Lernen, es sein zu lassen

Für Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist Nicholas Ofczarek nach einer kleinen, aber dringend notwendigen Theaterpause ans Burgtheater zurückgekehrt.

Es wäre seltsam, zu behaupten, jemand wie Nicholas Ofczarek, der zu Hochzeiten seiner mehr als 25-jährigen Burgtheaterkarriere sieben Stücke parallel spielte und der in den vergangenen Jahren ständig zwischen Theater und Dreharbeiten hin und her wechselte, hätte tatsächlich Zeit. Für ein ausführliches Interview zum Beispiel, das auch Momente der Stille und des Nachdenkens enthält, wie auch – ohne diese beiden Dinge tatsächlich miteinander vergleichen zu wollen – Ödön von Horváths Theaterstück „Geschichten aus dem Wiener Wald“, in dem er ab Ende November im Burgtheater zu sehen sein wird. Doch was im ersten Moment vielleicht absurd erscheint, muss es gar nicht sein, denn der Ausnahmeschauspieler, der in Gesprächen immer wieder betont, „auch nur ein stinknormaler Mensch zu sein“, nimmt sich diese Zeit ganz einfach. Er sagt: „Lassen Sie sich ruhig Zeit“ und meint es auch so. 

Loslassen

Während er diesen Satz ausspricht und im nächsten Moment von der ewigen Suche nach dem nur schwer zu erreichenden Mittelweg zwischen einem ökonomischen Umgang mit dem eigenen Kräftereservoir und jener absoluten Hingabe, die das Theater erfordert, spricht, beschleicht einen das Gefühl, dass er diesen Satz vielleicht auch schon öfter zu sich selbst gesagt haben könnte. „Wie man ökonomisch arbeitet, seine Ressourcen also nicht komplett ausschöpft, ist immer wieder mein Thema. Andererseits muss man am Theater einfach bar zahlen und, so ungern ich das tue, in Proben auch mal Irrwege gehen, die viel Kraft kosten. Man muss sich trauen zu scheitern, denn man lotet während der Probenarbeit ja verschiedene Richtungen aus und sucht dabei nicht das Endprodukt. Wenn man das tut, ist die Gefahr, dass es eine starre Sache wird, ziemlich groß.“

Loslassen ist dabei ein wichtiges Thema, fügt er hinzu. „Wie auch zu lernen, geduldiger zu sein und gewisse Dinge einfach sein zu lassen.“ Sie also in ihrem momentanen Dasein zu belassen, denn manchmal lösen sie sich ja auch einfach von selbst auf. Ganz ohne dafür das Risiko der eigenen Auflösung einzugehen. 

Für die Zukunft wünscht sich Nicholas Ofczarek, Theater und Dreharbeiten in Balance zu halten. Für den Schauspieler zwei komplett verschiedene Berufe, die aber voneinander profitieren Foto: Andreas Jakwerth

Wie nach einer Schlacht

Das ist jetzt anders als am Beginn seiner Schauspielkarriere. „Ich war wild, bodenlos, aggressiv, mir konnte es niemand recht machen“, sagt er mit jener Klarheit, von der all seine Ausführungen durchdrungen sind. „Aber man wird älter und lernt, auch mit schwierigen Situationen umzugehen und dabei stets respektvoll zu bleiben.“ Trotzdem ist Niki Ofczarek, wie er von den meisten Menschen genannt wird, immer noch ein Schauspieler, zu dessen größten Feindbildern die Routine zählt, der sich in seine Rollen stürzt, alles gibt, viel von sich fordert und mit Sicherheit nicht den bequemsten Weg wählt. Wer wissen möchte, wie das gemeint ist, kann sich – hoffentlich schon bald wieder – Andrea Breths Inszenierung von „Diese Geschichte von Ihnen“ ansehen, in der Ofczarek den vom Leben schwer gezeichneten Kriminalbeamten Johnny Johnson spielt – schwitzend, stolpernd, auf kontrollierte Weise rasend, während der Wahnsinn immer lauter bei ihm anklopft. 

Für Ofczarek, wie er erklärt, eine Produktion, bei der alles gestimmt hat. „Aber auch ein Abend, vor dem ich jedes Mal Angst hatte, denn es geht drei Stunden durch. Da bleibt keine Zeit, um für den Bruchteil einer Sekunde aus der Konzentration zu gehen. Aber das macht es auch so toll.“ Wie man sich nach so einem Abend fühlt? „Wie nach einer Schlacht“, so Ofczarek lachend. Er zitiert in diesem Zusammenhang einen Satz Alfreds aus den „Geschichten aus dem Wiener Wald“: „Ich bin eine geschlagene Armee.“ Genauso fühlt man sich, meint er schmunzelnd. „Man ist komplett erschöpft, gleichzeitig aber hellwach, und es ist ein tolles Gefühl, wenn so ein Abend immer wieder fliegt. Dann ist es auch nicht so anstrengend.“

Proben, die Freiheit bringen

Den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ begegnet Nicholas Ofczarek in seiner Karriere bereits zum zweiten Mal. Allerdings ist es für ihn die erste künstlerische Zusammenarbeit mit Regisseur Johan Simons, der Horváths Sprachkunstwerk auf die Bühne des Burgtheaters bringt. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs standen erst zwei Leseproben auf dem Programm, aus denen Nicholas Ofczarek aber bereits einige Dinge über den Weg, den Simons mit diesem Stück einschlagen möchte, herauslesen konnte.

