Der Abend beginnt am Morgen: Michael Dangl über die Stimmung vor Auftritten

Renommierter Schauspieler, geschätzter Autor, feinsinniger Rezitator. Michael Dangl, seit 1998 im Ensemble des Theaters in der Josefstadt, über seine Gefühle vor einer Vorstellung.

Die Abendvorstellung ­beginnt am Morgen. Der erste Gedanke hält sie den ganzen langen Tag hindurch, über Proben, Zahnärzte und Zahlscheine hinweg, im unscharfen, beständigen Visier. Die Ruhe am Nachmittag macht den Abend zum Neubeginn. Die Ruhe wird bleiben. Die Stille in der Garderobe. Das gedämpfte Licht. Musik – jedes Stück, jede Rolle hat ihre eigene. Aus der Mithöranlage die von klein auf vertrauten Stimmen sich sammelnden Publikums.

„Wir lauschen hinaus in den weiten Himmel, aus dem wir unsere Sätze holen, unsere Rituale, Gesten und Gebete.“

Michael Dangl, Schauspieler im Theater in der Josefstadt

Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind eine kleine Bergkirche, von der am Winternachmittag, der schon ein früher Abend ist, die Glocken zur Messe läuten. Schlitten im tiefen Schnee, Laternen und Hunde, während wir die langen Gewänder antun und letzte Gegenstände ordnen. Wir lauschen hinaus in den weiten Himmel, aus dem wir unsere Sätze holen, unsere Rituale, Gesten und Gebete. Stille geht von Augen zu Augen, verbunden im Glauben treten wir hinaus zu dienen, zu feiern, Sinn zu stiften und Sinnlichkeit. Wir, am Theater.

Zur Person: Michael Dangl

In der Josefstadt ist Michael Dangl im ­Dezember in Oscar Wildes „Der ideale Mann“ zu sehen, in „The Parisian Woman“ von Beau Willimon sowie in den Uraufführungen „Geheimnis einer Unbekannten“ von ­Christopher Hampton nach Stefan Zweig und „Die Liebe Geld“ von Daniel Glattauer.

Zum Spielplan des Theaters in der Josefstadt