Show. Crime. Sex.
Im spektakulären Erfolgsmusical „Chicago“ machen Roxie Hart und Velma Kelly kriminelle Karrieren. Erst Mörderinnen. Dann Medienstars. Bettina Mönch und Myrthes Monteiro bringen in den Hauptrollen mitreißenden Jazz, souveränen Tanz und exzessiven Glamour ins doppelbödige Spiel.
Das Leben kann grausam sein. Auch für Männer. Fred Casely trifft diese finale Erkenntnis aus dem Lauf einer Pistole. Den Finger am Abzug hat Roxie Hart. Einst versprach er der verheirateten Hausfrau eine glänzende Varieté-Laufbahn, doch als sich die vermeintlichen Kontakte des sexuellen Überzeugungstäters als Schall und Rauch erweisen, beendet die Betrogene das Verhältnis mit einem lauten Knall. Wenn Roxie nämlich eines nicht leiden kann, dann sind es Lügen. Zumindest nicht solche zu ihrem eigenen Nachteil. Und auch für Charlie wäre es besser gewesen, den Begriff „Treue“ nicht bis zum Äußersten zu strapazieren. Denn als Velma Kelly, die es in Vaudeville-Kreisen schon zu einiger Bekanntheit gebracht hat, ihn erwischt, als er gerade mit ihrer Schwester Veronica die Shownummer „Gespreizter Doppeladler“ im Hotelzimmer nachstellt, fallen zwei Schüsse.
Hinter Gittern treffen die Solo- und die Doppelmörderin erstmals aufeinander. Hier plant die korrupte Gefängniswärterin Mama Morton nicht nur bereits Velmas weitere Karriere nach deren erwarteter Freilassung, sondern verschafft Roxie auch einen besonders gerissenen Anwalt. Billy Flynn erschafft aus dem Nichts einen gigantischen Opfermythos und macht aus Roxie Hart eine mediale Berühmtheit. Letztendlich kommen sowohl Roxie als auch Velma frei. Zwar ist der Pressetross schon längst hinter einer anderen heißen Story her, aber als Jazzsängerinnen können die beiden allemal reüssieren. Verbrechen hat sich in ihrem Fall nicht nur ausgezahlt, sondern ihnen auch ein veritables Auslangen beschert.
Komponist John Kander und Songtexter Fred Ebb gelang mit „Chicago“ – nach ihrem Musical „Cabaret“ – ein weiterer Welterfolg. Das 1975 am Broadway uraufgeführte Stück wurde mit sechs Tony-Awards ausgezeichnet und lief seitdem in unterschiedlichen Produktionen rund um den Globus, 1998 auch am Theater an der Wien – mit Rainhard Fendrich als Billy Flynn.
ALL THAT JAZZ
In Lotte de Beers Neuinszenierung an der Volksoper verkörpert Bettina Mönch Roxie Hart, während sich Myrthes Monteiro in Velma Kelly verwandelt. „Das Ganze beruht auf einer wahren Geschichte in den 1920er-Jahren. Im Ersten Weltkrieg mussten die Frauen ihr Leben alleine meistern und haben eine neue Selbstständigkeit erlangt. Sie begannen, kurze Kleider zu tragen, ließen sich die Haare schneiden, tranken Alkohol und rauchten Zigaretten. Diese Frauen-Subkultur wurde Flappers genannt. Man traf sich während der US-Prohibition in illegalen Speakeasy-Bars, wo auch zu Jazzmusik getanzt wurde.
Als die Männer nach dem Krieg heimkehrten und wieder das Sagen haben wollten, führte das oft zu Eheproblemen“, erläutert Myrthes Monteiro. Mitunter blieben die Gatten dabei auf der Strecke. „Das muss wohl ein richtiges Massenphänomen der 1920er-Jahre gewesen sein“, ergänzt Bettina Mönch, „denn es gab viele ähnlich gelagerte Fälle. Diese Mörderinnen übten eine ungemeine Faszination auf die Öffentlichkeit aus und wurden, wenn sie hübsch waren, auch regelmäßig freigesprochen. Das Musical fängt diesen historischen Hintergrund perfekt ein. Alles daran – von der Musik bis zu den Choreografien – ist sexy.“
Aber nicht sexistisch. Das ist Regisseurin Lotte de Beer ein großes Anliegen, wiewohl auch sie den erotischen Reiz der Story als Triebkraft versteht. „Schon in frühesten Opferkulten gab es Rituale, die es den Menschen erlaubten, die moralischen Grenzen der Gesellschaft symbolhaft zu erweitern. Ich glaube, dass es eine der Funktionen von Theater ist, uns in eine brachiale Ekstase zu versetzen, ohne dass wir handgreiflich werden müssen. Gewalt und Sex sind offenbar anziehend, auch wenn wir gar nicht so sein wollen. Roxie und Velma sind echte Psychopathinnen. Sie empfinden keinerlei Reue“, so Lotte de Beer. Amüsierter Nachsatz: „Das ist wahrscheinlich für uns, die wir vor lauter Schuldgefühlen nur noch gebückt gehen können, erfrischend.“
Ihr Interesse gelte auch der Rolle des Publikums, das in die Handlung integriert sei. „Die Musik suggeriert Spaß, Glamour und ein leichtes Lebensgefühl. Die Geschichte aber ist grausam. Es geht nicht nur um Mord und Habgier, sondern auch darum, wie wir als Zuschauer*innen es genießen, via Medien daran teilzuhaben und uns das auf der Bühne anzuschauen.“ Dabei werde in der Brecht’schen Form, die das Musical habe, gar nicht so getan, als wohne man einem realen Vorgang bei. „Es ist ganz klar, dass für das Publikum gespielt und damit auch etwas bezweckt wird. Zwischen lockerem Varieté und roher Realität wird ständig die Perspektive gewechselt.“
Der Aktualitätsbezug stellt sich in Zeiten von True-Crime-Formaten und des Celebrity-Kults auf Social Media praktischerweise von selbst her.