Johan Simons ist ein Regisseur, der sehr lange am Tisch sitzt, also lange liest. Ich schätze das sehr, weil man dabei noch nicht ausgestellt, sondern immer noch sehr für sich ist, während man den anderen zuhört. Wenn man das länger macht, wird man freier, und das ist aller Wahrscheinlichkeit nach das Allerwichtigste beim Proben.“ Diese Herangehensweise kommt, so der Schauspieler, den Figuren des Stücks sehr entgegen, weil jede von ihnen „eine irrsinnige Biografie im Hintergrund hat“, die sich auf diese Weise gut erforschen lässt. „Außerdem glaube ich, dass es sehr über den brillanten Text und seine hochmusikalische Sprache laufen wird, was ich sehr gut finde.“ 

Nach einer Theaterpause, in der Nicholas Ofczarek viel gedreht hat und die, wie er erklärt, einfach notwendig war, um nach so einer langen Zeit an einem Haus wieder „ein bisschen Luft durchziehen zu lassen“, ist es auch speziell dieses Stück, zu dem der Schauspieler zurückkehrt. „Ich habe ein bisschen eine Rechnung offen mit diesem Stück“, erläutert er lachend. „Aus verschiedenen Gründen war das damals, 2009, eine schwierige Produktion, die wir nicht wirklich stemmen konnten. Es hat ungefähr 25 Vorstellungen gebraucht, bis wir sie uns erspielt haben. Es ist aber auch einfach ein schweres Stück, bei dem man leicht falsch abbiegen kann.“ 

Seit der Spielzeit 1994/95 ­gehört Nicholas Ofczarek zum Ensemble des Burgtheaters. Begonnen hat er in der Intendanz Claus Peymanns. Foto: Andreas Jakwerth

Balance zwischen Theater und Film

In Zukunft möchte der Schauspieler mit der markanten Stimme Theater und Film in Balance halten. „Irgendjemand hat einmal gesagt, dass das Theater etwas für junge Menschen sei. Mit der Zeit wird es anstrengend“, sagt er und beugt sich dabei lachend nach vorn. So richtig glauben möchte man ihm das ja nicht, obwohl er mit jedem seiner Sätze ein Gefühl der Nahbarkeit vermittelt – vor allem dann, wenn er manchmal laut und polternd, dann wieder lachend ins Wienerische abrutscht.

„Im Theater geht es um Versendung, im Film um Verinnerlichung.“

Nicholas Ofczarek

„Theater und Film sind einfach zwei komplett verschiedene Berufsfelder, auch wenn sich viele das nicht vorstellen können. Der Unterschied ist, dass es im Theater um Versendung und beim Film um Verinnerlichung geht“, sagt er und fügt daran anknüpfend hinzu: „Aber sie profitieren voneinander. Im Film geht es darum, einfach zu sein, nicht auffallen zu wollen, sich hin und wieder für eine Szene in seiner Eitelkeit zurückzunehmen. Das ist manchmal auch für das Theater ganz gut.“

Von dieser Eitelkeit haben wir während unseres Treffens mit dem Kammerschauspieler Nicholas Ofczarek – so steht es auf seiner Garderobentür – nicht wirklich etwas bemerkt. Schon gar nicht, als ihn sein erster Weg in den großen Burgtheatersaal führte, um die neue Bestuhlung zu testen. Zu spüren war nur die Hingabe für seinen Beruf, den er im Gegensatz zu einigen anderen Kollegen manchmal auch einfach Job nennt. Der aber definitiv mehr ist als das. Betonen muss er das allerdings nicht, denn das merkt man unter anderem auch daran, dass er sich die Zeit nimmt, mit Leidenschaft, Tiefgang und einer ordentlichen Portion Schmäh darüber zu reden. 

Zur Person: Nicholas Ofczarek

Der 1971 in Wien geborene Sohn einer Opernsängerin und eines Opernsängers wurde während der Intendanz von Claus Peymann Mitglied des Burgtheater-Ensembles. 2005 wurde ihm der Nestroy-Theaterpreis verliehen, von 2010 bis 2012 spielte er in Salzburg den Jedermann. Gerade hat er die zweite Staffel von „Der Pass“ abgedreht, eine dritte ist in Planung. 

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