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Florian Boesch ist ab 23. November in der Halle E/Museumsquartier in „Die schöne Müllerin" zu hören.

Florian Boesch ist ab 23. November in der Halle E/Museumsquartier in „Die schöne Müllerin" zu hören.
Foto: David Payr

Die schöne Müllerin: Am Ende war es kein Suizid

MusikTheater an der Wien

Florian Boesch schätzt romantische Lyrik und seziert das Lied bis auf sein wahrhaftiges Bedeutungsgerüst. Gemeinsam mit Franui und Nikolaus Habjan hat er Schuberts „Die schöne Müllerin“ szenisch neu entwickelt. Und kommt dabei zu einem logischen Schluss.

Komponiertes Psychogramm. Franz Schuberts berühmter Liederzyklus aus dem Jahr 1823 – auf Basis der gleichnamigen Gedichtsammlung von Wilhelm Müller – ist ein Klassiker für Sänger der Stimmlagen Bariton und Tenor und wurde auch schon von namhaften Altistinnen erfolgreich zu Gehör gebracht.

Florian Boesch singt das 20 Stücke umfassende Werk seit einigen Jahren und konservierte es mit dem schottischen Pianisten Malcolm Martineau 2013 für die Nachwelt auf CD. Zehn Jahre später hat es der international gefeierte Wiener Bassbariton nun dramatisiert und in einer szenischen Fassung neu herausgebracht: Gemeinsam mit der zehnköpfigen Musicbanda Franui, deren Mitglieder Markus Kraler und Andreas Schett Schubert musikalisch bearbeitet und neue Kompositionen beigesteuert haben, und Regisseur Nikolaus Habjan, dessen Puppen innere Konflikte eindrücklich nach außen tragen.

„Der Star des Abends sind für mich die Kompositionen von Franui, die ursprünglich die Ideengeber des ganzen Projekts waren“, erklärt Florian Boesch. „Es handelt sich bei ihrer Arbeit nicht um eine Orchestrierung von Franz Schubert, sondern um sehr radikale, aber unglaublich kluge Eingriffe in den Notentext. Die Gesangslinie ist, bis auf wenige Änderungen, original. Franui haben aber überall dort, wo sie mit dem besonderen Instrumentarium, das ihnen zur Verfügung steht, eine Möglichkeit gesehen haben, das Anliegen zu stärken und Problematiken hervorzuheben, musikalisch interveniert.“

Zudem habe er die Macht des Mediums Puppe, mit der sich Überhöhung und Größenwahn schon allein dadurch darstellen ließen, dass man sie auch auf drei Meter Größe anwachsen lassen könne, sehr zu schätzen gelernt. 

„Die Aufschlüsselung des ganzen Müller-Universums, die komplexen inneren Dialoge, den psychotischen Schub des jungen Müllers, der sich in dem Lied ‚Pause‘ äußert – ab dem überhaupt nicht mehr klar ist, was real ist und was Imagination –, kann man mit Puppen sehr gut verkörpern und versinnbildlichen. Wobei der größte Teil dessen, was es auszudrücken gilt, von einem selbst kommen muss.“

Psychologen und Psychiater

Florian Boesch ist überzeugt davon, dass der unglücklich verliebte Müller am Ende seiner Reise nicht, wie es die gängige Lesart vorsieht, Selbstmord begeht. 

„Damit ecke ich an, aber man muss sich nur die Mühe machen, auch Wilhelm Müllers Prolog und Epilog zu lesen. Daraus wird deutlich, dass der Bach kein Bach ist, sondern die Stimme der Vernunft. Müller ist ein früher Psychoanalytiker, ein klarer Vor-vor-Freudianer. Das Lied Nummer 19, ‚Der Müller und der Bach‘, in dem der Bach endlich antwortet, muss man knacken, dann kann man die Geschichte zurückdeklinieren.“

Da heißt es im Text: „Und wenn sich die Liebe / Dem Schmerz entringt, /
Ein Sternlein, ein neues / Am Himmel erblinkt.“ Wenn man also den Liebesschmerz überwunden hat, dräut Hoffnung in Gestalt eines neuen Sterns. 

„Jeder Sänger, der sich also hinstellt und behauptet, der Müller bringe sich am Schluss um, hat meiner Meinung nach seine Hausaufgaben nicht gemacht.“ Er selbst habe Jahre und viele Gespräche mit Psychologen und Psychiatern gebraucht, ehe sich ihm der Sinn von „Die schöne Müllerin“ komplett erschlossen habe. Mittlerweile kämen auch immer mehr Kolleg*innen zu dieser Einsicht. 

Das Publikum zeigte sich bei bereits absolvierten Aufführungen – etwa an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, in der Hamburger Elbphilharmonie oder bei den Bregenzer Festspielen – begeistert von der Boesch/Habjan/Franui-Interpretation. 

Im Übrigen hat Florian Boesch auch bei dieser Arbeit eine klare Intention: „Meine Aufgabe als Sänger ist es, öffentlich meine Menschlichkeit zu bekennen.“ So ehrlich wie möglich – und stellvertretend für ein ebenfalls in die Welt geworfenes Publikum. 

Hier zu den Spielterminen von Die schöne Müllerin!

Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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