Plácido Domingo: Über Ritterschlag und Majestätsbeleidigung

Ist Plácido Domingo, der am 21. Jänner 80 Jahre alt wird, der beste Sänger aller Zeiten? Gegenfrage: Wieso ist dieser Superlativ von Belang? Er ist ein Mensch wie nicht alle.

von Redaktion, 21. Januar 2021

Plácido Domingo: Über Ritterschlag und Majestätsbeleidigung
Domingo als Otello, hier 1992 im Convent Garden in London: Mitten im heiklen „Addio alla battaglia“ verstummte der Startenor plötzlich, warf seinen Umhang von sich und stapfte von der Bühne. Foto: Alamy Stock Photos

Du sollst Vater und Mutter ehren. Die Spanier tun es – somit heißt der „Held“ dieses Artikels mit komplettem Namen Plácido Domingo Embil. Und er hat Grund, die Eltern zu ehren, denn den Zarzuelasängern Pepita Embil und Plácido Domingo senior hat er die Kenntnisse, das Gespür und das Herz zu verdanken, die ihn in einer beispiellosen 60-jährigen Karriere auf die Bühnen dieser Welt und in die CD-Regale eines Großteils ihrer Bevölkerung getragen haben.

Legendenstatus längst erreicht

Am 21. Jänner 2021 feiert er seinen achtzigsten Geburtstag, und es kann uns ganz egal sein, ob er vielleicht ein paar Jährchen älter ist – wir feiern gerne mit. Sein Legendenstatus ist gleichauf mit jenem Enrico Carusos und dem des 2007 verstorbenen Sangespartners Luciano Pavarotti. Bei uns hat Domingo den Ritterschlag des Kammersängers längst errungen, Großbritannien machte ihn zum „Knight Commander of the British Empire“, er darf sich dort also „Sir Plácido“ nennen lassen.

Ist er der „beste Sänger aller Zeiten“? Gegenfrage: Wieso ist dieser Superlativ von Belang? Qualität ist nicht Perfektion, sondern schließt jene Schwächen ein, die unverwechselbar machen. Er war beispielsweise nie ein Höhen­ritter. Vom Anfang der 1960er-Jahre in Isra­el stammt diese Anekdote: Der junge Rigo­letto-Herzog Domingo war indisponiert und bat den Kollegen Orlando Montez, ihn bei einigen hohen Noten, die abseits der Bühne beizusteuern ­waren, zu „doubeln“. Montez willigte ein – und schmiss die Stelle. Domingo meinte nach der Aufführung verärgert zu Montez: „Zum Schmeißen brauche ich dich nicht, das kann ich selber!“

Domingo war nie ein Schmeißer, immer ein Kämpfer. Und so haben ihn alle, die ihn lieben, auch das eine oder andere Mal kämpfen gehört: bei der Gralserzählung des Lohengrin, im Finale von Lucia di Lammermoor, in der schier endlosen Titelpartie von Hoffmanns Erzählungen 

Domingo als Dirigent, hier für das Chicago symphony orchestra bei einem Auftritt in Köln. Ist der Publikumsliebling als Dirigent so gut wie als Sänger? Eine unnötige Frage, von einem Daumen-rauf-Daumen-runter-Gesichtspunkt gestellt. Foto: Alamy Stock Photos

Abgang und Achselzucken

Bei einer Otello-Vorstellung an der Wiener Staatsoper habe ich ihn sogar hinschmeißen sehen: Mitten im heiklen „Addio alla battaglia“ des zweiten Akts verstummte der stolze „moro“ plötzlich, warf seinen Umhang von sich und stapfte – ganz Domingo – mit verkniffenen Lippen von der Bühne. Der Orchesterklang schrumpelte in sich zusammen, der Jago Bernd Weikl, der nicht wusste, wie ihm geschah, zuckte mit plötzlich ganz unschuldigem Gesichtsausdruck die Achseln, der Vorhang fiel rasch.

Ich, als der „Beschwichtigungshofrat“ vom Dienst (das ist derjenige, der vor dem Vorhang – meist unangenehme – Nachrichten verkündet), durfte nach einer lähmenden Unterbrechung von mehreren endlosen Minuten dem Publikum die frohe Botschaft überbringen: „Kammersänger Domingo wird die Vorstellung für Sie zu Ende singen.“ Für diese geringe Anstrengung erhielt ich einen von mir niemals wieder erzielten Applausorkan.

Menschliches Fehlverhalten und künstlerische Größe

Ein rares Talent wie das seine diktiert Programme. Staatsoperndirektor Egon Seefehlner wurde einmal gefragt, wie eigentlich ein Staatsopernspielplan entsteht. Seine Antwort, mit gewohnt schnaufender Bedächtigkeit vorgetragen, lautete etwa: „Man fragt, was der Karajan gern dirigieren möcht … dann fragt man den Bernstein, was er gern dirigieren möcht … man fragt den Domingo, was er gern singen möcht, dann fragt man den Pavarotti, was er gern singen möcht …“ Der ungeduldige Journalist unterbricht: „Und was ist, wenn Domingo und Pavarotti dasselbe singen möchten?“ Seefehlner: „Dann is’ schlecht.“

Bohren wir weiter mit vermeintlichen „Majestätsbeleidigungen“: Ist ­Domingo als Dirigent so gut wie als Sänger? Und als Bariton so gut, wie er als Tenor war? Unnötige Fragen, von einem Daumen-­rauf-Daumen-runter-Gesichtspunkt gestellt.

Aber schließlich: Wie sich verhalten zu den bekannten Anschuldigungen, die seit April 2019 gegen Plácido Domingo erhoben wurden? Sie totschweigen? Sie verwässern oder gar die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen in Zweifel ziehen, weil „die Frauen ja ohne­hin bei ihm Schlange standen“? Sicher nicht. Wir klagen nicht an, wir sprechen nicht frei. Aber dass der Domingo gewidmete Wikipedia-Eintrag gleichwertig die Paragraphen „1. Leben, 2. Sexuelle Belästigung, 3. Diskografie“ enthält, tut weh. Bringt es etwas, menschliches Fehlverhalten und künstlerische Größe gegeneinander abzuwiegen?

Divo und Diva als gottgleiche Lieferanten des Schönen

Die verrückte 400-jährige Kunstform Oper hat viele Marotten. Von Anbeginn genügte es ihren ebenfalls verrückten Fans nicht, die Protagonistinnen und Protagonisten als „prima donna“ und „primo uomo“ zu titulieren, nein, „diva“ und „divo“ mussten es sein. Also gottgleiche Lieferanten des reinen Schönen, ohne Fehl und Tadel.

Nun, Plácido Domingo hat meines Wissens nie behauptet, fehlerlos zu sein. „Ein Mensch wie alle …“, tönt es in Wagners Parsifal, dessen Titelrolle er ebenfalls interpretiert hat. Ein Mensch ist Domingo, aber nicht wie alle.

Happy Birthday, Sir Plácido.

Zur Person: Christoph Wagner-Trenkwitz

Alter: 58 Jahre
Wohnort: Wien 
Biografie: Dramaturg, Musik­wissenschaftler, ­Buchautor (und legendärer Opernball-Kommentator). Er ist Intendant der Operette Langenlois und seit 2009 Chefdramaturg an der Volksoper in Wien.

Zur Person: Christoph Wagner-Trenkwitz ist Dramaturg, Musikwissenschafter, Buchautor und legendärer Opernball-Kommentator. Er war Intendant in Haag und ist seit 2009 Chefdramaturg an der Volksoper in Wien. Für die Bühne schreibt es ab sofort monatlich eine Kolumne. Foto: Peter Strobl

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