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Michaela Bilgeri und Lucia Miorin in „Maria und die Fledermaus“ im Theater am Werk im Kabelwerk.

Michaela Bilgeri und Lucia Miorin in „Maria und die Fledermaus“ im Theater am Werk im Kabelwerk.
Foto: Moritz Wallmüller

Musikalisches Gedankenspiel: „Maria und die Fledermaus“ im Theater am Werk

Theater am Werk

Wie serviert man eine Süßspeise, die nicht zu süß ist? Wie könnte es aussehen, wenn sich die Tiere über die Menschen stellen? Das sind nur zwei jener Fragen, die Imre Lichtenberger Bozoki bei der Entwicklung des Singspiels „Maria und die Fledermaus“ umgetrieben haben. Die Inszenierung ist noch bis 10. Oktober im Theater am Werk zu sehen.

In der Praxis von Tierärztin Maria scheint ein ganz normaler Tag seinen Lauf zu nehmen: Während Praxishund Zuki (von Zukunft) auf seinen Spaziergang wartet, trippeln und torkeln immer mehr kranke Tiere zur Tür herein. Ihre rätselhaften Leiden lassen sich jedoch nicht einfach mit herkömmlichen Schmerzmitteln eindämmen. Überhaupt scheint sich etwas Unheilvolles über Wien zusammenzubrauen. Als während eines Blackouts auch noch eine äußerst flatterhafte Fledermaus mit Revolutionsgedanken gegen die Fensterscheibe knallt und sich ein gefährliches Virus auszubreiten droht, wirkt es so, als würde die alte Ordnung endgültig in Stücke brechen. Vielleicht hilft in dieser Situation nur noch die Operette, die sich in der Vergangenheit ja bereits mehrfach als probates Mittel zur Verdrängung von Krisensituationen beweisen konnte. Als süßes, nicht verschreibungspflichtiges Gegengift, dessen Wirkung sich immer dann besonders gut entfaltet, wenn sich große Umbrüche abzeichneten.

Ein Gedankenspiel 

In der Praxis sieht die Sache jedoch ein wenig anders aus. Maria schlägt sich zwar auf die Seite der aufständischen Tiere, doch ihr Hund Zuki setzt alles daran, sie diesbezüglich an der kurzen Leine zu halten. „Fledermausfreiheit gibt es nur in der Operette“, heißt es gegen Ende des Stücks, das von Johannes Schrettle und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht wurde. Die erste Idee für „Maria und die Fledermaus“ kam ihm im Zuge der Covid-Pandemie, als über die Fledermaus als Überträgerin von Coronaviren diskutiert wurde, erzählt Lichtenberger Bozoki, den wir nach der zweiten Hauptprobe im Theater am Werk im Kabelwerk treffen. „Das war der erste Nukleus. Von dem aus habe ich mich mit Donna Haraway beschäftigt, aber auch mit Zoonosen und unserem Umgang mit Tieren. Ich glaube total an den philosophischen Ansatz, dass es der Welt nur dann gut gehen kann, wenn es der Natur, den Tieren, den Pflanzen und den Menschen gut geht. Ich halte es für eine grundlegend falsche Idee, sich als Menschheit über die Natur zu stellen. Wozu das führt, sehen wir ja tagtäglich. Wir fahren den Karren gegen die Wand.“

Er erwähnt in diesem Zusammenhang unter anderem Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“, der ebenfalls mit der Frage spielt, was passiert, wenn die Tiere die Kontrolle übernehmen. „Wir sind nicht die ersten, die das machen, aber wir wollten etwas zu dieser Diskussion beitragen. Außerdem geht es uns nicht darum, Antworten zu liefern, sondern um die Möglichkeit, ein Gedankenspiel in Gang zu bringen“, meint Lichtenberger Bozoki.

Martin Hemmer hat einen Teil der Songs komponiert und spielt den Praxishund Zuki.
Foto: Moritz Wallmüller
Martin Hemmer hat einen Teil der Songs komponiert und spielt den Praxishund Zuki.

