Tamim Fattal will alles sein

Vor sechs Jahren ein syrischer Flüchtling, heute ein gefeierter Schauspieler. Die Geschichte von Tamim Fattal ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit. Sein Weg auf die Bühne war vorgezeichnet. Von ihm selbst.

Was ist denn das für ein Glitzern? Immer wieder leuchtet es an Stellen der Iris, an denen man noch nie ein Leuchten wahrgenommen hat. Der subtile Glanz geht von Tamim Fattals Augen aus. Es ist das Erste, was man registriert, wenn man dem 24-Jährigen gegenübersteht. Und dass er sich fein gemacht hat für den Fotografen. Er trägt eine knöchellange High-Waist-Hose zum Oversized-­Jackett, dazu ein weißes Hemd und schwarze, sorgfältig polierte Schuhe. Das Outfit ist weniger seiner Eitelkeit geschuldet als vielmehr seiner Professionalität, denn dem Zufall hat er in seinem jungen Dasein noch wenig überlassen. Seine Geschichte ist eine der Selbstermächtigung. Jedoch fernab des Egoismus, den moderne Lifestyle-Coaches gerne predigen. Mehr das pralle Leben.

Und das begann 1997 in Syrien. Der Name, den ihm seine Eltern gaben, bedeutet „vollkommen“. Fühlt er sich auch so? „Als perfekt kann ich mich wirklich nicht bezeichnen“, amüsiert sich Tamim Fattal über die Einstiegsfrage, „aber Tamim benennt auch jemanden, der etwas beginnt und es dann bis zum Ende durchzieht. Und das bin ich. Ich mache alles zu hundert Prozent oder gar nicht. Tamim steht für eine starke Persönlichkeit, damit kann ich mich identifizieren.“

Echt, authentisch, verwundbar

Ist das bereits im Vornamen festgelegte Selbstbewusstsein zwingend, um auf eine Bühne zu wollen? „Nein, man muss nicht selbstbewusst sein. Man muss echt sein, authentisch, verwundbar. Du musst bereit sein, viel zu geben, du musst Lust haben, in eine Rolle einzutauchen. Ich glaube, ich bin Schauspieler geworden, weil ich gerne ein anderer sein wollte. Das darf man nicht falsch verstehen. Ich liebe, wer ich bin, und bin stolz auf Tamim. Aber ich möchte auch viele andere sein: der Kellner, den niemand wahrnimmt, der Straßenkehrer, den keiner sieht, Menschen, die ganz anders sind als ich. Das liebe ich am Schauspiel.“ 

Diese „multiple Persönlichkeit“ hatte er schon als Kind. Einmal wollte er Astro­naut werden, am nächsten Tag Anwalt. „Und wenn im Fernsehen ‚Tarzan‘ lief, dann war ich eine Stunde später Tarzan. Ich bin Schauspieler, weil mir ein Beruf allein zu wenig wäre.“ 

Tamim Fattal im Zuschauerraum des Theaters in der Josefstadt. Foto: Andreas Jakwerth

Plötzlich eine Zukunft 

Tamim Fattal hat bis heute keine Schauspielschule besucht. Sein Können entspringt seinem großen Talent sowie der Fähigkeit, genau zu beobachten und auf­zu­nehmen. 

„Ich habe als Kind durch Hollywood­filme Englisch gelernt und mir zugleich eingeprägt, wie zum Beispiel Leonardo DiCaprio agiert. Warum schaut er so? Wie redet er? Weshalb benutzt er diese Gesten? So habe ich gelernt. Wenn in Aleppo die Elektrizität ausfiel, bin ich auf dem Dach unseres Hauses gesessen, habe in die Sterne geschaut, mich weggeträumt aus dem Krieg und mir gedacht, eines Tages will ich auch ein Stern sein – und zwar in Form eines Schauspielers.

