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Jörg Ratjen wurde 1963 in Bremen geboren. Vor seinem Wechsel ans Burgtheater war er am Schauspiel Köln engagiert.

Jörg Ratjen wurde 1963 in Bremen geboren. Vor seinem Wechsel ans Burgtheater war er am Schauspiel Köln engagiert.
Foto: Tommy Hetzel

Von Wiedergängern und Wiederbegegnungen

Burgtheater

Ein Wiederholungstäter im besten Sinne. Nach rund fünfzehn Jahren in anderen Städten begeistert Jörg Ratjen seit letzter Spielzeit wieder das Burg-Publikum. Unter anderem in Ibsens „Gespenster“.

Jörg Ratjen sitzt in der Kantine des Akademietheaters. Vor ihm steht ein Soda Zitron. Ein Getränk, das nicht einfach nur ein Getränk ist, sondern auch ein ganz klarer Hinweis darauf, dass sich dieser Mann in Wien auskennt. Und dem ist auch so. Von 2006 bis 2011 war der in Bremen geborene Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen schon einmal am Burgtheater engagiert. Nach einem rund zweijährigen Intermezzo als freier Schauspieler gehörte er mehr als zehn Jahre zum Ensemble des Schauspiels Köln, mit Stefan Bachmann kam er nun wieder nach Wien. „Ich muss dir ja nicht viel sagen, du weißt, worum es geht“, habe Bachmann damals im ersten Gespräch über die Burg zu ihm gesagt, erinnert sich Ratjen. Zum Zeitpunkt des Interviews geht es für den Schauspieler vor allem um eine Sache: die Proben für „Gespenster“, die letzte Übernahme aus dem Repertoire des Schauspiels Köln. Wobei der Begriff „Übernahme“ nicht ganz stimmt, wirft Jörg Ratjen ein. „Es ist keine reine Reproduktion, denn wir erfinden viele Dinge neu, loten an einigen Stellen auch Nähe- und Distanzverhältnisse neu aus.“

Es wird geisterhaft. Thomas Jonigks Inszenierung des Ibsen-Klassikers „Gespenster“ übersiedelt von Köln nach Wien – mit drei neuen Spieler*innen und einer teilweise auch etwas anderen Befragung des Texts.
Foto: Tommy Hetzel
Es wird geisterhaft. Thomas Jonigks Inszenierung des Ibsen-Klassikers „Gespenster“ übersiedelt von Köln nach Wien – mit drei neuen Spieler*innen und einer teilweise auch etwas anderen Befragung des Texts.

Das Stück von Henrik Ibsen erzählt von Verdrängtem und Vererbtem. Wie auch von transgenerationalem Trauma und Figuren, die durch die Welt geistern, als hätten sie diese schon einmal bewohnt. Jörg Ratjen, der sich als offener, ausladend gestikulierender Gesprächspartner ausweist, hat mit den bereits erwähnten Wiedergängern zwar nur wenig zu tun, dennoch war die Auseinandersetzung mit dem Stück und seiner Rolle eine Wiederbegegnung. Vor etwa dreißig Jahren hat er Osvald, der nach dem Tod seines Vaters ins elterliche Haus zurückkehrt und das familiäre Lügengebäude zum Einsturz bringt, schon einmal gespielt. Allerdings sei die Setzung damals eine vollkommen andere gewesen als jene von Thomas Jonigk, so Ratjen. Letztere zeichnet sich unter anderem durch ihr reduziertes Bühnenbild aus, wie auch durch ihre Konzentration auf das Spiel mit Nähe und Distanz. „In diesem fast leeren Raum versuchen wir eine extreme Nähe herzustellen“, so Ratjen, der in der Ausweglosigkeit eines der zentralen Themen des Stücks erkennt.

Umhergeisternde Rollen?

Mit Thomas Jonigk, der ihn jüngst in einem Interview als seinen „Leib- und Magenschauspieler“ bezeichnete, verbindet Jörg Ratjen eine langjährige Arbeitsbeziehung. „Er ist ein extrem guter Beobachter, einer, der auch über Dinge staunen kann, die gerade passieren. Trotzdem lässt er es nicht einfach laufen“, bringt der Schauspieler die Arbeitsweise des Theatermachers auf den Punkt. Zuletzt arbeiteten die beiden zusammen bei „Ellen Babic“, das ebenfalls im Akademietheater zu sehen ist. In der sonst eher realistischen Setzung fiel Jörg Ratjen als ebenso abgründig komischer wie auch auf unterschwellige Weise verletzlicher Schulleiter auf. Die leichte Schrägheit, mit der er seine Figur ausstattet, steht jedoch in keinerlei Widerspruch zum realistischen Grundton der Inszenierung. Bei Osvald sei noch eine viel stärkere Körperlichkeit!– mit viel merkwürdigeren und schnelleren Ausschlägen – gefragt, so Ratjen, der in Proben manchmal auch gern „unlogische Dinge“ tut und Umwege nimmt.

Ich finde es unglaublich schön, wie viele Menschen aus den unterschiedlichsten Abteilungen sich noch an mich erinnern können

Jörg Ratjen über seine Rückkehr ans Burgtheater

Beiden Rollen ist jedoch gemein, dass ihre vermeintliche Schrägheit aus einer Verwundung kommt, wie der Schauspieler daran anknüpfend festhält. „Der Direktor in ‚Ellen Babic‘, den man ja schnell als den allerletzten Typen abstempeln könnte, ist in Wahrheit ein sehr einsamer Mensch, der ein ganz leeres Leben hat.“ In Anlehnung an das Thema des Ibsen-Stücks taucht im Interview noch die Frage auf, ob all die Rollen, die er im Lauf seiner Karriere schon verkörperte, noch irgendwo in ihm herumgeistern würden. „Manchmal gibt es Überschneidungen zwischen dem eigenen Leben und einer Rolle, aber der Ort des Spiels ist für mich immer die Bühne“, so die Antwort des Schauspielers.

Im Fall von Jörg Ratjen ist es nun jene des Wiener Burgtheaters, auf das er sofort große Lust hatte. „Ich bin damals ein bisschen von hier geflüchtet, finde es jetzt aber unglaublich schön, wie viele Menschen aus den unterschiedlichsten Abteilungen sich noch an mich erinnern können“, so der Schauspieler über sein neues und gleichzeitig auch bekanntes künstlerisches Zuhause. Das Soda Zitron ist ausgetrunken. Wir verabschieden uns. Gut, dass ein so offener und lebendiger Spieler wie Jörg Ratjen auch in der kommenden Spielzeit wieder durchs Burgtheater geistern wird.

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