Wie serviert man eine Süßspeise? 

Bei aller Dystopie gibt es in „Maria und die Fledermaus“ auch utopische Momente. Wie etwa, dass es möglich ist, sich arten- und speziesübergreifend zu verstehen und zu verbünden. Außerdem ist das Singspiel, das seit 25. September im Theater am Werk zu sehen ist, in all seiner Absurdität auch unheimlich komisch. Auf seiner Reise durch die unterschiedlichen Genres des Musiktheaters ist „Maria und die Fledermaus“ seine dritte Station. „Nach Musical (‚HORSES‘) und Oper (‚Warum bricht mein Knie gerade jetzt‘) widme ich mich dem Singspiel bzw. der Operette. Ich bin ein großer Fan
von Genres aller Art. Sie zeugen von verschiedenen musikalischen und ästhetischen Ideen aus verschiedenen Traditionen“, hält der Musiker und Regisseur fest. Daraus zu lernen und sie gleichzeitig in sein eigenes, heutiges Kunstverständnis zu integrieren, sei für ihn eine der wichtigsten Triebfedern seiner Arbeit, fügt er hinzu.

„Es gibt kein Genre, in dem es kein einziges gutes Werk gibt. Wer das behauptet, hat sich einfach nicht genug damit beschäftigt.“ In Wien gäbe es außerdem so viel zu sehen, dass oft ein Untertitel reicht, um Menschen davon abzuhalten, sich etwas anzuschauen, fügt er hinzu. „Bei ‚Horses‘ habe ich die Erfahrung gemacht, dass es Leute gab, die nicht gekommen sind, weil sie gelesen haben, dass es ein Musical ist. Auf der anderen Seite fand ich es unglaublich schön, wenn Zuschauer*innen nach der Vorstellung gesagt haben: Eigentlich mag ich keine Musicals, aber das war super.“

Hier entsteht der großartige Sound von „Maria und die Fledermaus“.
Foto: Moritz Wallmüller
Hier entsteht der großartige Sound von „Maria und die Fledermaus“.

An der Operette bzw. dem Singspiel hätte ihn Folgendes besonders interessiert: Wie serviert man eine Süßspeise, die nicht zu süß ist? „Für mich hat eine gute Operette sehr viel mit Backen zu tun“, sagt Lichtenberger Bozoki lachend und setzt nach: „Ich habe beispielsweise für die Rolle der Maria sehr leichte und beschwingte Lieder geschrieben, die sehr nah am Walzer sind. Gleichzeitig hat Martin Hemmer ganz andere Lieder geschrieben. So gibt es unter anderem eine Figur namens Frau Hofer, die Zwölfton singt. Wenn sie nicht singt, ist sie eine sehr verunsicherte Frau aus der Arbeiterklasse, doch wenn sie Zwölfton singt, hat sie plötzlich Superkräfte. Rocky, die Fledermaus, hat wiederum etwas sehr Musicalhaftes. Wir haben also innerhalb des Genres noch einmal mit Genres gespielt.“

Ähnlich wie bei „Horses“ hätte sich durch die Musikdramaturgie für die einzelnen Figuren dieses bunte musikalische Bouquet ergeben, hält der Musiker und Theatermacher abschließend fest. „Wir sehen all diese Genres als wunderbare Möglichkeiten, um musikalisch aus dem Vollen zu schöpfen. Als Komponisten sind wir von Nirvana oder Def Leppard genauso inspiriert wie von Schönberg, Mozart oder den gregorianischen Chorälen.“

Wer den Drang danach verspürt, kann sich beim Anschauen von „Maria und die Fledermaus“ auch auf Spurensuche begeben und versuchen, Parallelen zur Strauss’schen „Fledermaus“ zu finden. Der ursprüngliche Titel der Operette – „Die Rache einer Fledermaus“ – passt ja schon einmal ganz gut.

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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