Es ging nicht darum, berühmt zu werden, sondern der zu sein, der ich sein wollte.“ In seiner Jugend lebte er zwei Jahre im Libanon, arbeitete als Kellner, Verkäufer, Näher. Schloss die Schule ab – und sollte dann zum Militär. „Aber ich wollte niemanden töten, ich wollte keine Waffe in der Hand haben. Ich hatte Angst, dass ich dann mein Herz verlieren würde, keine Emotionen mehr zeigen könnte. Ich wollte offen bleiben, ich bin Künstler“, wird Tamim Fattal eindringlich emotional. 

„Ich wusste, jetzt kann ich der sein, der ich sein will, machen, was ich immer wollte.“

Tamim Fattal

„Ich war frei“

Er beschloss zu fliehen und kam mit 18 Jahren nach Wien – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. „Aber ich war frei. Ich wusste, jetzt kann ich der sein, der ich sein will, machen, was ich immer wollte.“ Also marschierte er ins Theater an der Wien und beschied der verdutzten Regisseurin Catherine Leiter, die gerade „Capriccioso“ probte, dass er mitspielen wolle. Sie bat ihn zu improvisieren, er bekam die Rolle. „Deutsch habe ich vor allem durchs Reden gelernt. Ich habe Kurzfilme gedreht, Tanz- und Schauspielworkshops besucht, ich habe Leute kennengelernt und wollte alles richtig machen. Plötzlich hatte ich eine Zukunft, ich konnte mir etwas aufbauen. Ich spiele praktisch immer. Wenn ich nicht gerade probe, auf der Bühne oder vor der Kamera stehe, dann improvisiere ich oft stundenlang.“

Er gilt als Beispiel gelungener Integration, will aber kein RoleModel sein. „Würden wir alle einander zuerst als Menschen sehen, wäre die Welt eine ­andere. Wir – und ich sage bewusst wir, weil ich das Gefühl habe, hier herzugehören – sollten glücklich sein, in einem freien Land zu leben.“ Foto: Andreas Jakwerth

Einfach tun

Das leidenschaftliche Engagement zahlt sich aus. Auch beim Vorsprechen für Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ bat ihn Direktor Herbert Föttinger, zu improvisieren. „Ich wusste gar nicht, dass er der Intendant des Theaters ist. Aber ich wollte die Rolle. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn stolz machen würde“, muss er heute selber über seine Chuzpe lachen. Und weil Föttinger in den Proben gerne ins Wienerische verfiel, habe er sich eine Wienerlied-CD gekauft, um möglichst viel zu verstehen. Einfach tun, das ist bis heute sein Credo. 

Aktuell ist Tamim Fattal als Jimmy in „Die Dreigroschenoper“ zu sehen. Im November feiert er mit Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ Premiere. Darin spielt er einen Juden, der vor den Nazis zu fliehen versucht, aber letztlich gefangen genommen und ermordet wird. „Ich freue mich auf diese Rolle, denn ich weiß, wie es ist, weglaufen zu müssen.“ 

Auch, wenn seine Geschichte viel ­besser ausgegangen ist. Zum Glück. Und da ist es wieder, dieses Glitzern.

Das Unsägliche zeigen. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs feiert die NS-Elite im burgenländischen Rechnitz ein rauschendes Fest. Im Zuge dieser Nacht werden 180 jüdische Zwangsarbeiter erschossen. Tamim Fattal spielt eines der Opfer. Foto: Philine Hofmann

Zur Person: Tamim Fattal

Geboren und aufgewachsen in Aleppo, kam er im
Dezember 2015 als Flüchtling nach Wien. Sein Debüt am Theater in der Josefstadt gab er 2018 neben Erwin  Steinhauer und Ulli Maier in „Fremdenzimmer“. Aktuell kann man ihn in „Die Dreigroschenoper“, demnächst auch in „Rechnitz“ (ab 6. 11. 2021) und „Was ihr wollt“ (ab 29. 1. 2022) erleben. 

Zum Spielplan des Theaters in der Josefstadt