„Ödipus Tyrann“: Neuanfang am Volkstheater
Alicia Aumüller mag Neuanfänge, Kontinuität und jene Art von Kontrollverlust, die sich wie Verliebtsein anfühlt. Im Stück „Ödipus Tyrann“ kommen all diese scheinbar widersprüchlichen Dinge auf besondere Weise zusammen.
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, zitiert Schauspielerin Alicia Aumüller den berühmten Satz von Hermann Hesse und weiß dabei ganz genau, wovon sie spricht. Ihr Neustart am Volkstheater ist bereits der dritte Neuanfang eines Theaters, den sie miterlebt. Und mitgestaltet. Weil die in Salzburg geborene Schauspielerin zwar eine passionierte Neuanfängerin, aber alles andere als eine Anfängerin ist, weiß sie auch: „Es ist schön, Inhalte und Ästhetiken mit definieren zu dürfen, aber mir ist mittlerweile auch klar, dass ein Neubeginn auch Arbeit, Suche und Streitkultur bedeutet – dass Dinge aufgehen und andere nicht aufgehen. Und dass manchmal ganz andere Dinge passieren, als man zunächst dachte.“
Letzteres sei im Übrigen nicht nur negativ zu verstehen, fügt Alicia Aumüller mit ruhiger Stimme hinzu. „Im Nachhinein war es oft ein Geschenk, dass Dinge anders gekommen sind, als ich vermutet habe“, so die Schauspielerin.
Wechsel seien zudem auch ein gutes Instrument, um es sich im Beruf nicht zu gemütlich zu machen, so Aumüller, die kontinuierlichen Arbeitsbeziehungen dennoch sehr viel abgewinnen kann – „weil man dadurch mutiger in gemeinsame Arbeiten hineingeht“.
Blickt man auf die Liste der Regisseur*innen, mit denen Alicia Aumüller bereits gearbeitet hat, fühlt man sich fast schlecht, ihren Namen und den Begriff „Gemütlichkeit“ in einem Atemzug erwähnt zu haben. Schließlich stehen darauf unter anderem Namen wie Christoph Schlingensief, Jette Steckel, Christopher Rüping, Wu Tsang und Trajal Harrell.
Und natürlich auch Nicolas Stemann, dessen Stück „Ödipus Tyrann“ nun vom Schauspielhaus Zürich ins Volkstheater übersiedelt. Doch dazu gleich mehr. Bei all den neuen Begegnungen und Konstellationen, die nun auf Alicia Aumüller zukommen, gibt es, neben der Arbeit mit Nicolas Stemann, noch eine weitere, wenn auch nur sehr zarte Kontinuitätslinie: „Ich habe damals an der Hochschule in Zürich in den beiden Abschlussarbeiten von Jan Philipp Gloger mitgespielt. Obwohl wir danach zwanzig Jahre lang nicht miteinander gearbeitet haben, gibt es also so etwas wie eine Vertrauensbasis.“
Ödipus als Forschungsfeld
Diesen großen Rucksack an Erfahrungen hat Alicia Aumüller nun ins Volkstheater mitgebracht. Aber nicht, um sich darauf auszuruhen, sondern um ihn mit neuen Dingen anzufüllen. Und hin und wieder auch ein bisschen darin zu wühlen, wie sie lachend anmerkt. „Wir lernen einander gerade erst kennen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Kraft dieses Ensembles auch darin liegt, dass viele von uns aus sehr unterschiedlichen Theatersozialisierungen kommen. Im besten Fall ergeben sich dadurch zahlreiche Möglichkeiten, sich gegenseitig herauszufordern“, so die Vermutung der Schauspielerin, die sie in druckreife Sätze verpackt. An sich selbst hätte sie mit der Zeit bemerkt, dass ihr Spiel in einer Form von Zwischenraum entsteht – „zwischen dem Stück, einer Figur und mir als Spielerin“.
