Kay Voges holt Becketts „Endspiel“ nach Wien

Laurel und Hardy? Anfang oder Ende? Uwe Schmieder und Frank Genser ­wurden in Dortmund von Kritik und ­Publikum für ihr „Endspiel“ gefeiert. Nun sind sie gespannt, wie das Wiener Publikum auf die Inszenierung reagiert.

Wien hat seine ganz eigene Willkommenskultur, die auf gut erzogene Deutsche mitunter ­verstörend wirken kann. Und weil Frank Genser Letzteres ist – also Deutscher –, stellte er sich höflich beim Einzug bei seiner Nachbarin vor: „Guten Tag, ich bin der Neue.“ Die Frau aus dem Mezzanin blickte ihn nur kurz an und hielt im Weitergehen trocken fest: „Na, schau ma mal.“ Mittlerweile glaubt Genser, das Herz der grantelnden Wienerin erobert zu haben, und in diesem Glauben lassen wir ihn dann auch und verraten ihm nicht, dass der Wiener ein Meister des hinterfotzigen Verbalmordes ist und er vielleicht zu höflich für diese Stadt. 

Wir treffen Frank Genser und seinen Kollegen Uwe Schmieder im Raucher­kammerl – ja, so etwas gibt es noch – des Volkstheaters. Hier riecht es, wie man es aus Lokalen der 1990er-Jahre gewohnt ist: nach kaltem Rauch. Und weil Erinnerungen selten störend sind, tut es der Geruch auch nicht. Uwe Schmieder kann keine derartige Geschichte bieten – über ihn werden Geschichten erzählt. Auch er ist von ausgesuchter Höflichkeit und wohnt unter der ausgelagerten Buchhaltung des Volkstheaters. Er wollte in dieser vorstellig werden und tat es im Bademantel – ein Sieg nach Sympathiepunkten. Seither grüßt man sich freundlich im Haus. Das Wiener Herz, eine Versuchsanordnung des Undurchschaubaren. 

„Ja, am Anfang war das sehr schmerzhaft, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.“

Frank Genser über seinen Gang in „Endspiel“

Publikumslieblinge

Schmieder ist klein und drahtig, Genser groß und schlaksig. Der eine kommt aus Ostdeutschland und hat im ersten Bildungsweg Kraftfahrer gelernt, der andere ist aus dem Großraum Essen, Bochum. Die beiden wurden mit diesem Stück echte Publikumslieblinge in Dortmund, haben die Komfortzone der erspielten Liebe hinter sich gelassen und nehmen gerade mit ihrem neuen und alten Direktor und Regisseur Kay Voges Samuel Becketts geniales „Endspiel“ wieder auf. In Dortmund läuft es seit 2012 und wurde von Kritik und Publikum hymnisch gefeiert. Jetzt hat es Voges ins Repertoire des Volkstheaters geholt.

Eine Stunde und 20 Minuten muss Frank Genser in „Endspiel“ ohne Pause auf Plateauschuhen und in einem Gang, der eine Mischung aus geschlagenem Hund und rückgratloser Puppe ist, durch das Bühnenbild watscheln, wanken, streifen. „Ja, am Anfang war das sehr schmerzhaft, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.“ Sein Kollege Schmieder sitzt derweil regungslos auf einem Stuhl. „Es wird mir kaum jemand glauben, aber mir tut auch der Rücken weh, weil ich alle Emotionen im Sitzen spielen muss.“ 

Schmieder und Genser als Purl und Lum. Das Bühnenbild ist eine kleine Box, die Einrichtung ist mit Kreidestrichen an die Wand gemalt. Foto: Nikolaus Ostermann

Blindes Vertrauen

Schmieder ist blind. Er spielt es nicht, er ist es wirklich. Der Schauspieler klebt sich die Augen unter der dunklen Brille zu und hat daher „noch nie ­gesehen, was der Frank eigentlich auf der Bühne so macht. Anfangs hatte ich das Problem, dass ich immer, wenn ich die Augen zumachte, im Stück war, also auch wenn ich schlafen ging. Frank muss heute immer noch schauen, dass ich nicht eingeschlafen bin.“

Es ist ein enger Raum, den Genser und Schmieder in „Endspiel“ bespielen. Lichtschal­ter, Heizkörper, Teppich und Telefon sind mit Kreide an Wände und Boden des Guckkastens gemalt. „Wir kommen ja nicht mal von nirgendwo. Wir sind nur hier.“Dieser Satz könnte von Beckett sein. Ist er aber nicht. Schmieder sagt ihn beiläufig. 

