Ganz schön bunt
Homogen ist langweilig. Divers macht Spaß. Das gilt nicht nur für Renate Welshs Klassiker „Alle Kinder nach Kinderstadt“, mit dem das TdJ in die neue Direktion startet, sondern auch für das Theater selbst.
Fußballfans, Tennischampions, Radauvögel, Ruhesuchende, Best Ager, Kinder. Weil die kollidierenden Neigungen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und daraus resultierende Konflikte an den Nerven des Stadtrats zerren, beschließt er kurzerhand, jeder Interessengruppe eine eigene Stadt zuzuweisen. Fein säuberlich voneinander getrennt sollen die Menschen hinkünftig unter Kuppeln leben. „Das Plastik ist hochmodern, wärmespeichernd und sonnendurchlässig, kann glänzen wie ein Regenbogen und ist sonst unsichtbar. Drinnen hat es immer eine angenehme Temperatur, es riecht nie, ist faktisch selbstreinigend. Es ist ein hochintelligentes Material, das sich völlig auf die Bedürfnisse seiner Benutzer*innen einstellt“, erklärt der Opa seiner Enkelin Eva. Auch die beiden – nicht nur verwandt, sondern auch eng befreundet – müssen fortan getrennt voneinander leben. Ein Umstand, den Eva von Anfang an nicht akzeptiert.
Das Dasein in der Kinderstadt entpuppt sich rasch als eintönig. Alle Spielzeuge funktionieren vollautomatisch – und spätestens, als sich Manfred eigenmächtig an die Spitze der Hierarchie setzt und zum König krönt, reicht es Eva. Sie lässt nichts unversucht, um aus der Kinder- zu ihrem Opa in die Altenstadt zu gelangen. Und auch die Bewohner*innen aller anderen Städte haben wenig Freude mit der neuen Eintönigkeit.
So werden bald schon von allen Seiten unterirdische Tunnel gegraben, um wieder Kontakt mit Angehörigen divergenter Gruppen knüpfen zu können. Ein gesellschaftspolitisch kluger und sehr humorvoller Stoff für junge Leser*innen. Renate Welsh schrieb „Alle Kinder nach Kinderstadt“ 1974 und bewies mit der Thematik nahezu hellseherische Fähigkeiten. Denn wer hätte vor Jahrzehnten schon erahnen können, dass sich die Welt tatsächlich einmal in von Algorithmen bestimmte Bubbles aufteilen würde.
Das Theater der Jugend startet mit der von Regisseur Simon Windisch vorgenommenen Dramatisierung des Buchs – für Kinder ab sechs Jahren – in die neue Saison und setzt zugleich den Auftakt für die neue Intendanz. Aslı Kışlal, Künstlerische Direktorin, und Bérénice Hebenstreit, Programmatische Leiterin, werden ab sofort federführend die Geschicke des Hauses bestimmen und einen gleichberechtigten teamorientierten Führungsstil prägen.
Die Sandkiste produziert selbstständig Sandburgen und das Karussell dreht sich ewig. Es ist ein trister Ort.
Rosa Wallbrecher
Rosa Wallbrecher
SINNENTLEERTES TUN
„In einer Zeit, in der wir uns tatsächlich in Meinungsblasen abkapseln, haben wir es hier mit einer vor 52 Jahren geschriebenen Parabel zu tun, die diese Entwicklung vorwegnimmt“, erklärt Simon Windisch sein Interesse am Stoff. Er habe es auch spannend gefunden, mit einer Art von Retro-Futurismus arbeiten zu können, in welchem sich die Zukunftsvisionen der 1970er- Jahre in vollautomatisch funktionierenden Plastikkuppeln manifestierten.
gründete mit neun Jahren inBerlin die Band Lane of Lion, war im Friedrichstadt- Palast-Jugendensemble , studierte Schauspiel an der Linzer Anton Bruckner Privatuniversität und spielte in dieser Zeit am Landestheater Linz. Seit heuer lebt sie in Wien.
„Man muss keiner Tagesaktualität hinterherhecheln, das Thema selbst ist sehr am Puls der Zeit. Kann Diskurs stattfinden oder ist er nur noch eine Form von Selbstbestätigung? Sind Debatten überhaupt möglich oder enden sie buchstäblich im Krieg? Wie weit sind wir noch zu Diskussionen bereit, wenn wir immer stärker darin bestätigt werden, in der eigenen Blase zu bleiben? Die simple Idee der Geschichte von Renate Welsh ist: Was passiert, wenn wir eine strikte Trennung ausprobieren?“ Die Bewohner*innen der Kinderstadt langweilen sich innerhalb kürzester Zeit und können mit den anfänglichen Verlockungen – keine nervigen Eltern und ganztägige Spielmöglichkeiten – zunehmend weniger anfangen. „Weil ihnen jeglicher Konflikt und der nötige Austausch fehlen“, konstatiert Simon Windisch.
