Barcelona rund um den Jahreswechsel. Seit Wochen scheint die Sonne, die Temperaturen bewegen sich zwischen 10 und 15 Grad, die Luft ist klar. Nur heute nicht. Es regnet. Das erste Mal seit drei Wochen. Eigentlich wollten wir Pretty Yende am Strand von Barcelona treffen, dort fotografieren und so ein wenig Sonnenschein via BÜHNE in die heimischen Wohnzimmer bringen. Frei nach dem Motto: Wenn wir schon nicht in die Sonne fliegen dürfen, dann bringen wir sie so zu Ihnen. 

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Bereits Anfang Dezember begannen die Planungen für das Treffen und das Foto-Shooting mit Pretty Yende. Wegen Corona ist es unmöglich, aus Österreich anzureisen. Deshalb wird eine eigene Crew in der katalanischen Metropole organisiert –  so geht Arbeiten in besonderen Zeiten. Und dann muss auch noch spontan eine überdachte Location gefunden werden. Ein Freund unseres Fotografen hilft und stellt seine Wohnung am Stadtrand zur Verfügung. Ausstattung und auch der Star des Tages werden quer durch Barcelona gelotst. Alle sind etwas angespannt. Es regnet immer stärker. Kaum ist in der Wohnung das provisorische Studio aufgebaut, läutet es an der Tür. Wir öffnen. Und dann geht die Sonne auf.

Pretty Yende ist in Südafrika ein Idol für junge Frauen und unterstützt in ihrer Heimat auch den künstlerischen Nachwuchs.

Foto: Albert Bonsfills

Charismatische Bühnenpersönlichkeit

Pretty Yende, eine der schönsten Stimmen der Opernwelt, eine der charismatischsten Bühnenpersönlichkeiten der Jetztzeit, betritt den Raum und umarmt uns mit ihrem Lachen. Es ist eine Gabe, die nur wenige Künstler besitzen, die aber den Unterschied ausmacht zwischen Starsein und solider Leistung: Pretty Yende gibt dem Gegenüber das Gefühl, immer ganz bei ihm zu sein. Ein Zaubertrick, der nicht nur im Zwiegespräch funktioniert, sondern auch zwischen Bühne und einem voll besetzten Opernhaus.

Entstehen eines Meisterwerks

Anfang März soll Pretty Yende als Violetta in der Simon-Stone-Inszenierung von „La Traviata“ in der Wiener Staatsoper auf der Bühne stehen. Eine Koproduktion des Hauses am Ring mit der Oper in Paris. Eine Arbeitsgemeinschaft, die Bogdan Roščić kurz nach seiner Ernennung zum Direktor vor drei Jahren mit der Pariser Oper eingegangen ist. Der musikalische Direktor der Opéra National de Paris zu dieser Zeit: Philippe Jordan – der 2020 Musikdirektor in Wien wurde. Die „Traviata“ wird ein weiterer wichtiger Teil jenes Puzzles von Roščić, an dessen Ende die Erneuerung des Repertoires der Wiener Staatsoper stehen wird.

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Fix scheint während des Schreibens (Mitte Jänner), dass Roščić und sein Team einen Haken um den Corona-Wahnsinn schlagen werden und – sollte es keine Hausöffnung für das Publikum geben – die Verdi-Oper via ORF III ausgestrahlt werden wird. Nein, ausgestrahlt werden muss! Denn über eines sind sich alle Kritiker, die diese Produktion in Paris bereits gesehen haben, einig: Simon Stone hat ein Meisterwerk erschaffen. Eine Inszenierung, die weltweit zu den spektakulärsten und gefeiertsten überhaupt gehört und die nicht nur die konservativen Pariser entzückte, sondern die es auch ob ihrer Ästhetik schaffte, ein neues, jüngeres und bis dato Opern eher skeptisch gegenüberstehendes Publikum zu begeistern. 

