Zum Inhalt springen

Leonie Lorena Wyss, Autorin. Wurde 1997 in Basel geboren und studierte Sprachkunst in Wien. Nach ihrem bereits sehr erfolgreichen Stück „Blaupause“ erhielt sie 2023 für ihren Zweitling „Muttertier“ den Retzhofer Dramapreis. Ab 10. Februar ist das Stück im Vestibül des Burgtheaters zu sehen.

Leonie Lorena Wyss, Autorin. Wurde 1997 in Basel geboren und studierte Sprachkunst in Wien. Nach ihrem bereits sehr erfolgreichen Stück „Blaupause“ erhielt sie 2023 für ihren Zweitling „Muttertier“ den Retzhofer Dramapreis. Ab 10. Februar ist das Stück im Vestibül des Burgtheaters zu sehen.
Foto: Florian Thoss

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus, Leonie Lorena Wyss?

Burgtheater

Leonie Lorena Wyss erhielt 2023 für ihr Stück „Muttertier“ den Retzhofer-Dramapreis. Uns hat sie verraten, wie ihr Schreibprozess aussieht.

Es beginnt häufig mit einem losen Fragment. Irgendwo notiert, mit noch nassen Händen nach dem Duschen auf einem Post-it oder mit kalten Fingern als kryptische Handynotiz an einer roten Ampel auf dem Fahrrad. Meist habe ich Ideen für neue Texte, während ich gerade mit der Überarbeitung eines anderen Textes beschäftigt bin. Wenn das grobe Gerüst steht und es vor allem Disziplin und Feinarbeit braucht, sehne ich mich nach dem Neuanfang, nach dem aufregenden Nicht-Wissen, wohin eine lose Idee führt.

So war es auch bei ‚Muttertier‘. Mitten in der Findungsphase eines anderen Projekts ist ein kurzer Abschnitt entstanden, der gewissermaßen der Ausgangspunkt für dieses Stück war. Wenn ich mich dafür entscheide, einer Idee mehr Raum zu geben, beginnt der Schreibprozess zunächst mit der Recherche und dem Sammeln von weiteren Fragmenten. Ich lese wissenschaftliche oder literarische Texte, die sich mit dem Thema befassen oder in irgendeiner Weise eine Atmosphäre kreieren, die ich für den Text spannend finde. Inmitten dieser Notizensammlung nähere ich mich nach und nach den Figuren und deren Sprache und Gedankenwelt an, verliere mich in langen Passagen, sortiere Szenen, setze sie neu zusammen.

Die Form bei meinen Texten ist immer eine, die sich intrinsisch aus dem Schreiben heraus ergibt, die ich nicht im Vorhinein festlegen kann. Ich schreibe und streiche unfassbar viel. Häufig fühlt es sich wie eine Freilegung an: Entwurf für Entwurf, Schicht für Schicht abkratzen, bis das Fundament sichtbar wird.

Sobald ein Gefühl für die Grundsituation da ist, versuche ich mich an einer groben Dramaturgie, an einem möglichen Endpunkt, auf den ich hinschreibe, und einem Spannungsbogen, der sich durch die Szenen zieht. Das ist auch meistens der Punkt, an dem ich es anderen Personen zum Lesen gebe, Freund*innen und Kommiliton*innen, meiner Dozentin Gerhild Steinbuch am Institut für Sprachkunst sowie meiner Lektorin Friederike Emmerling vom Fischer Verlag oder in diesem Falle den Teilnehmer*innen und Leitenden des Retzhofer Dramapreises.

Nach den Besprechungen setze ich mich mit den dort entstandenen Fragen wieder neu an den Text, tauche tiefer ein in die Welt. Ich folge den drei Geschwistern in den Hof, wenn die Mutter wieder zu müde ist, um mit ihnen ins Hallenbad zu gehen, stelle mich hinter sie, als sie, eins, zwei, drei, die Arme ausgestreckt, die Szenen der ‚Titanic‘ nachspielen, warte mit ihnen vor der Tür auf ein Lebenszeichen der Mutter. Ganz am Ende dann beginnt die relativ lange und intensive Überarbeitungsphase.

Ich gehe Satz für Satz durch, prüfe auf Rhythmus und Anbindung des Gesprochenen an die Figuren. Diese letzte Phase ist eigentlich hauptsächlich Fleißarbeit: sich erneut an den Schreibtisch setzen, wieder das schon tausendmal geöffnete Dokument öffnen, noch einmal Szene für Szene alles durchgehen. So lange, bis ein neues loses Fragment, eine erste Idee auf einem durchnässten Post-it oder eine mit kryptischer Autokorrektur formulierte Handynotiz entsteht.

Zu den Spielterminen von „Muttertier“ im Vestibül!

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
Mehr zum Thema
  • Festspiele Reichenau
    Ein frischer Wind
    Die bröckelnde Dekadenz des Südbahnhotels Semmering macht das einstige Grandhotel zu einer...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Theater der Jugend
    Wo Gras wächst, ist Hoffnung
    Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Wiener Staatsoper
    Wenn das Licht mitdenkt
    Es ist die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Handwerk und Hightech, die die Oper lebendig...
    Von Atha Athanasiadis
  • Theater in der Josefstadt
    Die Bühne. Ein Leben.
    Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Volkstheater
    In neuem Licht
    Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Burgtheater
    4 Fragen an Roman Senkl
    In „Solaris“ wird der Psychologe Kris Kelvin auf einen Planeten geschickt, der Lebewesen...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Festspiele Reichenau
    Kleiner Prinz, große Magie
    Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12