MANGELNDE IMPULSKONTROLLE
Der Stoff ist auch durch den Film mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Queen Latifah aus dem Jahr 2002 Kult. Was interessiert Bettina Mönch und Myrthes Monteiro aus künstlerischer Sicht an „Chicago“? „Für mich war es immer ein Traum, einmal in diesem Musical aufzutreten“, schwärmt Myrthes Monteiro. „Mein erster professioneller Job als Tänzerin war in einer Company von Bob Fosse (schrieb gemeinsam mit Fred Ebb das Buch für „Chicago“, Anm.). Da habe ich zwar jeden Tag Songs aus ,Chicago‘ performt, aber durchgehend im Musical gespielt habe ich nie. Ich liebe die Choreografien und die jazzige Musik. Alles ist ein bisschen dirty, aber durchwegs humorvoll.“
Ganz anders verhält es sich bei Bettina Mönch. Sie hat an der Oper Bonn bereits Velma Kelly dargestellt. „Dabei habe ich mich immer als Roxie gesehen. Ich habe ihren berühmten Monolog und den Song ,Roxie‘ schon bei meiner Diplomprüfung vorgetragen und freue mich, dass ich nun auch diese Traumrolle spielen darf. Roxie ist ein Möchtegern und ein ausgekochtes Früchtchen, das sich die Wahrheit hinbiegt. Sehr manipulativ und gestört in der Impulskontrolle.“
„Beide Frauenrollen sind ein Geschenk, weil man schauspielerisch, tänzerisch und gesanglich die ganze Bandbreite seines Könnens ausschöpfen kann“, findet Myrthes Monteiro, die in Velma Kelly einen komplexen Charakter erkennt. „Einerseits gibt es jene Velma, die vordergründig alle sehen. Eine selbstbewusste Powerfrau, die nach Ruhm strebt und ein Star sein will. Aber dahinter steckt auch eine enorme Verletzlichkeit. Deshalb muss sie überhaupt erst diese Stärke demonstrieren. Und natürlich hat auch sie Probleme mit ihrer Impulskontrolle.“
Wovon ihr Ehemann und ihre Schwester ein Lied singen könnten. Wenn sie noch könnten. „Lars Eidinger hat einmal gesagt, das Bedürfnis, ein Star sein zu wollen, käme aus einer Unsicherheit. Das heißt, dass man den Selbstwert gar nicht in sich selber findet, sondern nur durch Bestätigung, die von außen kommt. Im Falle von Roxie, vermute ich, passiert dies durch ihre(n) Liebhaber und die Presse“, so Bettina Mönch. Und wie ist das bei ihr persönlich? „Ich glaube, niemand geht auf die Bühne, der nicht gesehen werden will.“ „Es ist die Liebe zur Kunst und natürlich zum Publikum, die uns auf die Bühne zieht“, ergänzt Myrthes Monteiro.
GLÜCKSFALL PARKVERGEHEN
Bettina Mönch verbindet mit „Chicago“ auch eine lustige Anekdote. „Komponist John Kander hat eine Busenfreundin namens Joan Fischer, die wiederum eine enge Freundin in Deutschland hat, die unsere Nachbarin ist. Davon wussten wir abernichts, bis mein Mann (Regisseur Gil Mehmert, Anm.) eines Nachts ihre Einfahrt zugeparkt hat. Als Entschuldigung hat er ihr am nächsten Tag einen Blumenstrauß gebracht und im Gespräch ist herausgekommen, dass sie John Kander kennt.
