Der Roman hätte Sie umgeworfen – „im positiven Sinne“, sagt Regisseurin Valerie Voigt über „So forsch, so furchtlos“ und lacht. Wir sitzen im ersten Stock der Drachengasse, die Generalprobe ihrer Theateradaption des Romans von Andrea Abreu ist gerade über die Bühne gegangen. Ein wenig hört man den ebenso melancholischen wie kräftigen Gitarrensound der Wiener Band Zinn noch nachhallen. Aber auch Andrea Abreus zwischen Härte und Poesie oszillierende Sätze klingen noch nach. Gesprochen werden sie in Voigts Inszenierung von dem fulminanten Schauspieler*innen-Trio Ida Golda, Naemi Latzer und Olivia Marie Purka.

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Aus der umwerfenden Erstbegegnung mit dem Text erwuchs rasch der Wunsch, ihn auf die Bühne zu bringen, erzählt Voigt. „Die Offenheit und Radikalität, mit der die Autorin weiblicher Sexualität begegnet, fand ich spannend und erfrischend. Auch deshalb, weil die beiden Protagonistinnen relativ jung sind. Darüber hinaus hat der Text bei aller Kraft und Energie auch etwas sehr Melancholisches und gleichzeitig Hartes. Darin habe ich eine enorme Wucht entdeckt. Die beiden Mädchen werden auf eine Weise dargestellt, die ungekünstelt und ehrlich ist. Und in dieser Ehrlichkeit liegt für mich etwas sehr Einnehmendes.“

Valerie Voigt
Valerie Voigt wurde 1988 in Klagenfurt geboren und studierte Theater, Film- und Medienwissenschaft sowie Philosophie an der Universität Wien. Sie arbeitete als Regieassistentin bei den Wiener Festwochen, dem Volkstheater Wien sowie dem Burgtheater u.a. mit Christoph Schlingensief, Herbert Fritsch und Jette Steckel. Seit 2017 ist sie als Regisseurin tätig, ihre Debüt-Inszenierung „drei sind wir“ wurde mit dem Nachspielpreis beim Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnet und zu den Autorentheatertagen nach Berlin eingeladen.

Foto: Ika Renz

Dreckig, fäkal, unangenehm

Andrea Abreus 2022 erschienener und hochgelobter Roman handelt vom Aufwachsen zweier Mädchen im Norden Teneriffas – „ganz oben im Nirgendwo“. Von ihrer Liebe zueinander, von Abhängigkeit, Begehren, aber auch ganz einfach vom Zeittotschlagen an zähen Sommertagen. Weil der Strand als Sehnsuchtsort zu Fuß kaum zu erreichen ist, müssen sie sich eben hinträumen oder sich mit Barbies, Telenovelas und Songzeilen der Band Aventura begnügen. „Es gibt ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden, aber auch eine große Liebe“, hält Valerie Voigt fest. „Diese Liebe ist nicht nur eine amikale, sondern auch eine, die von Begehren geprägt ist. Der Roman zeigt, wie heftig diese erste große Liebe sein kann. Vor allem dann, wenn sie in einem Umfeld stattfindet, in dem Misogynie und Homophobie den Alltag mitbestimmen.“

Gleichzeitig schildert Abreu auch das Leben abseits des Blicks, den Tourist*innen auf einen Ort wie Teneriffa haben, fügt die Regisseurin hinzu. „Es ist dreckig, fäkal, unangenehm.“ Auch hier arbeitet der Roman gegen gängige Erwartungen, bleibt dabei aber stets humorvoll und poetisch.

Ich tausche mich gerne mit Autor*innen aus. Und ich finde auch, dass man das am Theater mehr fördern sollte.

Valerie Voigt, Regisseurin
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Nächste Station: Capri

Beim Erstellen der Fassung dachte Valerie Voigt viel über die Perspektive nach. „Der Roman ist aus der Perspektive der Ich-Erzählerin geschrieben, dass eine der ersten Fragen war, wie sich der Text gut verdichten lässt. Ich finde es dramaturgisch ein bisschen schwierig, wenn – gerade bei Romanadaptionen – die Erzählperspektive zu oft erklärend ins Publikum gerichtet ist, sich daraus aber keine Spielsituationen ergeben. Mir war es einerseits wichtig, Zartheit und Leichtigkeit zwischen den beiden Mädchen zuzulassen, andererseits habe ich versucht, Situationen zu schaffen, die zeigen, wie sie die Welt der Erwachsenen wahrnehmen“, erläutert die Regisseurin, die sich als nächstes der Uraufführung von Anna Gschnitzers Stück „Capri“ im Schauspielhaus widmen wird. Spannend fand sie auch, wie die Grenze zwischen Fantasie und Realität im Roman immer wieder verschwimmt und sich Märchenhaftigkeit und Brutalität eher miteinander verbinden als gegenseitig ausschließen.

Auch in Andrea Abreus Sprache erkannte Valerie Voigt sowohl etwas sehr Rohes als auch eine große Poesie. Darüber hinaus entdeckte sie darin eine Form von Naivität, wie sie fast nur Kinder haben. „In der Poesie und Philosophie ihrer Sprache steckt eine Einfachheit, die mich auf ganz besondere Weise getroffen hat. Die Welt dieser beiden Mädchen ist vulgär, poetisch und manchmal auch sehr simpel. Und das ist gut so“, so Voigt, für die Authentizität in der Sprache sehr wichtig ist.

Zusammenarbeit mit Autor*innen

Mit Andrea Abreu war Valerie Voigt im Zuge des Projekts auch in Kontakt. „Ich tausche mich gerne mit Autor*innen aus. Und ich finde auch, dass man das am Theater mehr fördern sollte“, merkt sie an. Außerdem sieht sie es als eine Verantwortung und Aufgabe von Theatern und Regisseur*innen, neue Dramatik auf die Bühne zu bringen – und zwar nicht nur in kleineren Räumen und Nebenspielstätten. „Ich finde, dass es gerade im DACH-Raum extrem starke Autor*innen gibt, deren Texte auf die Bühne gehören. Wenn ich mir um die Zukunft des Theaters Gedanken mache, muss ich mir ja auch die Frage stellen, wer an den Stoffen der Zukunft schreibt. Außerdem liefern die Autor*innen ja nicht nur ab, sondern verlangen auch etwas und zwingen uns in neue Formen. Das ist wichtig und gut“, sagt die gebürtige Kärntnerin, bevor sie zu einer letzten Besprechung vor der Premiere zu ihrem Ensemble zurückkehrt.

Wenn man ihren Theaterabend in aller Kürze zusammenfassen möchte, könnte man vielleicht sagen: So roh, so poetisch. Wobei damit natürlich längst nicht alles gesagt ist. Vielleicht auch einfach: umwerfend – im positivsten Sinne.

Zu den Spielterminen von „So forsch, so furchtlos“ im Theater Drachengasse!