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Albert Pesendorfer in einem Sujetbild der Volksoper zu "Boris Godunow".

Albert Pesendorfer in einem Sujetbild der Volksoper zu "Boris Godunow".
Foto: Johannes Ifkovits

Boris Godunow von Modest Mussorgski

Volksoper Wien
Ein Stück in einer Minute

Um Macht und politische Wirren dreht sich diese russische Nationaloper: verwirrend mag auch die Handlung teils erscheinen, wir versuchen Klarheit zu bringen - eine Zusammenfassung.


Inhalt

Boris Godunow wird vom Volk angefleht, die Wahl zum Zaren anzunehmen. Er möchte sich nicht anmerken lassen, dass er eigentlich nach der Krone strebt. Der Thron ist auch deshalb frei, weil der rechtmäßige Erbe Dimitri starb – in Wahrheit ließ Boris ihn ermorden. Davon erzählt fernab dieser politischen Wirren ein Mönch einem jungen Kollegen, Grigori. Dieser fasst den Entschluss, gegen Boris vorzugehen. Vorerst setzt er sich aber über die Grenze ab. Boris quält derweil das Gewissen.

In Polen sieht man die Adelige Marina davon träumen, als künftige Zarin in Moskau Einzug zu halten. Von dem fremden Abenteurer, der sich als dem Attentat entgangener Zarewitsch ausgibt und hinter dem Grigori steckt, erwartet sie sich Hilfe. Anmerkung: Der Polenakt kommt in der Urfassung noch nicht vor.

Als Boris davon hört, dass ein Mann in Polen behauptet, Dimitri zu sein, lässt er sich nochmals versichern, dass dieser damals bei der Ermordung wirklich starb. Er erleidet bei der genauen Schilderung der Leiche einen Anfall von Wahnsinn. Boris ist zerrissen zwischen Machtgier, Selbstzweifeln und dem Schreckensbild des toten Kindes. Bald darauf verabschiedet er sich von seinem Sohn, übergibt ihm die Zarenwürde und stirbt.


Werkgeschichte

Die Oper basiert auf einem gleichnamigen literarischen Werk des russischen Nationalautors Alexander Puschkin, das 1825 verfasst, aber wegen der Zensur erst Jahre später veröffentlicht wurde. Puschkin schrieb 24 Szenen, von denen Mussorgski – je nach Fassung – sieben bis neun verwendete. Der Komponist schrieb das Libretto selbst und blieb dabei nah an Puschkins Text.

Aufführungsgeschichte

„Boris Godunow" wurde 1874 uraufgeführt. Mussorgski hatte die Urfassung schon Jahre zuvor komponiert, doch die Theaterleitung hatte sie zurückhaltend aufgenommen - auch mit dem Argument, dass eine starke Frauenfigur fehlte. Mussorgski machte sich erneut ans Werk und schrieb eine zweite Fassung mit dem so genannten Polen-Akt und der Rolle der Marina.

Nach Mussorgskis frühem Tod überarbeitete Nikolai Rimski-Korsakow die Partitur mehrfach. Mit der letzten Fassung von 1898 gelangte das Werk zu Weltruhm. Auch Dmitri Schostakowitsch instrumentierte die Oper neu. Mittlerweile spielt man aber mehr und mehr die Originalversion Mussorgskis – so auch an der Volksoper Wien.

Prominenten Namen

Das historische Vorbild für die Titelfigur war von 1584 bis 1598 Regent für den geistig zurück gebliebenen Zarensohn Fjodor und ließ sich nach dessen Tod zum Zaren krönen. Fjordors Bruder war verstorben, wahrscheinlich mit Godunows Zutun. Er wird als Usurpator bezeichnet, also als jemand, der durch gewaltsame Verdrängung des legitimen Herrschers an die Macht kam, wobei Boris Godunow auch durch die damalige Volksvertretung gewählt wurde. Godunows Regierungszeit war von großen Krisen und Hungersnot überschattet. Er starb 1605.


Zu den Spielterminen von „Boris Godunow"

Theresa Steininger
Autor
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