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Bevor wir mit Pretty Yende ihre persönliche Erfolgs­reise von einer Kleinstadt in Südafrika auf die Bühnen der Welt nachzeichnen, lassen Sie uns kurz beschreiben, was Sie von der Produktion erwarten dürfen. Wer mit der Arbeit des in Basel geborenen und in Australien aufgewachsenen Stone ­vertraut ist, wird Versatzstücke aus anderen Werken erkennen: Auch die Pariser „Traviata“ spielt in der Gegenwart. Es gibt überrealistische Videos, die die Bühne füllen, dazu spektakuläre Bühnenbilder. Einmal werden Online-Szenen einer kurzen, heftigen Beziehung, dann Bilder aus einem Club und eine Bruce-Nauman-artige Neonröhreninstallation mit kopulierenden Figuren gezeigt, dann wieder ein Fast-Food-Imbiss namens „Paristanbul“. 

Violetta als Influencerin

Simon Stone, der seine Regie gerne im Jetzt zaubert, bleibt auch dieses Mal hier: „Ich versuche nie herauszufinden, wie ein Stück einmal war. Ich versuche herauszufinden, was dieses Stück für die heutige Gesellschaft bedeutet. Als Regisseur ist man mehr ein Zuschauer: Man muss sehr viel wissen, und gleichzeitig muss man gar nichts wissen. Es ist immer 90 Prozent Scheitern und nur 10 Prozent der richtige Weg – und ich versuche einfach, immer weniger zu scheitern.“

Stones Violetta ist Influencerin, hat eine eigene Parfum-Linie und Millionen Follower auf ihren Social-Media-Kanälen. Das Handy ist ihr steter Begleiter. Es ist ein Leben im Netz, das sie führt. Selbst von ihrem Arztbesuch postet sie Selfies. Wie berühmt Violetta ist, zeigt jene Szene, in der Pretty Yende vor einer Plakatwand mit der Parfum-Werbung steht (siehe unten). 

Die Influencerin. Pretty Yende als Violetta auf der Bühne in Paris. Sie ist eine Influencerin mit eigenem Parfum.

Foto: Charles Duprat – OnP

Selbst Emojis weinen

Immer wieder sind ihre Postings zu sehen. Die erst witzigen Fotos und Emojis werden später ein­dimensional düster, als der Arzt Violetta die Diagnose Krebs textet. Auch Smileys können Trauer tragen. Simon Stone zeigt mit diesen und vielen anderen Details, was Verdi bereits bei der Uraufführung im März 1853 im Teatro La Fenice in Venedig gezeigt hat: eine brutale Kritik an einer oberflächlichen Gesellschaft, an der Menschen, die nicht dazugehören, zerbrechen.

Liebe? Brutal? Die Liebe ist Trumpf. Liebe ist selbstlos."

Pretty Yende

Pretty Yende hat bereits in Paris die Violetta gegeben und die Stadt mit jedem Ton ihrer Stimme, jeder Geste erobert und verzückt. Während die Opern-Diva für das Foto-Shooting geschminkt wird, ist genug Zeit, über Verdi und seine Intention zu reden. Pretty Yende: „Es ist eine der schönsten Opern von Verdi, die vom ersten Akt bis zum Ende mit ‚Hits‘ gefüllt ist. In der Musik können wir sehen, dass Violetta der Kern der gesamten Partitur ist ihre Krankheit, die Liebe heißt. Wir fragen bei Pretty Yende nach: Wie brutal kann Liebe sein? Die Sängerin schüttelt irritiert den Kopf. Diese Frage will sie nicht verstehen: „Liebe? Brutal? Die Liebe ist Trumpf. Liebe ist selbstlos. Da ist nichts Brutales. Wir Menschen sind es, die Dinge manipulieren und dann sagen, es war im Namen der Liebe.“

Pretty Yende am Teppich. Selbst wenn sie ernst schaut, spürt man das Lachen, das in ihr steckt.

