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Die letzte „t noch bis 8. November im Theater am Werk am Petersplatz zu sehen.

Die letzte „t noch bis 8. November im Theater am Werk am Petersplatz zu sehen.
Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Spitzwegerich: Die Verdichtung der Verdichtung der Verdichtung

Freie Szene

Im Theater am Werk am Petersplatz treffen gerade der kleinste Mann von Wien, eine Riesenklarinette und eine Dame mit fast zwei Meter langem Echthaar aufeinander. Spitzwegerich, die Wiener Pionier*innen des abstrakten Figurentheaters, laden zur letzten Etappe ihrer „(Gehäuse)“-Theaterreise in die Untiefen der Geschichte des Wiener Kellertheaters.

„Ich vergleiche die Stücke von Spitzwegerich gerne mit einem Sirup. Sie sind die Verdichtung der Verdichtung der Verdichtung“, sagt Autorin Natascha Gangl und lacht dabei ihr offenes Lachen. Im Fall von „(Gehäuse): Aurum“, das gerade im Theater am Werk am Petersplatz zu sehen ist und an dem sie mitgeschrieben hat, trifft man in dieser verdichteten Welt auf allerhand illustre Gestalten – auf eine Dame mit fast zwei Meter langem Echthaar zum Beispiel, wie auch auf eine Riesenklarinette und den kleinsten Mann von Wien. Inspiriert wurden diese von der Historie jenes Ortes, an dem es sich die Protagonist*innen der neuesten Verdichtung aus dem Hause Spitzwegerich gerade (ge)häuslich eingerichtet haben.

Das Kellertheater am Petersplatz war Ende des 19. Jahrhunderts nämlich ein Vergnügungsetablissement mit dem Namen Eldorado. „Wir haben Inserate gefunden, in denen für die illustren Performer*innen, die damals im Eldorado aufgetreten sind, geworben wurde“, erklärt Birgit Kellner, die Spitzwegerich mitbegründet hat. Bei der Recherche auf Charaktere zu treffen, bei denen sich Realität und Fiktion miteinander vermengen, sei eine perfekte Einladung für jene Form von Figuren- und Objekttheater, für das die freie Theatergruppe bekannt ist, so Kellner.


Theaterreise mit vier Stationen

„(Gehäuse) IV: Aurum“ ist die letzte Etappe einer Theaterreise mit insgesamt vier Stationen. Der erste Teil fand in einer ehemaligen Parfümerie in Hernals statt, die zweite Etappe in einer ehemaligen Produktionsstätte von Hand-Webe-Teppichen und die dritte Station in einem Stadl am Waldviertler Herrensee. „Wir haben uns bei dieser Arbeit dazu entschieden, uns von den jeweiligen Räumen inspirieren zu lassen“, erläutert Birgit Kellner. „Das führte schließlich dazu, dass wir die Autor*innen Natascha Gangl, Franziska Füchsl und Max Höfler gebeten haben, von den Spielorten ausgehend Texte zu schreiben. Eine andere wichtige Inspirationsquelle war Gundi Feyrers Buch ‚Der Tempel des Nichts (Das Zaubern)‘.“

Bei der vierten Etappe, bei der es tief hinab in die Geschichte des ehemaligen Eldorado geht, entstand der Text in einem gemeinsamen Schreib- und Auswahlprozess, an dem sich alle drei Autor*innen beteiligten. „Uns eint unter anderem, dass wir alle einer experimentellen Texttradition nahestehen und uns genaues Abarbeiten an Worten wie auch Musikalität und Rhythmus sehr wichtig sind. Das Bestreben, die Textur der Sprache – das Objekthafte daran – auszustellen, zeichnet unsere Arbeiten aus“, hält Natascha Gangl fest, die außerdem für den Text der zweiten Etappe verantwortlich zeichnete. Für „(Gehäuse): G’spinst“ entstand ein dichtes Textgewebe, das auf seine eigene Verwobenheit verweist und den Gedanken des Webstuhls als Vorläufer des Computers aufgreift.

Wenn Kostüme zu Objekten werden: Die Riesenklarinette Klari.
Foto: Apollonia Theresa Bitzan
Wenn Kostüme zu Objekten werden: Die Riesenklarinette Klari.

