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Geboren 1946 in Heerjansdam, absolvierte Simons in Rotterdam und Maastricht Ausbildungen zum Tänzer und zum Schauspieler. 1985 gründete er zusammen mit dem Musiker Paul Koek die Theatergroep Hollandia, mit der sie vor allem Orte in der Provinz bespielten. Er leitete die Münchner Kammerspiele und ist Intendant des Bochumer Schauspielhauses.

Geboren 1946 in Heerjansdam, absolvierte Simons in Rotterdam und Maastricht Ausbildungen zum Tänzer und zum Schauspieler. 1985 gründete er zusammen mit dem Musiker Paul Koek die Theatergroep Hollandia, mit der sie vor allem Orte in der Provinz bespielten. Er leitete die Münchner Kammerspiele und ist Intendant des Bochumer Schauspielhauses.
Foto: Julia Sellmann

Johan Simons: Immer ein offenes Ohr

Burgtheater

In vermeintlich stillen Momenten entstehen bei Johan ­Simons ­Gedankengerüste, deren Einzelteile nur lose ­miteinander ­verschraubt sind. Für seine Arbeit gilt: offen und durchlässig sein. Und dass Stille niemals Stillstand bedeutet.

Ein Interview ist immer ein Versuch. Ein gemeinsames Ausprobieren eines Themas. Ein Ausloten von Gemeinsamkeiten und gegensätzlichen Ansichten. Wenn es etwas auf gar keinen Fall ist, dann eine Wiederholung oder das Abspulen eines zuvor einstudierten Ablaufs. Vielleicht ist das eine Sache, die eine Interviewsituation mit einer Theaterprobe gemeinsam hat.

„Proben bedeutet für mich versuchen“, sagt Johan Simons, den wir nach der zweiten Probe für „Dantons Tod“ im Erzherzogzimmer des Burgtheaters treffen. „Im Niederländischen, im Französischen und auch im Englischen bedeutet es hingegen wiederholen. Ich mag es sehr, dass das im deutschsprachigen Raum anders ist und man das dem Theater auch anmerkt.“

Texte für die Ewigkeit

Vermutlich ist es einfacher aufzuzählen, was der gebürtige Niederländer nicht tut, als eine Liste all jener Dinge zu erstellen, die ihn umtreiben. Der Vollständigkeit halber tun wir es trotzdem – und versuchen es kurz zu machen: Johan Simons, Jahrgang 1946, absolvierte ursprünglich eine Tanzausbildung, ist Theaterregisseur, ehemaliger Intendant der Münchner Kammerspiele und Intendant des Schauspielhauses Bochum, das er im vergangenen Jahr zum Titel „Bestes Theater im deutschsprachigen Raum“ geführt hat. Johan Simons ist auch jemand, der gerne auf den Tisch haut. Nicht im metaphorischen Sinne, sondern tatsächlich. Beim Interview zum Beispiel. Er tut das in Momenten, die ihn emotional bewegen, niemals, um jemanden einzuschüchtern. „Dantons Tod“ und all die Themen, die das Stück aufwirbelt, veranlassen ihn unter anderem dazu.

„Nach erst zwei Proben ist es schwer zu sagen, wo die Reise hingeht, aber ich glaube, dass eine der großen Fragen, die ich mit diesem Stück stellen möchte, lautet: Ist Revolution etwas, wozu wir heute überhaupt noch imstande sind?“ Wenn er sich beispielsweise die Klimakrise ansehe – und all die seiner Meinung nach viel zu geringen Maßnahmen, die im Kampf gegen die Klimaerwärmung eingesetzt werden, zweifle er sehr daran, so Simons.

Vor zehn Jahren hat der Niederländer Georg Büchners Revolutionsstück rund um Danton und Robespierre schon einmal inszeniert. „Wenn man die drei wesentlichen Begriffe des Stücks, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – wobei ich Letztgenannten gerne außen vor lassen würde –, in den Fokus nimmt, dann bedeuten diese Begriffe heute etwas anderes als noch vor zehn Jahren. Überhaupt war Georg Büchner ein Autor, der Texte für die Ewigkeit geschrieben hat. Man kann sie immer wieder aufs Neue interpretieren“, erklärt Simons. Die Legitimation von Gewalt als Notwehr sei ein wesentliches Element des Stücks. Außerdem möchte er die Geschichte diesmal anhand von Clowns erzählen. „Weil sie ein anderes Tempo haben, weil sie anders auf der Bühne stehen und sehr unsicher sein können. Zudem hat Dantons Apathie, die ich eher als Lähmung bezeichnen wurde, auch etwas Lächerliches“, erläutert der Regisseur und hält danach kurz inne.


Mut zum Nichtwissen

Stille auszuhalten ist etwas, was man bei einem Interview mit Johan Simons lernen kann. Der Moment der Stille kann ein Anerkennen des eigenen Nichtwissens sein, gleichzeitig wohnt ihm das Potenzial inne, neue Gedanken entstehen zu lassen. „Bevor ich in die Probe gehe, erinnere ich mich immer daran, offen zu sein. Ich bin mehr und mehr imstande, es zuzulassen, dass neue Gedanken geboren werden. Ich versuche, Momente des Nichtwissens nicht mit viel Sprache und Theorie zuzudecken. Ich bin imstande, Dinge nicht zu wissen. Das ist ein großes Gut und auch der Grund, warum ich noch Regie führe. Weil ich es wertvoll finde, dass ich das nun nutzen kann.“

Für Simons, der dafür bekannt ist, viel Zeit am Tisch zu verbringen, ist die eigene Vorbereitung immer nur Ausgangspunkt – „danach versuche ich, aufzumachen und jede Idee aufzunehmen“. Das lange Lesen sei einerseits eine Möglichkeit, das Stück selbst zu verstehen, sagt er lachend. Andererseits sei er auch ein Regisseur, der zu großen Anteilen über das Gehör arbeitet. „Würde ich gleich am Anfang des Probenprozesses auf die Bühne gehen, hätte ich Angst, dass das Wort nicht in die Körper der Spieler*innen kommt. Obwohl wir am Tisch sitzen und lesen, beginnt das Spielen für mich schon am zweiten oder dritten Tag“, so Simons.

Auch in seiner dritten Arbeit für das Burgtheater wird Nicholas Ofczarek wieder eine der zentralen Rollen übernehmen. „Dass er ein wunderbarer Schauspieler ist, ist hinlänglich bekannt. Er ist aber auch ein sehr warmherziger, offener Mensch. Jemand mit vielen Ängsten, aber die habe ich auch. Wir waren von Anfang an eingeschworene Kameraden, ohne dass wir das ständig aussprechen mussten. Ein Blick hat gereicht.“ Danach: Stille. Und danach: erneut alles auf die Probe stellen.

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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