Ein Blick auf die kommende Saison mit Martin Schläpfer

Der Direktor des Wiener Staatsballetts zeigt Frauen in seinen Choreografien gern unabhängig und frei. Ein Ausblick auf die kommende Saison.

Martin Schläpfer wirkt am Ende des intensiven Probentags zwar erschöpft, aber gleich­zeitig energetisiert. Noch einmal konnten der Direktor des Wiener Staatsballetts und der Ensemblekörper aus 102 Tänzer:innen an Ende einer durchwachsenen Saison zeigen, was sie können. Am 26. Juni gab es im Rahmen von „Tänze Bilder Sinfonien“ sogar noch eine Uraufführung in dieser Spielzeit, in der über viele Monate kein Ballet stattfinden konnte. 

Starke Frauen auf der Bühne

Am Programm stand eines der Lieblings­stücke von Schläpfer, „Symphony in Three Movements“, mit einer Choreografie von George Balanchine zu Musik von Igor Strawinsky. „Es ist großartig körperlich, die Frauen sind kraftvoll, kein Firlefanz.“ Schläpfers Stück zur 15. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, einem Alterswerk des russischen Komponisten, feiert Premiere. „Es ist eine Arbeit, die alles inkludiert, was Schostakowitschs Leben ausmachte. Er war ein Zerrissener. In seiner Musik ist immer präsent, dass er den herrschenden Zustand nicht akzeptierte.“ 

In der Mitte des dreiteiligen Programms steht die erste Arbeit von Alexei Ratmansky in Wien, einem der renommiertesten zeitgenössischen Choreografen, zu Musik von Mussorgski. Schläpfer berichtet: „Es ist ein Stück, in dem die Solist:innen des Wiener Staatsballetts brillieren. Wunderschön choreografiert und schwungvoll.“

„Wie man die Frau zeigt, in ihrer Freiheit und Stärke, das ist auch etwas Politisches“.

Martin Schläpfer

Wie wichtig es für den Staatsballett-­Direktor ist, dass sich weniger er, sondern endlich wieder die Tänzer:innen dem Publikum und der Kritik präsentieren können, wird im Gespräch oft hörbar. „Mich interessiert nicht nur das Material und meine Idee, sondern vor allem auch, was die Tänzerinnen und Tänzer damit machen“, betont er.

In seinen eigenen Choreografien fallen die starken Frauenfiguren auf, in Wien zuletzt in seiner Uraufführung „4“ zur Sinfonie Nr. 4 in G-Dur von Gustav Mahler. „Ich habe nicht gerne diesen Prototyp der romantischen Frau, die leidet, sich umbringt oder sich nach einem Wegschweben sehnt. Auf der Bühne bin ich kein Romantiker. Mich nervt dieses Frauenbild mehr, da ich Frauen anders kenne und erlebe.“ Deshalb setzt er den Spitzenschuh auch nur unter bestimmten Bedingungen ein: „Ich mag ihn, wenn die Frau damit viel zeigen kann oder sich abgrenzen kann.“ Er würde zwar nicht sagen, dass er ein politischer Choreograf sei, aber „wie man die Frau zeigt, in ihrer Freiheit und Stärke, das ist auch etwas Politisches“.

Gelöstheit nach der Premiere von „Mahler, live" bei den Tänzer:innen des Wiener Staatsballetts. Foto: Peter Mayr

Neue Spielzeit wie ein Blumenstrauß

Für die kommende Spielzeit plant Schläpfer einen „riesigen Blumenstrauß“. Einige Highlights dürfen den Leser:innen der BÜHNE exklusiv verraten werden, zum Beispiel die Premiere Mitte November von „Im siebten Himmel“, einem dreiteiligen Programm. Dabei wartet eine Neu­fassung von Schläpfers 2006 kreiertem Ballett „Marsch, Walzer, Polka“. In der Mitte steht eine Uraufführung von Marco Goecke – seit 2019 ist er Direktor des Staatsballetts Hannover – zu Mahlers 5. Symphonie. Im ­Jänner wird erstmals ein Werk der amerikanischen Vertreterin der Postmoderne, Lucinda Childs, auch „Queen of Minimalism“ ­genannt, zu sehen sein. Mit Jerome Robbins’ „­Other Dances“ steht ein Chopin-­Ballett auf dem Programm, das er 1976 für Natalia Maka­rowa und Michail ­Baryschnikow schuf.

„Ein Deutsches Requiem“ zur Eröffnung

In der Volksoper Wien zeigt Martin Schläpfer ab September sein preisgekröntes Tanzstück „Ein Deutsches Requiem“ zur Eröffnung einer Saison, die auch zu Begegnungen mit Uraufführungen von Andrey Kaydanovskiy, Martin Schläpfer und dem Komponisten Christof Dienz sowie einer österreichischen Erstaufführung von Alexei Ratmansky einlädt.

Mit Merce Cunninghams ­„Duets“ in der ­Premiere „Kontrapunkte“ ist erstmals ein Werk des großen Avantgardisten der amerikanischen Moderne zu sehen. Es ist heute längst ein Klassiker – so wie Hans van Manen und Anne ­Teresa De Keersmaeker, die mit „Die große Fuge“ dem Wiener Staatsballett ebenfalls erstmals eines ihrer Werke anvertraut. Neu ist das Format „Plattform Choreographie“, mit welchem Martin Schläpfer Tänzerinnen und Tänzern aus seinem Ensemble die Bühne anvertraut, damit sie ihre eigenen Choreografien dort präsentieren.

Haydns „Die Jahreszeiten“

Im Frühjahr 2022 ist die Uraufführung eines Schläpfer-Werks an der Wiener Staatsoper zu Haydns „Die Jahreszeiten“ geplant. Es ist ein Oratorium über das Eingebundensein des Menschen in den Kreislauf der Natur. Giovanni Antonini übernimmt die musikalische Leitung. „Eine wunderbare Partitur, die mich schon lange begleitet und die ich nun in Wien umsetzen kann“, sagt Schläpfer. Tatsächlich sagte er bereits Anfang der 1990er-Jahre in einem Interview mit der „NZZ“, dass er dazu eine Choreografie kreieren möchte.

Nurejew-Gala

Im Juni 2022 wird die von Manuel Legris 2011 als Saisonabschluss eingeführte Nurejew-Gala fortgesetzt. Neben klassischem und modernem Bühnentanz wird mit David Coria ein Flamencotänzer auf der Bühne stehen. Im Repertoire kommen „Schwanensee“, „Giselle“ und „Onegin“ zurück. Da ist es am Schluss wieder, das energiegeladene Strahlen von Martin Schläpfer, wenn er von seinen Plänen für die kommende Saison ­erzählt: „Ich denke, auch wenn mir das Gefühl ‚stolz‘ fremd ist, diese Spielzeit lässt sich in Europa sehen.“

Zur Person: Martin Schläpfer

Seit dieser Saison ist der 61-jährige Schweizer Direktor des ­Wiener Staatsballetts. Zuvor machte er das Ballett am Rhein zu einem der führenden Ensembles ­Europas. Er schuf mehr als 70 Choreografien.

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