8 Fragen an Dirigent Christian Thielemann

Was haben „Aida“ und „Lohengrin“ gemeinsam? Wie trivial ist die Alpensinfonie? Und was meint der Ausnahmedirigent, wenn er sagt: „Ich bin altersmilde geworden. Ich rege mich jetzt anders auf als früher.“

Christian Thielemann hat gerade die Handwerker im Haus. „Es ist eine gute Zeit, Dinge zu erledigen“, sagt er und lacht. Der gebürtige Berliner ist bester Stimmung. Bei seinem Abschied von den Osterfestspielen Salzburg lässt es Thielemann noch einmal so richtig krachen. Das bewährte Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito (Regie) wird „Lohengrin“ neu inszenieren. Wieler will die kriminelle Vergangenheit Elsas in den Mittelpunkt der Geschichte rücken: Elsa habe ihren Bruder Gottfried verschwinden lassen und imaginiere Lohengrin herbei, um die Massen in ihrem Sinn zu manipulieren. Es ist eine Koproduktion mit der Wiener Staatsoper und wird im Haus am Ring in der Saison 2023/24 gezeigt werden – am Pult auch hier, eh klar, Thielemann, der in Salzburg unter anderem Bruckners Neunte und Richard Strauss’ Alpensinfonie dirigieren wird.

Zur Person: Christian Thielemann

Der Superstar und die Osterfestspiele Salzburg – eine Ära geht nach zehn Jahren zu Ende. Nikolaus Bachler übernimmt als geschäftsführender und künstlerischer Leiter. Thielemann wird „Lohengrin“ dirigieren sowie ein Orchester- und ein Chorkonzert – wie immer mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

1. Über was wollen Sie zuerst reden? Wagner? Strauss? Das Programm an sich?

Ach, wissen Sie, das ist mir völlig schnurz. Fragen Sie doch, was Sie wollen …(Lacht.)

2. Dann verraten Sie uns doch: Wie wird der „Lohengrin“?

Ich war gestern mit Jossi Wieler abendessen. Ich will nicht zu viel verraten, aber es wird nichts, wo Sie jetzt sagen würden: „Um Gottes willen, das spielt jetzt im Nirwana, und keiner weiß, wer wer ist!“ Unser Lohengrin hat ein sehr klares Konzept, ich war jedenfalls von der Idee sofort begeistert.

3. Ich behaupte, es gibt drei Arten von Menschen: die Wagner-Fans, die Wagner-Hasser und jene mit Vorurteilen. Wie kriegt man Letztere?

Der „Lohengrin“ ist ein Schlager. Ich studiere im Moment die „Aida“ für die Semperoper – und stelle fest, dass „Aida“ und „Lohengrin“ eine Menge gemeinsam haben: nämlich diesen bedingungslosen Willen zur Melodie. Deswegen hat man immer gesagt, „Lohengrin“ sei eine italienische Oper – was ich kurios finde. Bei „Lohengrin“ hinzuhören lohnt sich doppelt und dreifach. Es gibt ja ein Stück, das jeder kennt: den Hochzeitsmarsch, von dem viele nicht wissen, dass er von Wagner ist. Dazu kommt, dass bei „Lohengrin“ die Guten und die Bösen so klar gezeichnet sind. Mir hat die Geschichte immer so wahnsinnig gefallen: wie der Lohengrin auf dem Schwan daherkommt, das ist so märchenhaft. Die Oper ist sehr leicht zu verstehen. Da braucht niemand Angst davor zu haben. Versprochen.

4. Haben Sie Kirill Serebrennikovs „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper gesehen?

Nein – würde ich gerne. Aber ich habe sehr viele Menschen getroffen, die sehr begeistert waren. (Er macht eine Pause.) Wissen Sie – und das soll jetzt nicht die Schlagzeile dieser Geschichte werden –: Ich bin altersmilde geworden. Toleranter. Ich habe so viele Inszenierungen vom „Lohengrin“ dirigiert, deshalb freue ich mich, wenn einmal eine andere Idee daherkommt, ein anderer Zugang. Genauso freue ich mich, wenn Kollegen ein Stück anders dirigieren. Manchmal sage ich: Gefallen tut es mir nicht, aber ich finde es toll, dass das einer genau so macht.

