Claudius von Stolzmann: Mit Akribie und kreativer Naivität

Claudius von Stolzmann wechselt spielerisch zwischen Drama, Bert Brecht und Clownerei. In diesem Herbst spielt er im Theater in der Josefstadt den Mackie Messer in der Dreigroschenoper.

Ein guter Clown geht mit offenen Augen, einer entfesselnden Naivität und einer unbändigen Neugierde durch das Leben. Dabei agiert er furchtlos. Angst vor möglichem Scheitern oder einer Blamage hemmt ihn nicht. Zwangsläufig führt dieses Stolpern durch die Welt zum Unterhaltungsmoment für all jene, die ihm dabei zusehen. Der Reiz eines Clowns besteht jedoch für die Zusehenden nicht nur darin, über seine Missgeschicke zu lachen. Vielmehr ist da die Faszination jemanden dabei zu beobachten, wie er mit einem hohen Maß an Freiheit agiert. Claudius von Stolzmann profitiere, so erzählt er, jeden Tag bei der Probenarbeit im Theater in der Josefstadt davon, dass er erlernt hat, was es ausmacht ein guter Clown zu sein. Das nutzt ihm auch bei seiner aktuellen Rolle als Mackie Messer in Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ in den Kammerspielen des Josefstadttheaters.

Die Neugierde erhalten

„Das Erste und Wichtigste ist, die Welt wieder wie ein Kind zu sehen. Alles so zu betrachten, als hätte man es noch nie gesehen“, erzählt Stolzmann beim Interview auf der Probebühne über das sogenannte „Clowning“. Denn er hat nicht nur jeweils vier Jahre an der Tisch School der New York University und an der  Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin studiert, sondern eben auch das Clowning erlernt. „Wenn du zunächst mit so einer Art von Naivität an Rollen gehst, so wie ein Clown quasi mit offenen Augen in die Welt geht, ist das ein Zugang, den man jeden Tag in die Schauspielerei mitnehmen könnte und sollte.“

Gesagt getan, Stolzmann greift in die Tasten eines schwarzen Pianinos. Er stimmt die Takte zu einem Klavierstück an, mit dem er einen Kollegen beim Singen begleiten wird. Ein paar Griffe landen daneben, beim zweiten Durchgang passt schon fast jede Note. Das sei für ihn auch das Schöne am Theater, dass man mit Sachen konfrontiert wird, von denen man denkt, man schaffe sie eigentlich nicht. Aber am Ende findet sich alles.

Neues lernen

Dem ersten Herantasten folgt bei von Stolzmann jedoch eine akribische Vorbereitung. „Ich bin der Erste, der sich meldet, wenn es etwas zum Lernen gibt“, sagt er. Das gilt auch für eine weitere Rolle, die er in der aktuellen Saison in den Kammerspielen der Josefstadt spielt: Jene des Straßenbanditen Macheath, genannt Mackie Messer, in der Dreigroschenoper. „Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich das machen möchte. Es ist eine ganz tolle Herausforderung. Ich bin schon etwas nervös geworden aufgrund des vielen Singens“, sagt Stolzmann, der zuvor keine klassische Gesangsausbildung absolviert hat.

In den USA werde viel mehr Wert darauf gelegt, dass Schauspieler:innen auch singen können, sagt er: „Wenn man da in der Klasse neben Leuten sitzt, die die wahnsinnigsten Sachen aus Musicals, Filmen und auch klassischem Repertoire einfach so mit 23 Jahren wegstemmen können, ist das schon ernüchternd. Deswegen habe ich mich auch in diesem Jahr intensiv mit Gesangstraining auf die Rolle vorbereitet.“ Und wie stark ist die Ohrwurmgefahr, wenn man den ganzen Tag mit den Melodien der Dreigroschenoper konfrontiert ist? „Sehr groß, ich habe sie noch immer den ganzen Tag im Kopf“, sagt der Schauspieler und lacht.

Streben nach oben und tiefer Fall

Wie würde er jemandem Mackie Messer beschreiben, der ihn nicht kennt? „Er ist ein aufstrebender Mensch, der in der Londoner Unterwelt zu Hause ist und sich dort nach oben gearbeitet hat, als wäre es ein Beruf. Er wird von vielen Menschen geliebt und verehrt. Er ist charmant, eloquent, anziehend. Und er möchte weiter nach oben, sich weiterentwickeln, woanders hin und ist dabei sehr ehrgeizig. Innerhalb dieses Gefüges kommt er zu Fall.“

Zuletzt hat von Stolzmann auch in der Verwechslungskomödie „Monsieur Pierre geht online“ an der Seite von Wolfgang Hübsch in den Wiener Kammerspielen überzeugt. Aber auch abseits der Josefstadt reizt ihn das Ungewöhnliche. In Wiener Neustadt hat er gerade einen amerikanischen Horror-Splatter-Western abgedreht. Schauplatz ist eine abgehalfterte Westernstadt, die früher ein Ausflugsziel am Wochenende war, mit Showstunts, Zuckerwatte und Burgern. Im Herbst kommt „A Town called Purgatory“ heraus. „Es ist sehr blutig“, beschreibt von Stolzmann schelmisch.

Zur Person: Claudius von Stolzmann

Der 40-Jährige hat an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt am Main, an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Berlin und an der New York University Tisch School of the Arts – MFA Acting studiert Bei Angela DeCastro hat er Clowning gelernt. Er wirkte bereits in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit. 2009 wurde er für „Die Reifeprüfung“ und 2010 für „Das Konzert“ als bester Nachwuchsschauspieler für den Nestroypreis nominiert.

Aktuelle Termine im Theater in der Josefstadt