach und nach kommen die Spieler*innen wieder auf die Bühne und das Publikum entscheidet sich dazu, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen – die Menschen klatschen, buhen, jubeln, pfeifen oder stampfen. Während diese Gefühlsäußerungen eher spontan und intuitiv passieren, ist die Reihenfolge, in der das Ensemble wieder auf die Bühne kommt, meist inszeniert. Mal mehr (wie bei Herbert Fritsch zum Beispiel), mal weniger. Diese Reihenfolge wird als Applausordnung bezeichnet.

Und so läuft das in der Regel: Zuerst werden die kleineren Nebenrollen beklatscht, dann steigert sich das Ganze bis zu den Hauptrollen. Bei der Premiere kommt auch das Regie-Team auf die Bühne. „Ich habe auch schon Zuschauer erlebt, die in einem leicht schizophrenen Zustand waren, die gleichzeitig applaudiert haben und Buh gebrüllt haben. Meistens kriegen die Schauspieler den Applaus und die Buhs kriegen dann die Regisseure", sagt der Regisseur und Autor Philipp Preuss, der mit „Order of Appearance“ ein Stück über die Applausordnung geschrieben und inszeniert hat. Über die Applausordnung sagt er außerdem: „Die Applausordnung ist ein Ritual, auch weil sie den Abend abschließt. Und das war für mich auch immer so das Faszinierende.“

Er ist der Meister des inszenierten Applauses: Herbert Fritsch. Am Wiener Burgtheater inszenierte er zuletzt „Zentralfriedhof“.
Foto: Matthias Horn
Er ist der Meister des inszenierten Applauses: Herbert Fritsch. Am Wiener Burgtheater inszenierte er zuletzt „Zentralfriedhof“.

Die Ordnung unterlaufen

Es gibt aber auch Theaterhäuser, die diese Ordnung unterlaufen. Im Wiener Volkstheater kommt das Ensemble beispielsweise immer gemeinsam auf die Bühne. Darin drückt sich eine bestimmte Grundhaltung des Theaters aus, die sich in etwa so zusammenfassen lässt: Am Volkstheater reüssieren und scheitern alle Beteiligten immer gemeinsam.

Jemand, der für seine inszenierten Applause bekannt ist, ist der Regisseur und Schauspieler Herbert Fritsch. „Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Für die Schauspieler gibt es genaue Reihenfolgen, Wege, Bewegungen und Gesten, die sie einzuhalten haben. Auch bleiben sie bei Fritsch klar in ihren Rollen“, ist in einem Blogbeitrag des Berliner Theatertreffens von 2013 nachzulesen.

Ein Regelwerk für den Applaus gab es im Übrigen schon in der Antike: Auch die Römerinnen und Römer in der Zirkusarena befolgten eine genau festgelegte Applausordnung: Sie wedelten zuerst mit den Zipfel der Toga, wenn die Begeisterung groß genug war, schnippten sie mit den Fingern – und erst bei völliger Hingabe für das gerade Gesehene, klatschen sie in die hohlen Hände.

Redaktion
Autor
Mehr zum Thema
  • Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Steter Sehnsuchtsort
    Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Entdeckungsreise ins Ich. Schauspielerei bedeutet für Johanna Mahaffy auch, möglichst viele Facetten der eigenen Persönlichkeit kennenzulernen.
    Zwischenwelt
    Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Glückliche Heimkehr
    Als Harras in Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ erlebte Stefan Jürgens nach vielen...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • 20 Jahre in 2 Stunden
    Alle einsteigen, bitte! Am 27. Juni blickt das Ensemble mit der Theaterrevue „Station...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Theater ohne Auffangnetz
    Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ ist eine Geschichte über den...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Theater ist ein One-Taker
    Kristina Sprenger über Theater im Sommer, gesellschaftliche Verantwortung und die Unsterblichkeit...
    Von Atha Athanasiadis
  • Unter Tieren
    Selbst die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern: Die Welt geht vor die Hunde und der freie...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12