Foto: Albert Bonsfills

Ein TV-Spot veränderte Yendes Leben

Das Shooting beginnt. Plötzlich ist es Nachmittag. Wie schnell die Stunden verfliegen, wenn die gemeinsame Zeit mit positiver Energie erfüllt ist, denke ich mir. Es ist auch ein guter Moment, eine kleine Zeitreise ins Jahr 2001 zu machen. Wir befinden uns in der 50.000-Einwohner-Stadt Piet Retief in der südafrikanischen Provinz Mpumalanga. 

Im 19. Jahrhundert war Piet Retief kurz Hauptstadt der Burenrepublik Vrystaat. Wenn man Südafrika als Karte vor sich liegen hat, dann ist Piet Retief ganz rechts, beinahe an der Grenze zu Swasiland. Im Haus der Familie Yende (Pretty hat zwei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester) läuft der Fernseher. Die Mutter ist Lehrerin an einer Grundschule, der Vater Geschäftsmann. Pretty Yende selber singt im Kirchenchor. Damals hadert sie mit ihrem Namen: „Ich habe zu meiner Mutter gesagt, warum hast du mich Pretty genannt, ich fühle mich nicht so. Aber meine Mutter sah die innere Schönheit, die nur Mütter sehen können. Sie hätte mich auch Beauty nennen können, aber sie nannte mich Pretty.“

Geschichte aus einem modernen Märchen

Im Fernsehen startet der Werbeblock mit einem Spot einer Fluglinie, untermalt ist er musikalisch vom „Blumenduett“ aus Léo Delibes’ Oper „Lakmé“ (bei uns bekannt aus einem Marmeladen-Spot). Es wird der Erweckungsmoment für die unglaubliche Karriere von Pretty Yende. Es ist wie eine Geschichte aus einem modernen Märchen. 

Denn eigentlich hätte Yende Buchhalterin werden sollen. „Ich hatte vor meinem 16. Geburtstag keine Ahnung von Oper, und dann hörte ich dieses Meisterwerk. Ich war völlig erschlagen von der Schönheit dieser Musik, und ich fragte meinen Highschool-Lehrer, was das ist, und er sagte mir: ‚Es nennt sich Oper.‘ Für mich klang diese Musik so übernatürlich, dass ich wissen wollte, ob das überhaupt menschlich ist. Als er mir versicherte, dass es so ist, habe ich ihm gesagt: ‚Wenn die das können, dann will und werde ich das auch können.‘“

In meiner Neugier und Suche nach dem Wesen der Oper fand ich mich selbst. Ich habe gelernt, dass ich eine harte Arbeiterin sein kann, eine Person, die nie aufgibt."

Pretty Yende
Pretty Yende vor der bunten Wand der Wohnung in Barcelona. Zum Abschied schenkt sie uns noch einmal ein Lächeln.

Foto: Albert Bonsfills

Yende studiert in der Folge an der Universität in Kapstadt und an der Accademia Teatro alla Scala in Mailand. 2009 gewinnt sie den Internationalen Belvedere-Gesangswettbewerb in Wien. 2012 singt sie bereits an der Scala und gibt nur ein Jahr später ihr Debüt an der Met in New York. Ein Weltstar war geboren, der zum Idol vieler junger Frauen, vor allem aus Afrika, wurde.

Pretty Yende: „In meiner Neugier und Suche nach dem Wesen der Oper fand ich mich selbst. Ich habe gelernt, dass ich eine harte Arbeiterin sein kann, eine Person, die nie aufgibt, dass ich Sprachen lernen kann und dass ich so stark bin, dass immer, wenn ich falle, etwas in mir sagt: Steh auf und versuche es noch einmal.“

Weitere Infos zu La Traviata

ab Anfang März live in der Oper oder via ORF III

Termine: Die Premiere findet laut aktueller Planung am 4. März statt

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