Vertrauen und Spiellust

Die Theaterabende von Spitzwegerich entstehen in ständigem Austausch – beinahe wie bei einem Ping-Pong-Spiel. „Wir kreieren Bilder zu den Texten, diese werden dann auf Basis der Bilder wieder weitergebaut“, bringt es die studierte Bühnenbildnerin Birgit Kellner auf den Punkt. „Bei uns gibt es niemanden, der oder die sagt, dass etwas nicht geht. Hier kommen ausschließlich Menschen zusammen, die Dinge möglich machen wollen“, fügt sie hinzu. Eine klassische Regieposition gibt es bei Spitzwegerich nicht.

„Das klappt nur, weil wir einander zu hundert Prozent vertrauen“, so Kellner. „Bei dieser Arbeit war es beispielsweise so, dass es einzelne Separees gibt, die die Performer*innen selbst entwickelt und gebaut haben.“ Mit Asli Kişlal konnte zudem eine erfahrene Theatermacherin gewonnen werden, die als „Outside Eye“ immer wieder bei Proben dabei war. „Sie hat die Fähigkeit des offenen Blicks. Sie sieht sich an was da ist, sortiert das, ohne jedoch etwas anderes daraufsetzen zu wollen, sondern trägt die Sprache mit“, erzählt Birgit Kellner, der die Freude über diese Konstellation anzusehen ist.

Schön sei auch, dass das Team von innen heraus wächst – im Grunde sei es „ein ständig wachsender Freundeskreis“. Ein weiterer gemeinsamer Nenner ist die Spiellust, die unter anderem daraus resultiere, dass „jeder und jede total geil findet, was die anderen machen“, merkt Kellner lachend an. So hat Rebekah Wild, die seit 35 Jahren Puppen baut und spielt und eine enge Arbeitsbeziehung zu Spitzwegerich pflegt, für „(Gehäuse): Aurum“ den kleinsten Mann von Wien gebaut, „der so viel cooler ist, als ich mir das je erträumt hätte“, wie Kellner hinzufügt. Wild ist es auch, die darauf hinweist, dass es auch bei diesem Stück wieder so sein wird, dass die Grenzen zwischen Objekt und Kostüm verschwimmen. So sei ihr Kostüm beispielsweise eine kleine Wanderbühne, merkt sie lachend an.

„Das Schöne an der Zusammenarbeit mit Spitzwegerich ist auch, dass sie total angstfrei abläuft. Der Theaterbetrieb ist oft von sehr viel Angst geprägt – vor der Überforderung des Publikums, vor dem Ausbleiben des Publikums, vor der eigenen Positionierung. Spitzwegerich schafft es, einen angstfreien Raum zu kreieren, in dem Ausprobieren und auch Scheitern erlaubt ist“, fügt Natascha Gangl hinzu.

Rebekah Wild und der kleinste Mann von Wien.
Foto: Apollonia Theresa Bitzan
Rebekah Wild und der kleinste Mann von Wien.

Ausflug in die eigenen Kindheit

Für Spitzwegerich, die sich dem abstrakten Figurentheater verschrieben haben, sind „Figuren und Objekte nie Ersatz für einen Menschen, sondern immer Performer, die zu mehr als sie selbst fähig sind“. „Wir versuchen, die Figurenspieler*innen nicht zu verstecken, sie sind ebenfalls Teil der Geschichte. Das schließt jedoch keinesfalls aus, dass Momente entstehen, in denen das Publikum den Eindruck hat, dass die Figuren leben. Für mich ist Figuren- und Objekttheater wie ein Ausflug in die eigene Kindheit. Der eigenen Vorstellungskraft sind keine Grenzen gesetzt“, sagt die gebürtige Neuseeländerin Rebekah Wild, die seit 2001 in Wien lebt und arbeitet. „Ich mag es, wenn ich mich in den Figuren verlieren kann. Und ich mag es auch, für das Publikum ganze Welten bauen zu können.“ Nach einer kurzen Pause setzt sie lachend nach: „Vielleicht drückt sich dadurch aber auch der Kontrollfreak in mir aus.“

Wer sich in der abstrakten Welt des ehemaligen Vergnügungsetablissements und seinen illustren Protagonist*innen verlieren und dabei ein Fest des Absurden feiern möchte, dem sei ein Besuch im Theater am Werk am Petersplatz sehr empfohlen. Nur noch bis 8. November!

Zu den Spielterminen von „(Gehäuse): Aurum“ im Theater am Werk am Petersplatz

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
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