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Eine Szene aus "Der deutsche Mittagstisch": Traute Hoess Pohl und Lore Stefanek spielen in "Freispruch".

Eine Szene aus "Der deutsche Mittagstisch": Traute Hoess Pohl und Lore Stefanek spielen in "Freispruch".
Foto Philine Hofmann

Wie das Theater in der Josefstadt zur Bernhard-Bühne wurde

Theatergeschichte

„Der deutsche Mittagstisch“ ist nicht das erste Stück des einstigen Skandal-Dramatikers Thomas Bernhard am Theater im achten Bezirk. Ein Rückblick zum Auffrischen der Erinnerung.

Bernhard = Burgtheater? Diese ursprünglich in Wien geltende Gleichung wurde in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer wieder in Frage gestellt. Diese enge Beziehung entstand durch Uraufführungen und die intensive „Theater-Ehe" zwischen Thomas Bernhard und Claus Peymann und wurde durch den „Heldenplatz“-Skandal noch unterstrichen. Doch die Burg sollte nicht mehr als einziges Bernhard-Haus unter den großen Theatern wahrgenommen werden.

„Schlaf- und Schnarchtheater“

Just jenes, das Thomas Bernhard einst als „Schlaf- und Schnarchtheater“ bezeichnete und von dem er schrieb, hier werde „seit 200 Jahren nur Operette gespielt“, brachte und bringt seit der Jahrtausendwende verstärkt Werke des stets aufrüttelnden Dramatikers. Aktuell stehen unter dem Titel „Der deutsche Mittagstisch“ Dramolette - von „A Doda“ über „Freispruch“ bis zum titelgebenden - auf dem Spielplan. Sie dringen in die Eingeweide der Nachkriegs-Gesellschaft vor.

Etwas von dem Größenwahn, den ich immer noch habe, gebe ich gern an die Josefstadt weiter."

Claus Peymann

Niemand Geringerer als Claus Peymann, ebenfalls früher nicht gut auf das Theater in der Josefstadt zu sprechen, hat inszeniert. Im BÜHNE-Interview sagte er dazu, dass er sich nun „in der Josefstadt zu Hause fühle“. Überhaupt finde er: „In der Wiener Theaterlandschaft ist eine Lücke entstanden, die man eben füllen muss! Und Föttinger ist mutig genug. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Etwas von dem Größenwahn, den ich immer noch habe, gebe ich gern an die Josefstadt weiter.“ 


Zahlreiche Aufführungen seit dem Jahr 2000

Wer glauben sollte, die Josefstadt sei als Bernhard-Bühne Neuling, der irrt gewaltig. Peymanns Inszenierung ist bei Weitem nicht der erste Thomas Bernhard am Theater in der Josefstadt. Bereits auf 20 Jahre Bernhard in der Josefstadt kann man hier zurückblicken: Nicht weniger als acht Bernhard-Stücke sowie ein Gastspiel von „Claus Peymann kauft sich eine Hose…“ mit Peymann und Hermann Beil gab es hier bereits.

Den Anfang machten Michael Rehberg und Helmuth Lohner im Jahr 2000, als Dieter Giesing mit ihnen „Der Schein trügt“ inszenierte. „Über allen Gipfeln ist Ruh“ folgte 2002 – sogar als österreichische Erstaufführung. Joachim Bißmeier, Traute Hoess (die aktuell auch im „Mittagstisch“ spielt), Siegfried Walther und Ursula Strauss waren dabei, es inszenierte Wolf-Dietrich Sprenger. Dieser wurde 2005 wieder engagiert, als Sandra Cervik (ebenfalls nun im „Mittagstisch“ dabei) mit Fritz Muliar und Bißmeier in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ mitwirkte.

Otto Schenk als "Theatermacher"

Als „Theatermacher“ sah man ab 2006 Otto Schenk. Marianne Nentwich, Erich Altenkopf und Therese Lohner waren mit von der Partie. Und auch vor dem so stark mit dem Burgtheater verbundenen Stück „Heldenplatz“ scheute man an der Josefstadt nicht zurück, 2010 wurde es mit Michael Degen, Marianne Nentwich, Sona MacDonald und Gertraud Jesserer aufgeführt.

In „Vor dem Ruhestand“ (2013) waren es dann Michael Mendl, Sona MacDonald und Nicole Heesters, die Bernhards Worte auf die Bühne der Josefstadt brachten. In „Am Ziel“ spielten Andrea Jonasson, Therese Lohner, Christina Nickl und Martina Ebm und auch „Auslöschung“ war – mit Wolfgang Michael, Udo Samel, Martin Zauner und Christian Nickel – ab 2016 bereits an der Josefstadt zu sehen.

Übersicht: Bernhard am Theater in der Josefstadt

  • 2000, Der Schein trügt, mit Michael Rehberg und Helmuth Lohner
  • 2002, Über allen Gipfeln ist Ruh (österr. Erstaufführung), mit Joachim Bißmeier und Traute Hoess
  • 2005, Der Ignorant und der Wahnsinnige, mit Sandra Cervik, Fritz Muliar
  • 2006, Der Theatermacher, mit Otto Schenk
  • 2008, Gastspiel - Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen, mit Hermann Peymann und Hermann Beil
  • 2010, Heldenplatz, mit Michael Degen und Marianne Nentwich
  • 2013, Vor dem Ruhestand, mit Michael Mendl, Nicole Heesters und Sona MacDonald
  • 2015, Am Ziel, mit Andrea Jonasson und Therese Lohner
  • 2020, Der deutsche Mittagstisch, mit Ulli Maier, Michael König, Bernhard Schir

Zur Person

Thomas Bernhard, verstorben 1989 in Oberösterreich, zählte zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern und Dramatikern, achtzehn Theaterstücke wurden uraufgeführt, dazu kommen Romane und (teils autobiografische) Erzählungen.

Thomas Bernhard in Zitaten

Österreich selbst ist nichts als eine Bühne/auf der alles verlodert vermodert und verkommen ist/eine in sich selbst verhasste Statisterie/von sechseinhalb Millionen Alleingelassen/sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige”

aus „Heldenplatz“

In jedem Österreicher steckt ein Massenmörder.

aus „Alte Meister“

In der Josefstadt wird seit 200 Jahren nur Operette gespielt.

aus „Heldenplatz”

Wenn man die Gemeinheit der Bewohner mit der Schönheit der Landschaft verrechnet, kommt man auf Selbstmord.

aus „Gehen“

Wien ist eine fürchterliche Genievernichtungsmaschine, dachte ich auf dem Ohrensessel, eine entsetzliche Talentezertrümmerungsanstalt.

Aus „Holzfällen“

wir bekommen in ganz Deutschlandkeine Nudeln mehrnur noch Nazisganz gleich wo wir Nudeln einkaufenes sind immer nur Nazisganz gleich was für eine Nudelpackungwir aufmachenes quellen immer nur nochNazis herausund wenn wir das Ganze aufkochenquillt es fürchterlich über

aus: „Der deutsche Mittagstisch“

Weiterlesen:

Sandra Cervik: Thomas Bernhard kommt nie aus der Mode

Thomas Bernhard debütiert am Theater in der Josefstadt

Was: „Der deutsche Mittagstisch“
Wann: nächster Termin: 23.10., 19.30 Uhr
Wo: Theater in der Josefstadt
Karten: Josefstadt.org

Redaktion
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