„Wenn man ein Kunststück vorführen will, braucht man ein Publikum, und auch zum Spielen benötigt es ein Gegenüber.“ Zumal die Unterhaltung in der Kinderstadt im Komplettpaket offeriert wird und selbst Sandburgen maschinell hergestellt werden. „Plötzlich sind alle losgelöst voneinander und versuchen, den Alltag von innen heraus interessanter zu gestalten. Schnell bilden sich Hierarchien heraus – und mit Manfred wird eines der Kinder zum König gewählt.“ Langeweile führe zum Faschismus, meint Simon Windisch scherzhaft. Die Sinnentleerung bestünde zudem darin, dass eben niemand ein „Nur“ sei, sondern alle ein „Auch“. Jemand, der alt sei, könne zugleich Tennisspieler sein, gern kochen und auf Heavy-Metal-Konzerte gehen.
Eva, die zentrale Protagonistin des Stücks, begreift den Irrsinn von Anfang an und richtet ihre ganze Energie darauf aus, das System zu sprengen. Was ihr auch gelingt. Doch nicht nur die Kinder graben Tunnel in die Freiheit, auch alle anderen Separierten tun dies zeitgleich und unabgesprochen. Zwar versucht der Stadtrat, die Situation zu retten, indem er noch mehr Unterkategorien einführt, was zu immer kleineren Kuppeln führt, doch es ist zu spät. Die Utopie scheitert, weil das reale Leben mit all seinen Unabwägbarkeiten alternativlos bleibt.
schloss im Juli 2026 das Schauspielstudium an der MUK ab, spielte unter anderem in „Funken“ und „Der Junge mit dem längsten Schatten“ am TdJ, „Lecken 3000“ im Vestibül/Burgtheater sowie „Piksi-Buch“ am Theater im Werk und war in der TV-Serie „Sexplanation“ zu sehen.
WELTEN BAUEN
Wie schaut der erwähnte Retro-Futurismus denn nun konkret aus? „Wir haben das Stück in dreieinhalb Sequenzen gegliedert“, so Bühnenbildnerin Rosa Wallbrecher. „Anfänglich befinden wir uns noch in der ungeteilten Stadt, die bunt und chaotisch ist, in der ständig Bewegung herrscht. Im zweiten Bild, das geprägt ist von einem weiten starren Horizont, sind wir hauptsächlich in der Kinderstadt, wo alles voll-automatisch abläuft. Die Sandkiste produziert selbstständig Sandburgen und das Karussell dreht sich ewig, es ist ein trister Ort. Dann gibt es die kurze Sequenz, wo die Kinder Röhren graben – und am Ende sind wir in einer reinen Plastikkuppelwelt, wo alle Gegenstände und Körperteile quasi einzeln verpackt sind.“ Rosa Wallbrecher und Simon Windisch arbeiten nicht zum ersten Mal miteinander. „Uns ist wichtig, dass auch die Zuschauer*innen Teil der Geschichte sind“, ergänzt der Regisseur. So werde das Publikum zum Beispiel schon am Eingang unterschiedlichen Städten zugeteilt. „Wir wollen prinzipiell ein gemeinschaftliches Gefühl schaffen, das den ganzen Raum einnimmt. Das ist wichtig, weil es einem das Theatererlebnis näherbringt.“
Essenziell für den Livecharakter wird auch die Musik von Aras Levni Seyhan sein, der seinem Job in einer mobilen Kuppelbox auf der Bühne nachgehen und somit auch Teil des Ensembles sein wird. „Das Klangmaterial ist sehr unterschiedlich“, erklärt der auch als Produzent und Mixing Engineer tätige Musiker, der mit seiner Band Ferro Taylor 2027 wieder durch Europa touren möchte. „Ich arbeite mit einem Electronic-Set, das aber auch viele akustische Samples enthalten wird. Ich bin sozusagen der postmoderne DJ in einer vollautomatischen Welt.“ An einer Stelle des Stücks heißt es, aus der „Altenstadt“ dringe immer wieder „alte“ Musik. Was darf man denn darunter verstehen? „Alles, was Kinder furchtbar finden. Eine für Kids abstoßende Gesangsmelodie“, erklärt der Komponist amüsiert. Also Helene Fischer?
„Nein, eher Bob Dylan. Gitarrenlastige Rockmusik mit hymnischem Charakter.“ Das kann ja heiter werden. Er denke jedenfalls während des Entstehungsmodus nicht an ein Zielpublikum sechsjähriger Kinder, sondern gehe so frei und abstrakt an den kreativen Prozess heran wie immer. Ästhetische Verbote, pflichten ihm auch Simon Windisch und Rosa Wallbrecher bei, brächten ohnehin nichts als Nachteile.
macht seit ihrem 16. Lebensjahr Musik und veröffentlichte unter anderem Alben mit Christian Eigner und Silicone Pumpgun. Sie kam über das diverCITYLAB zum Schauspiel und ist in der freien Szene aktiv. 2024 verkörperte sie im TV-Krimi „Wiener Blut“ die Kommissarin Eva Maurer.