Womit wir auch schon mitten im Stück „Ödipus Tyrann“ wären, das Regisseur Nicolas Stemann mit seinem Team und den beiden Schauspielerinnen Alicia Aumüller und Patrycia Ziołkówska erarbeitet hat. Für ihr Spiel wurde den beiden Darstellerinnen im Jahr 2022 der Gertrud-Eysoldt-Ring verliehen, unter anderem mit folgender Jurybegründung: „Ihr Theater lebt von der künstlerischen Freiheit im Umgang miteinander. Ödipus sucht die Wahrheit – im Zusammenspiel der beiden Frauen leuchtet sie.“
In seiner Neubearbeitung des „König Ödipus“ von Sophokles konzentriert sich Regisseur Nicolas Stemann auf die Frage, wie Ödipus mit seiner Schuld und seiner Verantwortung umgeht. Zwar gerät er zu Beginn des Dramas unschuldig in Schuld, sein späterer Umgang damit ist jedoch vor allem von Machthunger und Verleugnung geprägt. In einem minimalistischen Bühnenbild spielen Alicia Aumüller und Patrycia Ziołkówska alle Rollen. Dadurch wird noch deutlicher hevorgehoben: Viel öfter, als wir vielleicht denken, sind wir Täter*innen und Opfer zugleich.
Nach fast zwei Jahren Pause hätte sie den Text als Vorbereitung für das Interview heute zum ersten Mal wieder zur Hand herausgeholt, erzählt Alicia Aumüller. Und hätte direkt Gänsehaut bekommen, wie sie hinzufügt. „Ich wurde augenblicklich wieder in diesen Kosmos hineingezogen und habe die große, schwere, schöne Last dieses Stücks sofort wieder gespürt.“ Letztere rühre, so die Schauspielerin, vor allem daher, dass sie und ihre Kollegin nicht bloß in Rollen schlüpfen, sondern sich als Forscherinnen dieses Stoffs begreifen und daher große Verantwortung tragen.
„Wir erforschen all die zeitlosen Fragen, die in diesem Text, aber auch in jedem und jeder einzelnen von uns stecken. Es geht darum, Täter und Opfer gleichzeitig zu sein, aber auch um Schicksal, Schuld und die Möglichkeit von Vergebung. In dem Stück machen sich sowohl jene schuldig, die handeln, als auch jene, die nicht handeln. Und wir haben uns gefragt, ob es dazwischen noch andere Kategorien geben kann. Das sind Fragen, die man sich für das eigene Leben stellen kann, die sich natürlich aber auch auf viele weltpolitische Themen und Konflikte umlegen lassen.“
O du schöner Kontrollverlust
Geht es um die Arbeitsweise von Nicolas Stemann, fallen Alicia Aumüller sofort zwei Begriffe aus der Musik ein: Jazz und Jam. „Anfangs gibt es keine Zuteilung, man geht einfach jammend in die Arbeit hinein und beginnt in der Gruppe mit der Eroberung des Texts. Daraus schälen sich nach und nach Ansätze und Möglichkeiten heraus.“ Diese Herangehensweise entspreche ihr sehr, hält die Schauspielerin mit ihrer markanten Stimme fest. Lachend fügt sie hinzu:
„Obwohl es natürlich auch nervenaufreibend ist, wenn der Regisseur bei der Generalprobe noch mit neuen Textzetteln auf die Probe kommt.“ Wir sprechen auch darüber, wie es sich anfühlt, wenn Vorstellungen abheben. „Wie getragen werden“, bringt es die alles andere als abgehobene Neo-Wienerin auf den Punkt. „Damit ich loslassen kann, rufe ich mir zuerst ins Bewusstsein, was ich weiß und worüber ich verfüge. Wie fast alle Menschen habe auch ich Angst vor Kontrollverlust. Ich vergleiche den Zustand gern mit Verliebtsein. Das ist ja der maximale Kontrollverlust, trotzdem gibt es nichts Schöneres.“
Wenn sie an ihren neuen Lebensmittelpunkt denkt, ist sie positiv gestimmt, aber noch nicht komplett verschossen. „Ich empfand immer eine große Ambivalenz, wenn ich an Österreich gedacht habe – an die alteingesessenen Haltungen und Meinungen, die sich hier sehr stark halten. Ich habe aber das Gefühl, dass ich nun bereit dafür bin, mich damit zu beschäftigen und dem vielleicht auch etwas entgegenzusetzen. Bislang habe ich die Stadt aber als sehr offen und lebendig wahrgenommen.“
Damit sind wir auch schon wieder beim Thema des Neuanfangs gelandet – bei der wunderschönen Koexistenz von Suche, Zauber und Reibung.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Ödipus Tyrann" im Volkstheater!