Geschrieben hat den Satz Wolfram Lotz. Dessen Stück „Einige Nachrichten an das All“ hat Intendant Kay Voges verfilmt und dann Teile daraus übernommen. „Ich betrachte die Wand“, sagt Clov. Clov und Hamm – in der Voges-Insze­nierung heißen sie Lum und Purl wie bei Lotz – haben keine Hoffnung mehr, ihr Horizont ist begrenzt, ihr U-Boot-Fernrohr sieht ins Nichts, eine Aussicht aus dem Fenster gibt es nicht. Dafür hört man Geräusche. Das Lachen ist verzerrt und verstärkt – wie Gensers Schritte. Sie sind laut. Jeder Schritt ist eine Drohung. Geht er zur Tür, kracht die Gitarre, und es wird dunkel. Text, Ton und Situation wiederholen sich in der Zeitschleife. Berührt er die Wand, dann singt Zarah Leander „Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt auf Erden nicht nur den einen“. Schmieder erklärt: „Keiner weiß, was draußen passiert ist, keiner weiß, warum. Diese undefinierte existenzielle Bedrohung, die permanent über dieser Situation schwebt, in der weder der Zuschauer noch die Figuren auf der Bühne wissen, wie lange sie schon oder noch anhält.“ 

Es ist eine optische Täuschung: Schmieder (links) ist im ­Stehen mit Zylinder nicht so klein, wie Genser (rechts) im Sitzen groß ist. Foto: Anna Breit

Endspiel: Ein geniales Stück

Ewigkeit, ein Begriff, der bei Beckett beiläufig passiert. Niemand weiß, wie lange es Lum und Purl schon so treiben. Je länger man ihnen zusieht, desto mehr kommt im Betrachter die Gewissheit auf, die beiden machen das schon ewig. Eine Ehe lang? Genser lacht: „So wie Kay die Dialoge angelegt hat, ist nicht mehr klar, reden die beiden über konkret Erlebtes, oder ist es nur eine Erinnerung an eine Erzählung?“ Schmieder nimmt einen tiefen Zug an der Zigarette und unterbricht seinen Kollegen – die zwei sind nicht nur auf der Bühne ein eingespieltes Team: „Jedes Paar, das in dieses Stück hineinschaut, wird sich wiederfinden. Beckett hat ein geniales Stück geschrieben.“ 

Und Genser setzt noch eine Story zu „Endspiel“ drauf: „Eine ältere Dame hat uns nach dem Stück mit verheulten Augen angesprochen und gesagt, das, was sie da auf der Bühne gesehen hat, hat sie die letzten 20 Jahre erlebt, als sie ihren tod­kranken Mann gepflegt hat.“ Ein Kompliment, das die beckettsche Mannigfaltigkeit der Interpretation zeigt. Wien darf sich freuen.

Zur Person: Uwe Schmieder

Er hat zuerst Lastwagenfahrer gelernt und dann Schauspieler, er liebt ­Heiner Müller und war Mitbegründer des ORPHtheaters und später dann der Gruppe „Notwendigen Neuen Untergrund“. War seit 2011 in Dortmund bei Voges als Schauspieler tätig. 

Zur Person: Frank Genser

Er hat in Essen studiert, in Köln und Dresden gearbeitet und hat gemeinsam mit Uwe Schmieder den Publikumspreis des Theaters in Dortmund bekommen. War seit 2011 in Dortmund bei Kay Voges als Schauspieler und Regisseur tätig.

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Auf dem YouTube-Kanal des Volkstheaters wird jede Woche ein anderes Ensemble-Mitglied vorgestellt