Ungefähr zu der Zeit, als wir an der Volksoper ,Cabaret‘ gemacht haben. Die Nachbarin hat dann den Kontakt zu ihm hergestellt und wir haben ihn in New York getroffen. Er wird im nächsten Jahr 100 und ist noch immer erstaunlich fit und künstlerisch aktiv.“ John Kander, da sind sich die beiden Hauptdarstellerinnen einig, komponiere hervorragend für die Stimme, weshalb man als Sängerin lustvoll an die jeweilige Rolle herangehen könne. Myrthes Monteiro nennt „Cell Block Tango“ als ihren Favoriten in diesem an großartigen Songs reichen Musical. Für Bettina Mönch ist und bleibt es „Roxie“.
CHEMIE, MATHEMATIK, MUSIK
Musical gilt im Bereich Theater nicht zufällig als besonders anstrengend. Immerhin muss man Schauspiel, Gesang und Tanz unter einen Hut bringen und mitunter zeitgleich ausüben. Wie kamen die zwei zu diesem Beruf? „Meine Eltern haben einander auf der Bühne kennengelernt“, erzählt Myrthes Monteiro. „Meine Mutter ist Sängerin, mein Vater war ebenfalls Sänger und hatte eine Band. Alle meine Onkel und Tanten – von beiden Seiten der Familie – standen ebenfalls auf der Bühne. Es gibt niemanden, der kein Musiker ist. Es war also naheliegend, dass ich schon mit drei Jahren zu tanzen begonnen und auch immer gesungen habe. Ich habe bereits als Kind mit meinem Papa in dessen Tonstudio gearbeitet und mich auch früh für Schauspiel interessiert.“
Später studierte sie an der Brazilian Academy of Circus in São Paulo Gesang, Schauspiel und Tanz – darunter klassisches Ballett, Steppen, Flamenco und Street Dance. „Mein erster Job als Tänzerin war in ,Das Phantom der Oper‘. 2007 bin ich für ,Der König der Löwen‘ nach Hamburg gekommen und in Europa geblieben.“ An der Volksoper stand sie bis Mitte Oktober auch als Anita in „West Side Story“ auf der Bühne. Bettina Mönch fällt nach eigenen Worten hingegen ein wenig aus der Art. „Meine Mutter ist Chemikerin, mein Vater Mathematiker. Wir hatten an der Schule einen Chor, der Musicals aufgeführt hat, und ich habe schnell entdeckt, dass ich das liebe. Ich bin zwar als Kind mit meiner Mama oft in die Oper gegangen, aber nicht so richtig dafür entflammt. Als ich aber mit elf Jahren ,Jesus Christ Superstar‘ gesehen habe, war ich hin und weg. Ab da war mein Berufswunsch klar.“
Als die Männer nach dem Krieg heimkehrten und wieder das Sagen haben wollten, führte das oft zu Eheproblemen.
Myrthes Monteiro
Myrthes Monteiro
Die Münchenerin studierte Musikalisches Unterhaltungstheater am Konservatorium der Stadt Wien und machte in Folge rasant Karriere. Ihr Repertoire umfasst nahezu alle großen weiblichen Musicalrollen – an der Volksoper brillierte sie zuletzt als Sally Bowles in „Cabaret“. Parallel zu „Chicago“ spielt sie Mrs. Danvers an der Oper Dortmund, ab Ende November auch Reno Sweeney in „Anything Goes“ am Aalto-Theater Essen. Ab Februar 2027 kann man sie im Musical „Jekyll & Hyde“ in St. Gallen erleben. Was empfinden Bettina Mönch und Myrthes Monteiro, wenn sie auf einer Bühne stehen? „Im Idealfall einen Flow. Also ein totales Gegenwartsgefühl, bei dem man zugleich aktiv wie passiv ist. Man macht und es macht. Dieses Aufgehen im Moment empfinde ich nirgendwo so stark wie auf der Bühne“, erklärt Bettina Mönch.
„Man hat dann überhaupt kein Zeitgefühl und empfindet alles viel intensiver. Die Beleuchtung auf der Haut, die Musik, die Verbindung mit dem Publikum. Es ist wie Magie“, fügt Myrthes Monteiro hinzu.
Und was tun sie, wenn sie nicht auf einer Bühne stehen? „Üben“, lacht Myrthes Monteiro. „Ich versuche, immer in Verbindung mit mir zu bleiben, gehe in die Natur, spiele Gitarre, male. Ich bin eine sehr kreative Person und wenn ich diese Seite an mir nicht füttere, bin ich nicht glücklich.“ Dazu Bettina Mönch: „Ich lese viel. Und ich koche gerne. Eigentlich bin ich eine richtige Hausfrau (lacht). Wie Roxie Hart.“
Roxie ist ein Möchtegern und ein ausgekochtes Früchtchen, das sich die Wahrheit hinbiegt.
Bettina Mönch
Bettina Mönch
Hier geht es zu den Spielterminen von "Chicago" in der Volksoper!