„Meine Einsicht und Botschaft? Kommt alle mal runter!“

Christian Thielemann, Dirigent
5. Ist diese Altersmilde ein Zustand, den Sie mögen?

Sehr sogar. Ich rege mich ganz anders auf, als ich es früher getan habe. Günter Wand hat einmal beim Studieren von Partituren etwas sehr Zutreffendes gesagt: „Die Noten gucken einen alle so friedlich an, und keiner spielt falsch.“ Und so denke ich mir: Ach, Bruckners Neunte liegt da vor mir und gehört mir ganz allein, und dann kann ich nicht widerstehen und höre in den Furtwängler rein und den Bernstein, und ich höre mir meine geliebten Wiener Philharmoniker an und denke: Interessant, wie der Kollege das so macht. Da fühle ich eine Art von Milde und kann dabei auch etwas lernen.

6. Tut es Ihnen im Rückblick manchmal leid, dass Sie so viel Energie mit Empörung und Ärger verloren haben?

Sehr. Aber dagegen können Sie nichts machen. Man ist so, wie man ist. Ich habe Studenten, die mir sagen: „Toll, wie klein Sie dirigieren – sollen wir das auch machen?“ Ich antworte dann: „Bloß nicht, wenn ihr mit 24 oder 25 so klein dirigiert, dann sagen die Leute, dass ihr Langweiler seid. Daher tobt euch erst mal aus.“ Mein Gott, habe ich früher wild dirigiert. Ich konnte den ganzen „Tristan“ durchbrettern und hatte die Energie, ihn gleich noch mal zu machen. Aber ich war nicht zufrieden mit mir. Ich dachte: Ich habe alles gegeben. Aber genau das war der Fehler! (Er lacht herzlich.) Ich habe eine Berliner Schnauze und bin sehr liberal erzogen worden. Ich bin immer animiert worden, meine Meinung zu sagen. Wenn du es dann aber machst, sagen die Menschen: „Der ist undiplomatisch.“ Die Wiener Philharmoniker zum Beispiel verstehen mich, da habe ich ein großes Vertrauen. Ich stehe vor dem Orchester und kann ganz ich selbst sein.

7. Zur Alpensinfonie: Verstehen Sie den Vorwurf der Trivialität?

Das ist Unsinn. Das Stück zeichnet doch ein Leben. Von der Wiege bis zur Bahre, wer das nicht versteht, ist blind und taub. Richard Strauss ist ein genialer Spieler gewesen. Jemand, der von sich gesagt hat, dass er bei Bedarf sogar eine Speisekarte oder das Telefonbuch vertonen könnte – da wissen Sie doch, woran Sie sind. Bei der Alpensinfonie zeigt er: „Schaut mal, wie ich instrumentieren kann.“ Das ist für einen Instrumentierungsbegeisterten wie mich ein gefundenes Fressen. Da bleibt einem die Spucke weg.

8. Wir müssen Schluss machen, ich habe alles, was ich wollte. Wollen Sie noch etwas loswerden?

Sie haben alles, was Sie wollten? Na, Sie sind mir einer! (Lacht.) Die Leute fragen einen immer, was man im Lockdown gemacht hat. Ich habe zum Beispiel nicht Partituren auf Vorrat studiert. Ich mag das nicht. Ich hab mir vieles angeguckt. Ich habe die Maler und die Elektriker in meinem Haus gehabt und meine Bibliothek geordnet. Es gibt profane Dinge, die einen auf den Boden zurückholen. Wir Künstler werden oft hofiert, leben in Hotels. Aber ohne Elektriker funktioniert hier im Haus gar nichts. Da ist Bruckners Neunte dann völlig egal. Das ist meine Einsicht, und meine Botschaft lautet daher: Kommt alle mal runter! (Lacht nochmals herzlich.)

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