Was haben die drei denn als Kinder gerngelesen? Aras Levni Seyhan lacht. „Ich habe die Frage erwartet und fürchte, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann.“ Rosa Wallbrecher ist mit Erich Kästner und Christine Nöstlinger aufgewachsen. „Ich habe Kästners ,Der kleine Mann‘ geliebt, weil ich diese Zirkuswelt sehr toll fand. Bei Nöstlinger waren es die ,Geschichten vom Franz‘ und ,Man nennt mich Ameisenbär‘. Darin geht es um ein Mädchen, das sich hässlich fühlt und deshalb von einem Autounfall mit anschließender Gesichtsoperation träumt. Eigentlich eine heftige Geschichte für Kinder.“ Simon Windisch kennt die Kinderbuchklassiker natürlich ebenfalls. „Aber irgendwann habe ich begonnen, Science-Fiction zu lesen. Hauptsächlich ,Perry Rhodan‘. Mich hat das Fachsprachliche daran interessiert und es fasziniert mich heute, wahrscheinlich 1.000 Groschenromane später, noch immer, obwohl ich, wenn ich jetzt da rein lese, nichts mehr verstehe.“
AUF DER BÜHNE
Lara-Luna Wojtkowiak wird in „Alle Kinder nach Kinderstadt“ als Eva zu erleben sein. „Sie ist eine Geschichtenerzählerin, hat eine große Fantasie und gleichzeitig einen sehr wachen Blick für die Realität. Am Stück interessiert mich, wie das ganz persönliche Bedürfnis, mit dem eigenen Opa zusammen zu sein, zu gesellschaftlichem Aktivismus führt. Der Mensch besteht ja nicht nur aus seinem Alter, seinem Beruf oder seinem Hobby. Selbst, wenn ich mir eine Stadt aussuchen könnte, würde ich mich, egal, für welche ich mich entscheide, auf ein Label reduziert und weder vollkommen noch gesehen fühlen. Ich brauche auch meine Freund*innen aus diversen Bubbles, weil dieses Zusammenkommen den Kern meiner Identität bildet.“ Die gebürtige Berlinerin ist auch als Drummerin aktiv und gründete bereits mit neun Jahren die Band Lane of Lion, mit der sie schon mehrere Alben aufnahm. Auch Tanzen zählt zu ihren künstlerischen Aktivitäten. Zudem war sie sechs Jahre lang im Jugendensemble des Friedrichstadt-Palasts. Heuer beendete Lara-Luna Wojtkowiak ihr Schauspielstudium an der Anton Bruckner Privatuniversität und lebt seit Kurzem in Wien.
Ich bin sozusagen der postmoderne DJ in einer vollautomatischen Welt.
Aras Levni Seyhan
Aras Levni Seyhan
Es böte sich an, mit ihrer neuen Kollegin Barča Baxant gemeinsam musikalische Sache zu machen, denn auch sie wurde anfänglich als Sängerin diverser Bands und mit eigenen Pop-Projekten bekannt. Sie spielt im Stück Evas sechsten Sinn sowie Ulli, eine Bewohnerin der Kinderstadt. Zum Theater kam sie erst vor zehn Jahren.
„Damals habe ich von einem Schauspiel-Workshop gelesen, den Aslı Kışlal veranstaltet hat und der vor allem für migrantische Menschen gedacht war. Das diverCITYLAB. Ich wurde genommen und habe eine wirklich fundierte Ausbildung bekommen. Danach bin ich in die nächste Klasse aufgestiegen und schließlich Schauspielerin geworden.“ Nach der Geburt ihres Sohns vor sechs Jahren war sie vor allem in der freien Szene aktiv – das jetzige Engagement am Theater der Jugend ist ihr Debüt in einem Ensemble.
Auch Una Nowak hat die Schauspielausbildung an der MUK erst heuer abgeschlossen. Doch schon während des Studiums war Una in sechs Produktionen zu sehen: Auf „WO-MAN”“ im Dschungel, „Juices“ am Schauspielhaus, „Funken“ und „Der Junge mit dem längsten Schatten“ am Theater der Jugend folgte heuer im März Barbi Markovićs „Piksi-Buch“ im Theater am Werk. Seit 2025 spielt Una auch in „Lecken 3000“ am Burgtheater und erhielt für diese Rolle eine Nennung in der Kritiker*innenumfrage von „Theater heute“ – Kategorie „Nachwuchsschauspieler*innen des Jahres 2026“.
Ich habe das Glück, dass ich mich immer sehr identifizieren konnte mit meinen Rollen und keinen harten Cut zwischen Uni und Berufseinstieg hatte.
Una Nowak
Una Nowak
„Ich habe das Glück, dass ich mich immer sehr identifizieren konnte mit meinen Rollen und keinen harten Cut zwischen Uni und Berufseinstieg hatte. Es ist außerdem schön, dass viele Regisseur*innen nicht mehr in Genderkategorien denken und mich auch als Mann oder nicht binäre Person, die ich im realen Leben bin, besetzen.“ In „Alle Kinder nach Kinderstadt“ verkörpert Una vor allem Manfred, den selbst ernannten König. „Eine entrückte, exaltierte Figur, die am Ende das Richtige tut und mich meine Spielfreude voll ausleben lässt.“